Sein Freund blickte schweigend hinauf, schlug aber plötzlich wieder die Augen nieder, denn ihm war, als sähe er Leas feine, liebliche Gestalt klagend unter dem Galgen sitzen. »Fest genug ist diese Schandsäule aus Eisen,« fuhr der Kapitän fort, »um alle Schurken im Lande zu tragen; aber wollte man das Gold mit aufhängen, das sie eingesackt haben, würde selbst dieser Galgen wie ein morscher Stab zusammenbrechen! Wie diese Raben schaurige Melodien singen! Doch wie? – Dieu nous garde, Kamerad! Gib deinem Roß die Sporen, wahrhaftig, dort sitzt ein Gespenst am Galgen!«

Es war, als ob die Pferde selbst diesen Ort des Schreckens fürchteten, denn auf diesen Ruf jagten sie mit Sturmeseile den Berg hinan und waren nicht mehr ruhig, bis man das Gekreisch der Raben nicht mehr hörte.

Es liegt eine kleine Brücke zwischen Stuttgart und Ludwigsburg, von welcher das Volk viel Schauerliches zu erzählen weiß; so viel ist gewiß, daß schon Unerklärliches dort vorgefallen ist, und daß mancher Mann sein Gebet spricht, wenn er nachts allein über diese Stelle reitet. Die Sage sagt, daß der Sohn des Konsulenten und sein Freund, der muntere Kapitän, glücklich und in kurzer Zeit bis an jene Brücke gekommen seien; dort aber seien ihre Pferde nicht mehr von der Stelle gegangen und haben geschnaubt und gezittert. Die jungen Leute spornten und gebrauchten ihre Peitschen, als eine alte, zitternde Stimme rief: »Gebt einem alten Mann doch ein Almosen!«

»Wer wird bei Nacht und Nebel den Beutel ziehen? Zurück, Alter, von der Brücke weg, unsere Pferde scheuen vor Euch, zurück, sag' ich, oder Ihr sollt meine Peitsche fühlen!«

»Nicht so rasch, junges Blut! Nicht so rasch!« sagte der Alte, dessen dunkle Gestalt sie jetzt auf dem Brückengeländer sitzen sahen. »Eile mit Weile! Kommet noch früh genug, gebet einem alten Mann ein Almosen!«

»Jetzt ist meine Geduld zu Ende,« rief der Kapitän und schwang seine Peitsche in der Luft. »Ich zähle drei, wenn du nicht weg bist, hau' ich zu.«

Der Alte hüstelte und kicherte, Gustav kam es vor, als wachse seine dunkle Gestalt ins Unendliche und – ein langer Arm streckte einen großen Hut heran, und zum drittenmal, aber drohend und mit furchtbarer Stimme krächzte der Mann von der Brücke: »Einem alten Mann gib ein Almosen! Es wird dir Glück bringen, und reite nicht so schnell; vor zwölf Uhr darfst du nicht dort sein.«

Reelzingen ließ kraftlos und zitternd seinen Arm sinken; er gestand nachher, daß ihn eine kalte Hand angefaßt habe. Gustav aber zog mit pochendem Herzen die Börse und warf ein Silberstück in den großen Hut. »Wieviel Uhr ist's, Alter?« fragte er.

»Weiß keine Stund' als zwölf Uhr,« sprach die Gestalt, die wieder auf dem Geländer zusammenkauerte, mit dumpfer Stimme. »Dank dir, sollst Glück haben; reit' zu!« Er sagte es und stürzte rücklings mit einem dumpfen Fall in den Sumpf, über den die Brücke führte. Entsetzt gab Reelzingen seinem Pferde die Sporen, daß es sich hoch aufbäumte und dann in zwei Sprüngen über die Brücke setzte. Gustav aber hielt erschrocken sein Pferd an, stieg ab und blickte über das Geländer der Brücke. Es rührte sich nichts. »Alter!« rief er hinab, »hast du Schaden genommen? Kann ich dir helfen?« – Keine Antwort, und alles war still unten wie im Grabe. Jetzt faßte auch den jungen Lanbek eine unerklärliche Angst; er fühlte, als er aufstieg, wie sein Pferd zitterte; er wagte es nicht, sich noch einmal nach dem grauenvollen Ort umzusehen, als er seinem Freund nachjagte.

»Das ist das zweite Mal, daß er mir begegnet ist,« flüsterte Reelzingen tief aufatmend, als Lanbek wieder an seiner Seite war.