Seltsame Vorstellung gewiß, eine Schnecke, die schießt. Man kann sich einen Seehund und einen Elefanten abgerichtet denken, daß sie eine Pistole abfeuern; aber ausgesucht eine Schnecke!
Das Schießorgan der Schnecke (diesmal ist es ein wirkliches Organ zum Zweck) sitzt auf der rechten Seite vor dem Atemloch, das bei diesen landbewohnenden Sorten die hier vorhandene Lungenatmung ermöglicht; bekanntlich gibt es bei diesem sonderbaren Volk genau wie bei den Wirbeltieren fischartige Kiemenatmer, Amphibien mit Doppelatmung und echte Lungenatmer. Das Organ hat durchaus den Bau eines kleinen Pistolenlaufs, in ihm aber steckt ein regelrechter spitzer Pfeil aus harter Kalkmasse. Für gewöhnlich verharrt der Pfeil ruhig in dem Lauf wie in einem hüllenden Etui. Wenn die Schnecke aber schießen will, so richtet sie den Lauf durch besondere Muskeleinstellung, zielt und entsendet den Pfeil in kraftvollem Stoß aus der Mündung, indem zugleich dabei ein weißes Wölkchen zerstiebender Flüssigkeit wie der Dampfstrahl des Schusses aufpufft.
Bloß Blitz und Knall fehlen – sonst ist es ein regelrechter Pistolenschuß, und über die Absicht des Schießens kann diesmal keinerlei Zweifel, wie gesagt, mehr sein. Wird eine zweite, gerade in der Nähe befindliche Schnecke von dem Pfeil oder Bolzen getroffen, so zeigt sich auch die genügend energische Wirkung: er bohrt sich in die Haut ein, ja manchmal geht er noch durch sie hindurch, und die Getroffene zuckt merkbar dabei zusammen. Das Merkwürdige wieder aber ist hier, daß stets nur eine zweite Schnecke so zum Schußziel genommen wird und nichts sonst, und das Allermerkwürdigste ist, daß sich die Schnecken mit solchen Pistolenschüssen nicht zu jederseitiger Verteidigung bedrohen, obwohl der Treffer ersichtlich etwas schmerzt, sondern daß sie sich beschießen – man kann nicht gut anders sagen, als weil es ihnen im Gegenteil Spaß macht.
Es handelt sich um eine Art Salonschießerei, die das Liebeswerben der Schnecken einleitet. Wie der Pfau vor dem Weibchen sein Rad schlägt, wie der Paradiesvogel seine herrlichen Schmuckfedern als eine Art Strahlenkrone auf der Liebesbalz um sich entfaltet, wie die sehnende Nachtigall singt und das verliebte Heimchen geigt – so scheint auch der Schuß der Schnecke nichts anderes zu sein als das stumme Bekenntnis ihres Werbens. »Liebespfeil« nennt der Naturforscher folgerichtig den kleinen Kalkstift, der dabei versandt wird. Es ist ein wunderliches Ding um die Natur in der Unerschöpflichkeit ihrer Mittel an dieser Ecke. Technisch entscheidend aber ist, daß zu dem spielenden Zweck auf alle Fälle hier die regelrechte Schußwaffe schon erfunden ist.
Zwar der Knall des Schusses fehlt. Was verschlüge es aber der alten Meisterin, auch das hinzuzubringen? Hat sie es doch an anderer Stelle separat vollbracht.
In manchen Teilen Deutschlands begegnet man unter Steinen oder Wurzeln kleinen, kokett gefärbten Käferchen aus dem Laufkäfergeschlecht, die, wenn man sie nachher aus dem Buch bestimmt, verwunderliche Namen ergeben: crepitans, der Kracher, explodens, der Explodierer. Und in der Tat, wenn solcher hübsche Kerl ernstlich in die Enge getrieben wird, so pufft auch hier ein bläuliches oder weißliches Gaswölkchen auf, und es gibt einen hörbaren Knall dazu. Ein Tröpfchen Drüsensaft des Mastdarms enthielt eine Säure, die an der Luft nach Art der Salpetersäure explodiert. Der tapfere Gesell hat auf dich geschossen wie die Schnecke. Und diesmal war es ein richtiger Schreckschuß, freilich ungeladen: der unvermutete Knall ist es, worauf diese »Bombardierkäfer« das Entscheidende legen. Gegen Verfolger aus der eigenen Käferverwandtschaft muß das Geräusch in Verbindung mit etwas stechendem Pulverdampf mit Ätzwirkung wohl schon genügen.
Da es aber eine Menge Tiere gibt, die Leuchtapparate besitzen und darunter auch solche (zum Beispiel gewisse Fische in der dunkeln Tiefsee), bei denen die Laterne unmittelbar an das Nervensystem angeschlossen ist, also willkürlich vom Nerv aus abgedreht oder zum jähen Aufblitzen gebracht werden kann, so stände prinzipiell nichts im Wege, daß solcher Schuß auch noch von einem Blitz begleitet wäre. Vielleicht wird auch das noch einmal gelegentlich irgendwo beobachtet.
Und da noch wieder Tiere existieren (Welse, Zitteraale, Rochen), die elektrische Schläge austeilen, so wäre denkbar, daß solcher Puff und Blitz gar mit einer empfindlichen elektrischen Entladung verbunden wäre.
Ja für den Kampf zwischen Mensch und Tier möchte man es geradezu als ein Glück bezeichnen, daß das Gesamtprinzip offenbar noch nicht bis zur vollkommenen Ausnutzung gediehen war, ehe wir selbst Schußwaffen erfanden. Denn beispielsweise als Zieler haben die Tiere auch schon fast Fabelhaftes erreicht: man muß das Chamäleon beobachten, wie es, unbewegt und scheinbar nur mit dem verstellbaren Auge lebendig, dasitzt, jäh aber auf eine weit entfernte Fliege seine endlose Klebzunge ausschleudert und dabei mit einer Sicherheit stundenlang immer und immer wieder trifft, daß einem graut vor der Idee, solches Chamäleon sollte bei solcher Treffkraft auch noch wirklich etwa mit vergifteten Pfeilen schießen. Denn warum sollte der Pfeil nicht schließlich lebensgefährlich vergiftet sein gleich den Brennborsten der Brennessel Urtica mentissima von der Insel Timor, die in der Stichwunde wie eine Kanüle wirken und ein Gift eingießen, dessen Wirkung Starrkrämpfe und ähnliche Folgen auslöst gleich einem giftigen Schlangenbiß?
Will man aber schließlich den Unterschied von tierischer und menschlicher Schußwaffe doch darauf hinauslenken, daß das Tier stets sozusagen mit seinem Leibe schieße, aber nicht unter Zuhilfenahme äußerlichen toten Materials, so ist selbst das nicht richtig.