Bleiben wir einmal einen Moment bei dem Bilde des Zirkus. Hier sitzen wir in der Loge. Nahe vor uns steigt in strahlender Pracht die eine goldene Meta auf, die ragende Säule des diesseitigen Eckziels, um das der Renner oder das Gespann, was es nun sei, herumsausen müssen. Lange harren wir. Da endlich dampft eine dicke Staubwolke auf, es kommt, es kommt. Aber auf der goldenen Metasäule wird gleichzeitig etwas Besonderes inszeniert. Ein großer Ventilator ist dort in Kraft gesetzt, dessen schwirrende Drehräder den Staub des Wettrenners beständig von der blanken Meta selber wegblasen, daß er jenseits in weitem Zipfel in die Arena hinausschatten muß. Jetzt der höchste Moment: der Renner umsaust die Metaecke. Im Moment aber, da er unter brausendem Jubel genau zwischen der Goldsäule und unserer Loge durchpassiert, geht über uns die äußerste Ecke des senkrecht von der Meta fortgetriebenen Staubzipfels als flüchtiger Schleier weg.

Der Renner, der sich in rasendem Laufe heranstürzt, ist der Halleysche Komet. Die goldene Meta, die er nehmen muß, ist (nach Ablauf wiederum von 76 Jahren) die Sonne. Die Loge voll gespannter Beobachter nahe dieser Meta ist die Erde. Dicht gedrängt stehen sie in höchster Erwartung, viele mit Gläsern vor den Augen. Der Komet ist aufgetaucht, in eine geheimnisvolle Nebelwolke gehüllt. Je mehr er sich der strahlenden Sonne nähert, desto deutlicher ist es aber, als blase von dieser Sonne irgendwie etwas in den Dunst hinein und jage ihn in langem staubartigem Schweif beständig senkrecht von der Sonne selber fort weit in die Planetenarena hinaus. Und nun ein höchster Moment auch hier: der Komet passiert für eine kurze Spanne genau zwischen der umbogenen Sonnensäule und unserer Erdenloge hindurch. Jenes Etwas, das den Schweif des Kometen senkrecht von der Sonne abpustet, richtet seine Kraft für einen flüchtigen Moment genau auf uns. Und der Schweif ist so lang, daß er durch die ganze Arenabreite von dem dampfenden Renner aus bis zu uns tatsächlich herüberschleift: seine äußerste Spitze erreicht uns, streift uns, fegt über uns fort …

Im Zirkus gibt es etwas Staubschlucken, Knirschen auf den Zähnen, Streichen mit dem Taschentuch. Die allgemeine Begeisterung über das große Schauspiel reißt rasch darüber fort. Wie aber wird das Bild hier weiter passen? Wie wird es werden, wenn der Schweif des Kometen wirklich über unsere Erde fegt?

Als Datum, an dem der Halleysche Komet eine Stunde lang zwischen Sonne und Erde durchpassiert, ist (falls nicht noch unberechnete Störungen der Bahn eintreten) die Nacht vom 18. zum 19. Mai dieses Jahres angesetzt.

Kurz vorher, um den 1. Mai, fegt der Kometenschweif aus viel größerer Nähe über die Venus. Falls den planetarischen Logen durch den kometarischen Staubwirbel ernsthaft ein Schaden geschehen sollte, würden wir also schon zu diesem früheren Termin den Effekt an der Venus studieren können. Wenn die Loge dort in äußerlich sehr grober Weise unter einem Sandsturm einstürzen oder durch sprühende Funken in Brand gesetzt werden sollte, so werden wir das auf jeden Fall mit ansehen, ehe es uns selber noch entsprechend geht. Feinere Wirkungen, die speziell nur das zarte planetarische Häutchen des Lebens betreffen würden (ob es ein solches auch auf der Venus gibt, wissen wir unmittelbar überhaupt noch nicht), ließen sich allerdings auch so nicht ablesen. Zum Beispiel, wenn der Staub so dick wäre, daß die Logeninsassen rein an ihm erstickten, ohne daß die Loge im Ganzen zusammenstürzte. Oder gar, wenn es sich um eine Art kosmischen Auto-Wettrennens handelte, bei dem die Schweifwolke, die über die Loge fortginge, aus derartig konzentrierten Giftgasen im Sinne hochgesteigerten Benzingestanks bestände, daß sie alle Zuschauer vergiftete.

Durch den realen Schweif eines fremden Weltkörpers, eines Kometen, soll die Erde gehen! Stoff eines weithin sichtbaren, offenbar riesengroßen kosmischen Gebildes soll von außen unsere Erde berühren. Es liegt doch eine seltsame Stimmung über diesem Moment. Wer hat das Gefühl nicht einmal gehabt: man geht in der vollkommenen Dunkelheit und zuckt plötzlich zusammen, aus dem Unsichtbaren scheint einen etwas zu berühren, eine Hand. Eine solche dunkle Hand aus dem All rührt an uns mit dem Kometenschweif. Wenn in der Nacht der Himmel sich rötete! Götterdämmerung …

Wenn man die Garantien sich vergegenwärtigt, die sonst unsere Menschenloge im All schützen, so liegt die stärkste in den gewaltigen Entfernungen, die im allgemeinen die großen Weltkörper voneinander trennen. In rascher Bewegung, mit explosibeln Substanzen innerlich geladen wie Bomben, bildete jeder für den andern eine beständig brennende Gefahr, wenn eben nicht diese starken Abstände wären.

Scheiner, der ausgezeichnete Astrophysiker, hat das gelegentlich in ein anschauliches Bild gebracht. Denken wir uns die Sonne in den Größenverhältnissen der Domkuppel zu Berlin. Dann liefe der nächste Planet durch das Berliner Reichstagsgebäude. Die Venus schnitte durch Tiergarten und Humboldthain. Die Erde berührte den Bahnhof Tiergarten. Die Bahn des Mars läge bei Tempelhof, die des Jupiter über Spandau und jenseits Erkner. Saturn kreuzte Liebenwalde und Nauen, Uranus schon Wittenberg und Frankfurt a. O. Für den Neptun reichte Preußen nicht mehr überall. Er kreiste dicht vor Leipzig und schnitte Stettin und Magdeburg.

Nehmen wir in diesen Abständen Eisenbahn- oder Hochbahnlinien, so wird keiner an Zusammenstöße denken; es gibt keine Weichen, keine bedrohlichen Gleisdreiecke. Nun aber gar in dem gleichen Bilde die Entfernung der Sonne und dieses ganzen Systems bis zum nächsten Fixstern. Wenn der Blick das Firmament sucht mit seinem Sterngewimmel und man hört, daß der einheitliche bleiche Schein der Milchstraße bloß für unser Auge entstehe durch die Zusammendrängung unendlicher Sternmassen auf diesem Fleck, so kann die Frage kommen, ob in diesem rinnenden Silbersande nicht beständig Sternenstäubchen gegeneinander prallen müssen. Aber was für Räume liegen in Wahrheit zwischen diesen Punkten, die für uns wie wehender Silberstaub durch die Himmelsweite regnen! Wenn die Domkuppel die Sonne ist und der Neptun durch Magdeburg passiert, so ist der schöne Doppelstern Alpha im Sternbild des Centauren, unser nächster Fixstern, nahezu um das Doppelte der wahren Entfernung des Mondes von der Erde von dieser Domkuppel entfernt, also fast zweimal 51 000 Meilen. Es hat etwas Schauriges, sich die lieben Lichtpünktchen da oben, die so dicht gereiht glänzen und vereint die hübschesten Sternbilder formen, gesondert zu denken durch solche kalten Abgründe des Raumes, in denen den Wanderer das entsetzlichste Gefühl der absoluten Öde ergreifen müßte. Und doch liegt eben in dieser Öde die große Garantie für uns. Sie ist der heilige Grenzrain, der die Karambolagen verhütet, sie schützt den Frieden der Gestirne.