Schließlich glaube ich aber doch auch noch an ein letztes kleines Häufchen von Menschen (Fazit des reinsten Entwicklungsgoldes der Menschheit heute schon, wenn es auch nur eine kleine Schar ist), die im Anblick des rot aufstrahlenden Himmels der Götterdämmerung das Beste aus all diesen wechselnden Zügen der Kraft nach bewähren würden ohne die Schlacken; die aus der eisernen Stärke des wilden Kämpfers, aus dem tiefsten Sehnen und Resignieren des echten religiösen Kerngehalts, wie aus dem sprühenden Trotz, der dem Tode zutrinkt, endlich den Heldenmut der freien Seele in diesem letzten Scheidefeuer sich schmieden würden, von dem des Dichters Wort gilt:

»Wenn etwas ist, gewalt'ger als das Schicksal,
So ist's der Mut, der's unerschüttert trägt.«

… Auch ein solcher Mensch würde aber doch die ganze Trauer empfinden, die uns beim Tode eines Jünglings ergreift. Die Mummelgreise des blasierten Denkens lügen ja: die Menschheit ist noch nicht alt. Sie ist noch jung bis zur grünsten Dummheit. Sie wollte erst anfangen, wollte erst beginnen, etwas zu leisten. Erst eben fing eine endlose dunkle Naturarbeit an, in ihr einen Sinn zu bekommen. Nun ein glühender Hauch, und das alles soll wieder umsonst gewesen sein.

Vielleicht registrieren sie das Aufflammen der Erde auf einem andern Stern. Einmal wieder eine kleine kosmische Veränderung. Wer weiß, nach wieviel Zeit erst. Das Licht nimmt ja vierzigtausend Meilen in der Sekunde und braucht doch Jahrtausende bis zu den entfernteren Sternen unseres Milchstraßensystems. Dort schieben sich die Geschehnisse durch die verspätete Lichtpost immer weiter und weiter zurück. Wenn die Welt wirklich, wie der Kalender will, erst um 3761 v. Chr. erschaffen worden wäre, so müßte dieses merkwürdige Ereignis für unsere Gegend schon auf Sternen von mittlerer Entfernung jetzt noch unmittelbar beobachtet werden.

Nehmen wir an, es sei nicht zu einer vollkommenen Explosion des Erdinnern gekommen, sondern es hätten bloß die Springfluten und Basaltergüsse beim nahen Vorbeipassieren eines himmlischen Störenfriedes die Menschheit vernichtet, so wäre es denkbar, daß nach Äonen andere, mit weit erhöhter Technik wandernde Intelligenzwesen diesen toten Ball besuchten. Vielleicht, daß sie bei künstlichem Licht durch Schachte in die rätselhafte ungeheure Erstarrungsdecke des ehemals glühend ausgeströmten Basalts eindrängen, wie wir heute uns mit Fackeln hinableuchten lassen in die gespenstischen Räume des Theaters von Herkulaneum, über das einst die heißen Schlammströme des neu explodierenden Vesuv geflossen sind. Wie in jenem verschütteten Theater würde da und dort eine Stufe, ein Säulenrest, eine geköpfte Statue, eine Inschrift von der toten Menschheit zeugen und staunende Neugier, gemischt mit einem Gefühl des Grauens, wecken. Ein verklungenes Märchen, in der Nacht, der Tiefe versunken. Wie Atlantis, wie Vineta der Sage. Nicht einmal seine Glocken klingen mehr. Lava hält energischer im Bann als Wasser. Das ausgeträumte Märchen der Menschheit …


Lassen wir die Grauen und nehmen ein ganz aktuelles, überaus anmutiges Naturbild.

Die meisten von uns haben es in den letzten Tagen des Januar dieses Jahres genossen.

Nicht als Götterdämmerung, sondern in ihren gewohnten roten Abendfeuern ging die Sonne zur Rüste. In dem zauberhaften Farbenbogen, der aus duftigstem, durchsichtigstem Orangegelb, Mattgrün und ganz oben Violettblau sich noch eine Weile leise abklingend im Westen hielt, trat plötzlich hineinblitzend und dann rasch im eigenen Weißfeuer wachsend, bis sie als neuer Mittelpunkt das Ganze beherrschte, die Venus vor. Dieser schöne schneeweiße Planet, der uns so nahe ist und von dem wir doch so rein gar nichts wissen, weil ein ewiger dichter Wolkenschleier zäh das Geheimnis seiner Oberflächengestalt hütet.

Dann aber, rechts von dem strahlenden Auge des Abendsterns, jetzt ein zweites, ganz feines Himmelsgebilde. Wie ein phosphoreszierendes Federchen eben hingehaucht vor den blassen Kristall des abdunkelnden Himmels. Ein schwaches Sternchen, das aussah, als sei es an der freien Wölbung da oben ein Stückchen weit auf die Sonne zugekrochen und habe dabei eine feine Silberspur auf dem Untergrunde hinterlassen. Im Fernrohr erschien ein goldener Kern in einer weißlich verwaschenen Nebelhülle, nicht unähnlich einem ausgeschütteten rohen Ei; von dem floß jene Silberspur dann als langer Schweif aus, mit der starren Geradlinigkeit nicht eines Körpers, sondern viel eher eines breiten weißlichen Lichtstrahls. Nahm man den Kern als ein gelbes Schiffchen, das in einer Nebelwolke fuhr, so ergab sich mit großer Anschaulichkeit auch das Bild eines Scheinwerfers, mit dessen langem schleppenden Lichtbande die Gegend jenseits der Sonne von Bord aus abgesucht wurde.