Charakteristisch ist aber zugleich, wie der menschliche Pessimismus sich mit ihr der Sache bemächtigte. An sich ist eine moralische Vorbedeutung doch indifferent, sie könnte auch Gutes bedeuten. Plinius selbst erzählt von Augustus, dem schlauen Herrschaftskünstler, der sich alles mit Geschick zurechtzulegen wußte, wie er einen herrlichen Kometen seiner Zeit, der »in allen Ländern gesehen wurde«, als Glückszeichen seines Regimentsantritts nahm und ihm sogar einen besonderen Tempelkultus weihte. Aber dieser Optimismus hielt nicht stand.

Von allen andern Kometen weiß der große Kompilator nur Schauderhaftes an Vorbedeutung zu berichten, Bürgerkrieg und Blut und Gift. Mit einem Kometen kommt der böse Nero zur Regierung, und mitten in seinen Greueln taucht schon wieder einer auf, der »lange sichtbar und von sehr schlimmem Einfluß war«. Über den letzteren kann kaum ein Zweifel sein: es ist eben unser Halleyscher von Senecas Todesjahr. Also er selber jetzt Unglücksprophet!

Alles an den Kometen dient nun dieser amtlichen Magie, selbst das Sternbild, vor dem sie erscheinen; geschieht es im Gestirn der Schlange, so bedeutet das nach Plinius Vergiftung; trifft es auf gewisse Leibesstellen der imaginären Sternbilderhelden, so kommen skandalöse Sittenzustände. Zu diesen Dingen hatte das finsterste Mittelalter und Nachmittelalter wenig hinzuzufügen: das ganze Rezept ist schon bei Plinius fertig.

Viermal hat der Halleysche Komet darum doch noch in den großen Abendglanz der echten freien Antike hineinleuchten dürfen. Als er 373 n. Chr. wieder in seine Sonnennähe kam, lehrte zu Alexandria noch der Mathematiker Theon (ein Zeitgenosse des bekannten Pappus), und er lehrte, wohl im letzten verglühenden Rot des Pythagoreertums, daß die Kometen reisende Lichtwolken seien. Dieses liebenswürdigen Mannes geniale Tochter Hypatia bestieg selber einen Lehrstuhl der Astronomie und Mathematik. Sie aber wurde, zum vollgültigen Beweise, daß die große Weihezeit des antiken Gedankens nun wirklich zu Ende sei, folgerichtig von fanatischen Mönchen auf offener Straße zu Tode mißhandelt; der Halleysche Komet befand sich zu dieser Zeit in der Gegend der Neptunbahn.

Mehr als ein dutzendmal mochte er aber jetzt wiederkehren, ohne daß die endgültig festgefahrene Sache sich rückte und regte.

Für die Wissenschaftler des Abendlandes wurde Aristoteles zur naturgeschichtlichen Bibel, im besten Falle blieben die Kometen also für mehr als tausend Jahre Kulturdenken jetzt durchaus nur brennende atmosphärische Dünste; kein Araber ist zum Beispiel darüber mehr hinausgegangen. An Stelle der Kausalerklärung für diese Qualmphänomene, wie sie Aristoteles selber noch gefordert hätte, trat aber in ganzer Breite, im Volk, bei Hof und amtlich und schließlich auch auf weitaus den meisten Professorenstühlen die einfache rohe Moraldeutung: der Brandqualm war von Gott als Fackel entzündet, damit wir aufmerksam wurden, es kam etwas, und zwar natürlich etwas Unangenehmes. Auf der katholischen wie später der reformierten Kanzel sah man im Kometen ein Bußzeichen. Fatales hatten die Zeiten ja genug, Pest, Hungersnot, Wasserfluten, Hunnen und Türken, böses Regiment und streitenden Glauben. In der Menge gingen Verschen um, daß ein Komet am Himmel acht Hauptstücke bedeute: »Wind, Teurung, Pest, Krieg, Wassersnot, Erdbeben, Ändrung, eines Herren Tod.« Die armen Menschenkinder hatten sozusagen zum Schaden den Spott. Nach ließ das Schicksal ihnen nichts, und aus eigener Kraft konnten sie's so rasch auch nicht andern; so stand die Kometenprophezeiung am Himmel wie ein Tort, bloß damit man sich auch schon vorher ängstige. Mit mehr Haß sind die »Lichtwolken« Theons wohl nie angeschaut worden als damals, wie denn sogar eine launige Sage einen resoluten Papst, Calixtus III., gegen unsern Halleyschen Kometen bei seiner Wiederkehr von 1456 den Kirchenbann schleudern läßt wegen ungehöriger Beunruhigung der Christenheit.

Der Komet wanderte nach diesem luftigen Intermezzo abermals auf seine Neptunsecke zu, als zu Thorn Kopernikus geboren wurde. Kopernikus lebte noch, als er 1531 wiederkam. Die größte Tat der Astronomie war aber bereits geschehen, die neue Ansicht vom Bau unseres Sonnensystems handschriftlich niedergelegt und im engsten Freundeskreise bekanntgegeben. Sie bedeutete auch für die alte babylonisch-pythagoreische Lehre, nach der die Kometen in planetenhaften Bahnen liefen, den großen Fortschritt, daß jetzt Planet wie Komet ausschließlich um die Sonne statt um die Erde gingen; eine Ahnung dieses Sachverhalts hatte freilich in ihrer besten Zeit auch die Antike selber schon einmal gehabt.

Gerade die Kometentheorie war aber inzwischen so verbaut worden, daß die Halleysche Lichtwolke noch gut zweimal wandern konnte, ehe man nur so weit war, den antiken Obergedanken für sie aus all dem Wust wieder zurückzufinden. Verlangte man doch lange nach Kopernikus noch vielfach bei der Zulassung eines Professors das ausdrückliche Zeugnis, daß er nicht nur überhaupt mit Aristoteles, sondern auch speziell mit seiner Kometenerklärung als brennendem Luftqualm einverstanden sei.

Rücken mußten die Dinge indessen endlich doch. Die Hochflut astronomischer Ketzerei, die der sanfte Domherr zu Frauenburg angeregt, ließ sich dauernd nicht mehr eindämmen. Als der Komet 1607 wiederkam, bereitete sich gerade der Hauptschlag bei Galilei vor: das Fernrohr war erfunden worden, und wenig später kamen jene heiligen Entdeckernächte, da zum erstenmal ein brennendes Menschenauge die Monde des Jupiter, die Bergschatten auf dem Monde, die Sichelgestalt der Venus, den Saturnring und die Sternmyriaden in der Milchstraße sah. In diesen Nächten tagte es für den Geist unaufhaltsam.

Der Halleysche Komet war noch nicht zwanzig Jahre wieder auf der Neptunfahrt, da sprach Kepler aus (was schon Tycho de Brahe vermutet hatte): die Kometen könnten nicht Gebilde unseres Luftkreises sein, denn sie ständen laut simpler Messung von zwei verschiedenen Beobachterposten aus mindestens höher am Himmel als der Mond. Damit war die Natur als »Gestirne« wenigstens wiederhergestellt, der Komet aus Moralqualm und aristotelischem Luftqualm neu für die Astronomie gerettet. Kepler selbst glaubte dabei noch an lauter fast geradlinige Bahnen neben der Sonne hin, so daß also niemals der gleiche Komet wieder zu uns zurückkehren könnte. Die Kugel begann aber zu rollen. Das ungeheuer beschleunigte Tempo erneut freien wissenschaftlichen Forschens, das sich bis heute hält, hatte eingesetzt, und vor ihm bedeuteten 76 Jahre, die man früher hatte verzehnfachen müssen, um über das einförmige Denken einer Epoche zu kommen, auf einmal einzeln sehr viel.