»Ich erkenne ihn für denselben,« antwortete der Baron, »und wiederhole meine Aussage über ihn, die ich früher zu Prototoll gab.«
»Giuseppa Bianetti! erkennen Sie ihn für denselben, der Sie aus dem Hause Ihres Stiefvaters führte, in sein Haus nach Paris brachte, für denselben, den Sie eines Mordversuches beschuldigen?«
Die Sängerin bebte bei dem Anblick des fürchterlichen Mannes; sie wollte antworten, aber er selbst ersparte ihr jedes Geständnis. Er richtete sich höher auf, seine wollene Mütze schien spitziger aufzustehen, seine Arme waren steif, er schien sie mit Mühe zu bewegen, aber seine Finger krallten sich krampfhaft auf und zu; seine Stimme schlich sich nur noch leise und heiser aus der Brust herauf, selbst sein Lachen und seine Flüche wurden beinahe zum Geflüster. »Kommst du, mich zu besuchen, Schepperl?« sagte er; »das ist schön von dir; nicht wahr, du weidest dich recht an meinem Anblick? Es ist mir wahrhaftig leid, daß ich dich nicht besser getroffen, ich hätte dir dadurch den Schmerz erspart, deinen Oheim vor seiner Abreise von diesen deutschen Tieren verhöhnt zu sehen.«
»Was brauchen wir weiter Zeugnis?« unterbrach ihn der Direktor. »Herr Referendarius Pfälle, schreiben Sie einen Verhaftungsbefehl gegen –«
»Was tun Sie?« rief der Doktor, »sehen Sie denn nicht, daß ihm der Tod schon am Herzen ist? Er treibt es keine Viertelstunde mehr. Eilen Sie, wenn Sie noch etwas zu fragen haben.«
Der Doktor befahl dem Lakai, den Gerichtsdienern zu rufen, sie sollen den Gefangenen heraufbringen; der Kranke sank mehr und mehr zusammen, sein Auge schien stillzustehen, es hatte nur eine Richtung, nach der Sängerin, aber auch jetzt noch schien Wut und Ingrimm daraus hervorzublitzen. »Schepperl,« sprach er wieder, »du hast mich unglücklich gemacht, zu Grunde gerichtet, darum verdientest du den Tod; du hast deinen Vater zu Grunde gerichtet, sie haben ihn auf die Galeere geschickt, weil er dich mir um Geld verkauft hat; er hat mich beschworen, dich umzubringen; es tut mir leid, daß ich gezittert habe. Verflucht seien diese Hände, die nicht einmal mehr sicher stoßen konnten!« Seine greulichen Verwünschungen, die er über sich und Giuseppa ausstieß, wurden durch eine neue Erscheinung unterbrochen. Zwei Gerichtsdiener brachten einen Mann in türkischer Kleidung; es war der unglückliche Ali Pascha von Janina – der Turban bedeckte das jammervolle Haupt des Kommerzienrats Bolnau. Alle erstaunten über diesen Anblick, besonders schien der Kapellmeister sehr betreten; er erblaßte und errötete und wandte sein Gesicht ab. »Monsieur de Planto,« sprach der Direktor, »kennen Sie diesen Mann?« Der Kranke hatte die Augen geschlossen; er riß sie mühsam auf und sagte: »Gehet zu allen Teufeln, ich kenne ihn nicht.«
Der Türke sah die Umstehenden mit kummervoller Miene an; »ich wußte wohl, daß es so kommen werde,« sprach er mit weinerlichem Tone, »es hat mir schon lange geahnet. Aber, Mademoiselle Bianetti, wie konnten Sie doch einen unschuldigen Mann so ins Unglück bringen?«
»Was ist es denn mit diesem Herrn?« fragte die Sängerin; »ich kenne ihn nicht. Herr Direktor, was hat denn dieser getan?«
»Signora,« sprach der Direktor mit tiefem Ernst, »vor den Gerichten gilt keine Nachsicht oder irgend eine Schonung, Sie müssen diesen Herrn kennen; es ist der Kommerzienrat Bolnau. Ihr eigenes Kammermädchen hat eingestanden, daß Sie bei dem Mord seinen Namen ausgerufen haben.«
»Freilich!« klagte der Pascha, »meinen Namen genannt, unter so verfänglichen Umständen!«