Das Jahr 11 vor Christi Geburt ist das älteste Datum, bis zu dem man ihn ziemlich sicher verfolgen kann. Wenn man die je 76 Jahre nur als runden Wert nimmt, bedeutet das für heute also gerade das Jubiläum seiner fünfundzwanzigsten Wiederkehr.
In Bezug auf Störungen wie Zerstörungen (wir haben von diesem Begriff bei Kometen gleich noch zu reden) muß er in dieser langen Zeit eine relativ recht glückliche Lage gehabt haben, es steht also nichts im Wege, sich zu denken, er komme in Wahrheit sogar schon viel länger.
So mag er schon in die Zeiten der alten Babylonier hineingeleuchtet haben, in jenen ersten Frühling astronomischer Forschung, aus dem uns gerade über Kometen schon eine Meinung und zwar eine gleich zu Anfang überraschend treffende überliefert ist. Wie Fische, hieß es, tauchten sie ab und zu in die Tiefen ihres Meeres, der fernen Himmelsräume, so daß man sie nicht mehr sehen könne; zu ihrer Zeit kehrten sie aber wieder aufsteigend in unsere Nähe zurück. Der Begriff des wandernden Weltkörpers, der gleich den Planeten in einer Bahn lief, war damit zum erstenmal gefaßt. Und diese Ansicht sollte in der ganzen Antike bis zu ihrem Schluß nie mehr ganz verloren gehen.
Als der Komet in die Glanztage von Hellas hineinleuchtete, war sie die Lehrmeinung der Pythagoreer, die sogar direkt annahmen, im Kometen stecke eine Art Planet. Als er aber wiederkam kurz nach dem Tode des Aristoteles, hatte sich eine zweite Deutung entgegengestellt, die nun auch ein zähes Leben haben sollte, obwohl sie den verhängnisvollsten Irrtum enthielt.
Aristoteles lehrte, ein solcher Komet sei alles andere eher als ein frei kreisender Weltkörper. Eine flüchtige Erscheinung unseres engeren Luftkreises sei er nur; ein vom Erdboden aufgedunstetes leuchtendes Wölkchen also, das sich bildete und zerfloß; wir heute würden sagen: etwa wie ein Nordlicht, das man damals auch für brennenden Nebel hielt. In dieser Zeit war zwar noch nicht abzusehen, was Aristoteles für eine Macht werden sollte weit über die ganze Antike hinaus. Aber zwei Meinungen gingen fortan durch diese Antike selbst, die sich gegenseitig grell ausschlossen.
Die erste historisch bezeugte Wiederkehr des Kometen nach Christi Geburt, um das Jahr 65, fiel in das Todesjahr des geistvollen Römers Seneca. In einem liebenswürdigen kleinen Plauderbuche über naturwissenschaftliche Fragen, das man vielleicht als die früheste erhaltene populärwissenschaftliche Feuilletonsammlung bezeichnen kann, bekannte sich Seneca durchaus noch zu der pythagoreischen Idee. Die Kometen sind ihm Gestirne wie Sonne und Mond, in festen Bahnen laufend; eine Zeit werde kommen, da man diese Bahnen sicher berechnen werde; eine erste gute Prophezeiung, die von einem feinen Kopf vor Kometen gewagt wurde.
Aber eben in diesen Tagen lebte auch der dicke Admiral Plinius, der eine Art Konversationslexikon des damaligen Wissens zusammenstoppelte, in seiner Art ein grandioses Werk, das uns unendlich viel gerettet hat. Herr Plinius, der »große Meyer« also jener Zeit, urteilt selten, meist kompiliert er verschiedene Ansichten. Auch von den Kometen weiß er, daß die einen sie für echte Gestirne halten, die andern für brennenden Qualm, der aus Feuchtigkeit und Feuerstoff entsteht und sich bald wieder auflöst.
Aber dazu bringt er nun einen aparten Qualm, aus dem plötzlich deutlich wird, was für eine dritte Meinung sich allmählich im Volk und speziell bei den Kulturrömern durchgekämpft hatte und zur Stunde unabhängig von aller Wissenschaft sozusagen auch offizielle Hof- und Staatsräson des römischen Cäsarenhauses war. Die Kometen hatten nicht nur allerhand seltsame Gestalten; Plinius unterscheidet Bartsterne, Schießsterne, Schwertsterne, Scheibensterne, Tonnensterne, Hornsterne und Lampensterne. Sie erschienen auch nicht nur ab und zu ganz plötzlich. Sondern sie bedeuteten etwas. Sie selber taten uns nichts, aber sie verkündeten, daß etwas geschehen werde. Sie hatten sozusagen einen moralischen Sinn außerhalb aller unmittelbaren Naturerklärung.
Diese Vorstellung führte aus allem naturwissenschaftlichen Denken heraus, sie war der einfache Bankerott jeglicher Wissenschaft überhaupt. Aber in der breiten Volksmasse jener Zeit war sie offenbar damals bereits längst die beliebteste, und es war bloß charakteristisch, daß sie jetzt auch nach oben zu sich anschickte, das Denken zu erobern und die dort gefundene Logik wieder zu entthronen.