»Bruderherz,« entgegnete der Soldat, »du mußt in den letzten Wochen gewaltig verliebt gewesen sein, sonst wäre deinem klaren Blick manches nicht entgangen, was selbst an meinem leichten Sinn nicht vorüberschlüpfte. Sag einmal, was spricht der Papa von solchen Zeiten? Siehst du den Oberst von Röder nie bei ihm? Waren nicht am Freitagabend die Prälaten in eurem Hause?«

»Du sprichst in Rätseln, Kapitän!« antwortete der junge Mann staunend. »Was soll mein Vater mit einem Oberst von der Leibschwadron und mit Prälaten?«

»Freund, mach es kurz!« sagte Reelzingen. »Halte mich in solchen Dingen nicht für leichtsinnig; ich will mich nicht in euer Vertrauen eindrängen, aber ich kann dir sagen, daß ich dennoch schon ziemlich viel weiß, und – Parole d'honneur!« setzte er hinzu, »ich denke darüber, wie es einem Edelmann und meinem Portepee geziemt.«

»Was geht mich dein alter Adelsbrief und dein neues Portepee an?« erwiderte der Aktuar; »und wie kommst du dazu, dich mit diesen Dingen gegen mich breit zu machen? Ich sage dir, daß ich von allem, was du da so geheimnisvoll schwatzest, keine Silbe verstehe, und kann dir mein Wort darauf geben, und damit genug, Herr von Reelzingen!«

»O mon Dieu!« rief jener lächelnd; »Herr Bruder, wir sind nicht mehr in Leipzig, dies Zimmer ist nicht der göttliche Ratskeller, sondern eine Wachtstube; wir sind keine Musen mehr, sondern du bist herzoglicher Aktuar, und ich – Soldat; aber Freunde sind wir noch in Not und Tod, und darum sei vernünftig und brause nicht mehr auf wie vorhin. Ich glaube dir ja aufs Wort, daß du nichts weißt, aber gut wäre es von deinem Vater gewesen, wenn er dich präveniert hätte. Deine Amour mit der Jüdin ist überdies jetzt ganz und gar nicht an der Zeit, wir alle bitten dich, laß deine Scharmante, mit der du doch niemals eine vernünftige und ehrenvolle Liaison treffen kannst –«

»Was wißt Ihr denn von diesem Verhältnis?« unterbrach ihn der junge Mann düster und erbittert. »Ich dächte, ehe ich Euch hierüber um Rat gefragt, könntet Ihr billigerweise mit Eurer Mahnung warten.«

Der feurige junge Soldat, um seinem Freunde zu nützen, wollte eben in derselben Sprache etwas erwidern, als man an der Türe pochte. Der Kapitän schloß auf, und einer seiner Sergeanten winkte ihm, herauszutreten. Gustav hörte sie einige Worte wechseln und sah den Freund bald darauf mit verstörter Miene wieder zurückkehren: »Du bekommst einen sonderbaren Besuch,« flüsterte er ihm zu, »er wird gleich selbst eintreten, und ich darf nicht zugegen sein.«

»Wer doch? Mein Vater?« fragte Gustav bestürzt.

»Er kommt,« sagte der Kapitän, indem er eilends Hut und Degen vom Tische nahm, »der Jud Süß