Keine der Bahnen unserer großen Planeten kreuzt eine andere. Nur bei den kleinsten Körpern des Systems, wie den durchweg winzigen Planetoiden, kommen Schnittpunkte der Bahnen vor; der eine oder andere solcher Zwerge durchbricht die Jupiterbahn, einer, der Eros, schneidet weit in die Marsbahn hinein. Aber gerade dieses unruhige Kleinvolk liegt doch wie im Ganzen gebändigt und in eine ungefährliche Ecke zusammengestrudelt an einer bestimmten Stelle des Systems aufgehäuft, anstatt frei zu schwärmen; speziell unsere Erde wandelt ihm schon sehr fern im wieder gereinigten Feld. Eine überaus günstige Stellung für die Balance des ganzen Riesenapparats nehmen umgekehrt die beiden Kolosse darin ein, Saturn und vor allem der Jupiter, der, wie gesagt, dem Ganzen fast den Charakter eines Doppelstern-Systems gibt. Man kann das ohne direkte Teleologie so ausdrücken, daß man sagt: die Balance des Ganzen war eben nur möglich bei solcher Einstellung, und nur als diese Lage sich endlich fand, erhielt das System endlich Dauer; das entspricht dem Darwinschen Gedanken von der Erhaltung des Passendsten aus vielen durchgeprobten Möglichkeiten; so lange sind die Dinge in Urzeiten vielleicht immer wieder zusammengebrochen, bis sich die einzig mögliche Dauerform endlich in dieser Anordnung herausgelesen hatte. Gegen die geschichtliche Deutung in diesem Sinne ist gar nichts zu sagen, aber das Resultat, das uns heute die glücklichste Stabilität der ganzen Flugmaschine unseres Systems garantiert, bleibt das gleiche für uns.

Alfred Russel Wallace, der alte Mitstreiter Darwins, hat gelegentlich ein dickes Buch darüber geschrieben, wie ausgesucht sicher für eine lange ungestörte Fortexistenz intelligenter Wesen doch gerade unsere Erde inmitten all dieser kosmischen Garantien sei. Mit den sinnreichsten astronomischen Einfällen und Aussichten hat er das durchgeführt. Herr Wallace ist, obwohl er selber seinerzeit der Mitbegründer jener Theorie der natürlichen Zuchtwahl war, heute der wunderlichen Ansicht, in uns Menschen steckten nicht nur höchstentwickelte Intelligenztiere unseres Planeten selbst, entwickelt hier in der jahrmillionenlangen ungestörten Ruhe dieses Planeten. Ihm sind die menschlichen Gehirne vielmehr Wohnstätten fernher gewanderter kosmischer Geister; aber diese Geister sollen sich eben die Erde ausgesucht haben als gesichertste Wohnstätte im All. Eine spaßhafte Idee an sich, die aber doch in der Phantasie eines kenntnisreichen und geistvollen Forscherkopfes dafür zeugt, wie sehr sich die glückliche Raumlage der Erde aufdrängt, von wo immer man an sie herangehe.

Auch wer in die Zukunft spekulieren will, sich denkt, daß dort einmal die Planetenbahnen sich änderten, daß die Sonne erkalten könnte, daß nach Tausenden vielleicht von Billionen von Jahren die Eigenbewegung der Sonne und der nächsten Fixsterne doch einmal zu einer uns mitreißenden Fixstern-Karambolage führen könnte (Dinge, die notabene alle heute nicht etwa bewiesen werden können, sondern im breitesten Spielraum des reinen Spekulationsvergnügens liegen), wird aus dieser bestehenden Lage doch mindestens noch eine Zukunftsgarantie für Frieden ohne Katastrophe auf viele Jahrmillionen hinaus zugeben müssen.

Auch daß der Raum, durch den wir alljährlich einmal mit der Erde wandern, normalerweise niemals absolut leer ist, liegt aller bisherigen Erfahrung nach nicht in der Linie ernsthafter Gefahr. Feine, unsere Bahn kreuzende Stoffteilchen verpuffen schon an den obersten Schichten des großen Deck- und Puffermantels, den unsere Atmosphäre bildet, allnächtlich zu völlig harmlosen Sternschnuppen. Mikroskopischer kosmischer Staub, der sich da und dort auch aus solcher Quelle bei uns anhäuft (z. B. in der Tiefsee), geniert niemand. Einzelne größere meteorische Metall- oder Steinbrocken, die gelegentlich doch noch in einer gewissen derben Greifbarkeit zu uns herunterkommen, haben eine eigentlich verderbliche Rolle auch noch nie gespielt. An sich sind sie so selten und meist so unauffällig, daß lange genug wissenschaftlicher Streit sein konnte, ob sie überhaupt vorkämen. Das ist nun zwar heute erledigt, aber die Wahrscheinlichkeit, daß auch nur ein Einzelmensch gerade von einem Meteorstein vernichtet werden solle, liegt weit unter der, daß der Betreffende zweimal hintereinander das große Los gewinnen solle. Selbst einzelne größere Blöcke, die man nachträglich gefunden und mit mehr oder weniger Sicherheit als meteorisch bestimmt hat, können nur so minimalen Schaden auf winzigem Fleck getan haben, daß die geringste irdische Vulkaneruption als wahre Riesenkatastrophe dagegen erscheint.

Alle diese normalen Verträge aber, darüber ist nun wirklich kein Zweifel, bricht der Komet. Er rennt unter Umständen nicht nur senkrecht in die Planetenkreise hinein, sondern er entwickelt auch aus sich heraus körperliche Größenverhältnisse, die jene planetarischen Zwischenräume belanglos machen. Es gibt Kometen, die in der Sonnennähe Schwänze von zwanzig Millionen Meilen Länge entwickelt haben. Das ist nahezu das Dreifache unserer kleinsten Erdentfernung vom Mars und fast das Vierfache von der Venus. Wenn ein solcher Komet beinahe viermal so weit wie die Venus von uns entfernt stände und seinen Schweif auf uns eingestellt hätte, müßte dieser Schweif uns noch energisch über den Kopf schlagen, angenommen, daß er die Beschaffenheit einer harten Pritsche hätte. Er könnte dabei auf der Sonne sitzen und uns doch über den ganzen Zwischenraum hindurch, quer durch Merkurbahn und Venusbahn, einen Stüber versetzen. Wenn der Komet wirklich mit einer Pritsche hauen kann oder wenn er uns in seinem Schweif mit etwas anpustet, das uns versengen oder vergiften muß, so sind wir bei solcher Sachlage einfach verloren. Das Damoklesschwert hängt bei der notorischen Menge der Kometen immerfort über uns. Das Unheil, das uns jetzt in der Nacht vom 18. zum 19. Mai drohen soll, ist nur die Krisis eines chronischen Leidens, das auch außerhalb des angesagten Termins jeden Tag ausbrechen kann. Der Halleysche Komet ist ja einer der wenigen in ihrem Lauf sicher berechneten. Andere kommen beständig unverhofft; so eben der Johannesburger. Wenn ihre Pritsche zufällig so liegt, daß sie zu uns heranlangt, kann täglich, stündlich die große Katastrophe eintreten. Die offene kosmische Garantielosigkeit ist hier proklamiert.

Wenn … ja, wenn der Komet eine Pritsche oder sonst irgend etwas Gefährliches hat. Das ist die entscheidende Frage. Was ist ein Komet?

Von den Planeten wissen wir, daß sie Lokomotiven sind. Ein Zusammenprall bedeutete eine entsetzliche Katastrophe. Aber wenn von der Lokomotive eine lange Dampfwolke in die grüne Wiese hinein verloren wird und dieser Dampfschwaden einen Spaziergänger für einen Moment einhüllt, so ist das keine Katastrophe. Wenn auf dieser Wiese im Herbstabend Erlkönig seine Nebelschleier spinnt und die Lokomotive durch diese Schleier saust, so ist das keine Katastrophe. Ist der Komet eine kraftzitternde ungeheure Lokomotive … oder ist er eine harmlose Rauchsäule, ein Nebelstreif aus den Wiesen des Alls? Sein oder Nichtsein für uns, das ist hier die Frage.


Still glänzt das silberne Wölkchen da oben, das jetzt nachweisbar seit rund zwei Jahrtausenden alle sechsundsiebzig Jahre immer einmal wieder in unser Menschenwesen hineingeschaut hat. Immer wieder hat es uns dabei in neuen Stadien dieser Frage gefunden. Wenn der Halleysche Komet ein Geschöpf wäre wie wir, das Erinnerungen sammeln und wiedererzählen könnte, so würde er uns ein merkwürdiges Buch schreiben können von Wahn und Hoffnung der Menschen, wie sie in diesen Abständen auch gravitiert haben um das dunkle Zentrum jener Frage. Zweimal tausend Jahre hat er uns Zeit gelassen, endlich Stellung zu ihm zu nehmen.