»Wie?« rief der Stallmeister gespannt.
»Possen!« entgegnete der Dichter, indem er auf seinen eleganten Anzug einen Blick herabwarf, »er sieht aus wie ein Landstreicher; bringen Sie mir Elise auch nicht in Gedanken mit diesem Menschen zusammen. Ich weiß, sie liebt die Poesie; alles Erhabene, Schöne gefällt ihr, und sagen Sie aufrichtig, hat sie von meinem Roman gesprochen?«
»Sie hat, und wie! Sie ist ein belesenes Frauenzimmer, das muß man ihr lassen; keine in der ganzen Stadt ist so delikat in der Auswahl ihrer Lektüre. So kommt es, daß sie immer in einer Art von Verbindung mit mir steht, und wenn ich etwas Neues habe, bringe ich es gleich hinüber, denn ich selbst habe es in meinen alten Tagen gerne, wenn ein so schönes Kind ›lieber Herr Kaper‹ zu mir sagt und gütig und freundlich ist. Es war letzten Sonntag, daß ich ihr den Roman, ›Die letzten Ritter von Marienburg‹, brachte, noch unaufgeschnitten, ich hatte ihn selbst noch nicht gelesen. Sie hatte eine kindische Freude und sprach recht freundlich und viel. Und wie wir so plaudern, komme ich auch auf Ihre Novelle, welche sie ungemein lobte und Stil und Erfindung pries. Und so sagte sie denn, ob ich auch schon gehört, daß Sie einen neuen Roman schreiben?«
»Ja,« fiel der Dichter feurig ein, »und einen Roman schreibe, Kaper, wie Deutschland, Europa noch keinen besitzt!«
»Historisch doch?« fragte der Buchhändler zweifelhaft.
»Historisch, rein geschichtlich, aber dies unter uns!«
»Historisch! das möchte ich auch raten!« sprach der Verleger, eine große Prise nehmend. »Das ist gegenwärtig die Hauptsache. Wenn man es so bedenkt, es ist doch eine sonderbare Sache um den deutschen Buchhandel. Ich war Commis in Leipzig, als ›Wilhelm Meister‹ zuerst erschien. ›Werther‹ und ›Siegwart‹ waren Mode gewesen, hatten Nachahmung gefunden lange Zeit. Aber mein Prinzipal sagte: ›Er wird sehen, Kaper (damals sprach man noch per Er mit den Subjekten), Er wird sehen, über kurz oder lang geschieht eine Veränderung.‹ So war's auch; wir gaben anfänglich nicht viel um den ›Wilhelm Meister‹, es schien uns ein gar konfuses Buch; aber siehe da, man schrieb allenthalben nach diesem Muster, und mancher hat sich ein schönes Stück Geld damit gemacht. Wieder eine Weile, ich hatte meine eigene Handlung etabliert, lag mir oft das Wort meines alten Prinzipals im Sinn: Alles im Buchhandel ist nur Mode. Wer eine neue angibt, ist Meister. Wie ich mich noch auf etwas Neues besinne und einen Menschen suche, der etwas Tüchtiges schreiben täte – da haben wir's, kommt Fouqué mit den Helden und Altdeutschen, und alles machte nach. Und jetzt hat der Walter Scott wieder eine neue Mode gemacht; ich möchte mir die Haare ausraufen, daß ich keine Taschenausgabe machte, und nichts bleibt übrig, als etwa deutsche historische Romane, die gehen noch.«
»Fürwahr!« bemerkte der Stallmeister lächelnd, »so habe ich bisher ohne Brille gelesen, und der deutsche Parnaß ist in ganz andern Händen, als ich dachte. Nicht um das Interesse der Literatur scheint es sich zu handeln, sondern um das Interesse der Verkäufer?«
»Ist alles so ganz genau verknüpft,« antwortete Herr Kaper mit großer Ruhe, »hängt alles so fest zusammen, daß es sich um den Namen nicht handelt! Deutsche Literatur! Was ist sie denn anders, als was man alljährlich zweimal in Leipzig kauft und verkauft? Je weniger Krebse, desto besser das Buch, pflegen wir zu sagen im Buchhandel.«
»Aber der Ruhm?« fragte der junge Rempen.