Der treffliche Holzschnitt läßt aber keinen Zweifel, was für ein böser Gast der Wildnis in Wahrheit gemeint sei: es ist unser braves Stachelschwein, das in dieser Weise Tier und Mensch über den Haufen schießen soll. Die mächtigen Stachelkiele dieses großen Nagers, der nächtlich durch die römische Campagna trollt, kennt ja wohl jeder. Wer sich aber jemals die Mühe gemacht hat, solches Stachelschwein im Zoologischen Garten genauer zu beobachten und (im Gegensatz zu den ernsthaften Anweisungen der verehrlichen Direktion) zu »reizen«, der weiß auch, daß es zu den ausgesprochenen »Schrecktieren« gehört – das heißt jener Gruppe von Tieren, die es verstehen, dem, der sie zu erschrecken gedachte, selber einen guten Schreck einzujagen.
Kaum geneckt, klopft es auf wie ein Kapellmeister, der sein Signal gibt, und im gleichen Augenblick setzt auch wirklich schon sein ganzes Orchester ein: hoch auf sträuben sich unter lautem Gerassel seine Stacheln bis zur vollen Breitenverdopplung des ganzen Tiers und konzentrieren sogar ersichtlich ihren willkürlich beweglichen Speerwall genau in der Richtung des Angreifers. Während vorne die langen gelben Zähne fletschen, wendet sich die unheimliche rückseitige Phalanx blitzschnell gegen alles, was von hinten oder seitwärts kommt, und dieser rückstoßende Angriff ist kein Spaß. Einem Menschen, dem solcher »Igel«, wie der alte Soldatenausdruck für einen derartigen gestrafften Lanzenklumpen lautet, gegen die Beine fährt, geht es unerbittlich durch Hose und Fleisch, und die Wunden sind so fatal, daß man sogar an eine Art Vergiftung durch den Hauttalg dabei gedacht hat. In der Größe etwa eines wirklichen starken Schweins wäre solcher Stacheler zweifellos einer der furchtbarsten Angreifer der ganzen Tierwelt.
Nun, hinter dem Gitter im Zoo kann man die Sache ja behaglich sich ansehen. Wehe dir aber, wenn die Legende recht hätte! Vom sterbenden Cäsar hören wir, daß er zuletzt noch mit seinem Schreibgriffel sich der Mörder zu erwehren suchte. Vom erzürnten Stachelschwein aber liest man nicht bloß beim alten Gesner, nein, man kann es noch heute überall im Süden vom gemeinen Mann bestätigen hören: daß es im äußersten Wutanfall vermöchte, seine wie Glas so harten und scharfen natürlichen Schreibkiele durch wildeste Muskelspannung aus ihren Hauttaschen herauszuschleudern und dem Feinde regelrecht in den Leib zu schießen.
Nach den alten Autoren soll solcher Schuß gar ein dickes Brett durchbohren können. Und seltsam nur: in keinem Zoo-Zwinger hat der Unhold seit je gerade diese angebliche Freikunst betätigen wollen. So schloß also schon der gute Buffon im 18. Jahrhundert, der sonst für Fabeln noch manchen Bedarf hatte, das »schießende Dornschwein« sei wirklich nur ein zoologisches Märchen.
Indessen wie es wunderlich hergeht. In unsern Tagen hat ein bester Zoologe und Tiergärtner, Vosseler vom schönen Hamburger Garten, auch für das wirkliche und wahrhaftige Schießen dieses »lanzenkundigen Königs« erneut eine ernsthafte Lanze gebrochen.
Er hat zunächst theoretisch wahrscheinlich gemacht, daß das Stachelvieh, wenn auch wohl nicht gewohnheitsmäßig, so doch gelegentlich in der höchsten Wut schießen könne. Ein Taschentuch, das auf die Stacheln geworfen worden war, wurde beim jähen Ruck der Trutzstellung volle zwei Meter weit fortgeschleudert. Da die Stachelkiele leicht ausfallen und im Affekt durch besondere Muskeln in wildesten Kurven herumgeschwungen werden, erschien es also durchaus nicht unmöglich, daß der eine oder andere auch in solche Weite tatsächlich hinausschwirren und sich drüben irgendwo tief einbohren könnte. Und dazu wird nun ein anscheinend einwandfreier Bericht beigebracht, wonach ein in der Falle gefangenes wildes Stachelschwein den Baumstamm über seinem Fangeisen bis über Manneshöhe mit solchergestalt abgeschossenen Pfeilen bespickt hätte.
Im Zoo müßte den Stachlern für gewöhnlich wohl die Leidenschaft zu solcher äußersten Tat abhanden gekommen sein, was aber an sich nicht ganz außergewöhnlich wäre, da zum Beispiel auch das berüchtigte Stinktier hier von seiner gemeingefährlichen »Stinkpistole« keinen Gebrauch zu machen pflegt, selbst wenn man es ärgert. Immerhin gestehe ich, daß ich seither vor dem Stachelschweinkäfig merklich tugendhafter geworden bin und mich geneigt fühle, das Direktionsgebot zu achten, nach dem man kein Tier reizen soll, das beißt, spuckt oder gar – schießt.
Bleibt inzwischen hier immer noch etwas Problematisches, so fehlt jeder Zweifel in einem andern Fall.
Unsere ganz gewöhnlichen Weinberg- und Gartenschnecken schießen, schießen vollkommen regelrecht und zielgemäß mit einem Apparat, der eigentlich drei Waffen zugleich vorwegnimmt: die Armbrust, das Pusterohr und die pneumatische Pistole.