Durchweg; doch nicht immer. Es gibt Fälle, wo der Wanderer dauernd gefesselt wird.

Denken wir uns im Bilde der Wildgans einen Vogel, der bei zu tiefem Fluge nicht einer einzelnen Klippe begegnet, der er in einer Kurve ausweichen kann. Er soll in ein Gewirre himmelhoher Schären geraten; wo er hin will, sperren ihm neue Klippenzacken den geraden Weg; ratlos beginnt er um die Hauptklippe zu kreisen. Das ist nach Lebensanalogie gedacht. Streng bloß auf Schwereverhältnisse umgesehen, bedeutet es für den Kometen, daß er bei seiner Kurve zu eng in die gesamten Anziehungslinien eines Systems, wie es unser Sonnensystem darstellt, sich hineinverheddert hat. Dieses System ist ja ein unendlich verwickelter Zugapparat. Von allen Seiten zerrt und drängelt es da. Eine gewisse zu kühne Kurvenwendung zur Sonne: und der Komet rollt nicht mehr über sie hinaus, sondern muß auch auf der andern Seite in eine Kurvenbiegung hinein. Die Halbkurven schließen sich aneinander zum gestreckten Kreis: der Komet ist gefangen von der Sonne.

Nun muß er dauernd gleich den schon vorhandenen Planeten um die große Leuchtklippe kreisen. Die alten Planeten selber helfen ihn dabei gründlich abfangen. Speziell unser System ist darin bedenklich für solche Eindringlinge, daß es eine leise Neigung zu dem hat, was bei andern am Fixsternhimmel sichtbaren vielfach offen proklamiert ist, nämlich zur Bildung eines Doppelstern-Systems. Der Planet Jupiter vor allem ist so groß, daß er neben der Sonne wirklich schon fast eine Art Nebensonne spielt, mit der zusammen im Kräftespiel die Zugverhältnisse eines Doppelsterns beginnen. Der Jupiter wird, sobald ihm ein Komet zu nahe kommt, auch schon zum gefährlichsten Beuger und Ablenker. Im Engeren wie als Gesamtaddition wirken aber auch alle andern Planeten schon mit. Kurz: in so und so viel Fällen wird es dem Kometen unmöglich, wieder loszukommen. Aus der flüchtigen Reverenz wird eine Vasallenschaft. Mag er noch so regellos, ohne allen Anschluß an die alten Verträge der Glieder gerade dieses Systems hineingeplatzt sein; mag er rückwärts laufen in der Richtung, wo alle Planeten vorwärts gehen; mag er mit seiner Bahn sozusagen auf dem Kopf der andern stehen; mag er in der Not einen Kreis zur Sonne als Bahn bekommen haben, der das schier unmöglichste an Kreisstreckung duldet; mag er bei jedem Sonnenumlauf alle Planetenbahnen schneiden mit einer Kühnheit, die alle Urverträge hier geradezu zum Spott macht: mitlaufen muß er zunächst auf gut Glück um die Sonne, wie die Planeten es allgemein vertragsmäßig tun. In geschlossener Bahn, die nach gewisser Zeit allemal wieder in sich selbst zurückführt.

Ein solcher Komet, den die Sonne zu irgendeiner Zeit einmal aus dem großen Brunnenabgrund des freien Raumes eingefangen hat, ist nicht der Johannesburger; wohl aber ist es der andere, der seit kurzem in aller Welt Munde ist, der berühmteste, denkwürdigste Haarstern unserer ganzen menschlichen Kultur überhaupt: der Halleysche Komet; benannt nach dem großen englischen Mathematiker und Astronomen Edmund Halley, geboren zu Haggerston bei London 1656, nach einem Leben voll intensivster Arbeit und glänzendstem Erfolge als Beobachter, als Rechner, als Weltreisender im Dienste astronomischer und magnetischer Spezialuntersuchungen, zuletzt als Direktor der weltberühmten Sternwarte zu Greenwich gestorben 1742.

Als jene schlichten Entdecker im Januar den Johannesburger Kometen auffanden, meinten sie, er sei selber der Halleysche. Bis dorthin also war bereits die große Sensation gedrungen, die gegenwärtig bei uns die breitesten Wellen schlägt. Etwas ganz Ungeheuerliches, so hören wir, soll sich nämlich in diesem Jahre (1910) mit dem Halleyschen Kometen zutragen.

Der Separatvertrag, zu dem dieser Halleysche Komet seit seiner Aufnahme in unser System vom Gesetz der Schwere gezwungen wurde, lautete auf eine Umkreisung der Sonne in (rund gerechnet) je 76 Jahren. Umkreisung ist dabei aber nicht so zu verstehen, daß der Komet in einem echten mathematischen Kreise laufen müßte. Er verfolgt nur eine Bahn, die nach Art des Kreises wieder in sich selbst zuletzt zurückläuft. Im übrigen hat sie die Gestalt eines langgestreckten Eies. Ihre eine Ecke ragt bis über die Bahn des äußersten uns bekannten Planeten, des Neptun, vor, ihre andere biegt dagegen noch weit innerhalb unserer Erdbahn ganz nahe um die Sonne herum. Alle 76 Jahre muß der Komet also einmal bis über die Neptunbahn hinaus und einmal zwischen dem Abstande der Erdbahn und der Sonne durchschweifen. Da er immer langsamer bummelt, je mehr er sich in dieser Zeit von der Sonne entfernt, bleibt er aber den größten Teil der 76 Jahre in den entlegeneren Regionen, so fern von uns, daß wir ihn von der Erde aus gar nicht wahrnehmen können. Wie ein Rennpferd in einer ungeheuer ausgedehnten Arena entzieht er sich selbst dem mit Ferngläsern bewaffneten Blick der Insassen unserer Erdenloge, die so relativ nahe dem einen Ende des Zirkus, der Sonne, liegt. Und erst ganz dicht vor dem Termin, da für die Sonnenecke die 76 Jahre wieder einmal abgelaufen sind, sehen wir ihn jedesmal plötzlich auftauchen. In rasendem Tempo stürmt er dann daher, um in vollem Galopp die Sonnensäule zu nehmen.

Seit man die Ziffer seines Umlaufs im Ganzen kennt, ist es diese kurze Spanne je im 76. Sonnenjahre, wo man die Ferngläser nach der Gegend, von wo er kommen kann, zu richten beginnt. Und man wußte nun längst schon, daß mit der Wende von 1909 zu 1910 dieser Termin wieder einmal eingetreten sei. Das wilde Roß mußte auftauchen. Und es ist aufgetaucht, programmäßig wie je.

Zuerst nur im stärksten Fernrohr; dann bereits im schwächeren; endlich an der Grenze des bloßen Auges; binnen kurzem wird es jeder mit freiem Blick genießen können, obwohl innerhalb gewisser Grenzen der Pracht; denn gerade der Halleysche Komet ist zwar, wie gesagt, der denkwürdigste aller Kometen, aber er hat deshalb nie zu denen allerersten Ranges an Schönheit der himmlischen Entfaltung gehört.

Aber eine andere Kunde sichert ihm dafür gerade diesmal das allergrößte Interesse in der ganzen Kulturbreite des Menschenvolkes, das die Erdenloge füllt.