Elise schwieg; sie fühlte, daß sie ihn erst in diesem Augenblick ganz verloren habe; aber sie hatte Kraft genug, jeden Laut des Kummers zu unterdrücken.

»Doch was Sie noch mehr befremden wird,« fuhr er fort, »jenen Roman, den Sie uns letzthin erzählt haben, hat uns der Autor selbst vorgelesen.«

»Palvi!« rief sie in so eigenem Ton, daß der Stallmeister erschrak. »Er wäre –«

»Hüon, der Autor der ›letzten Ritter von Marienburg‹. Es steht schon in öffentlichen Blättern, und hier schickt er mir und Ihnen dieses Werk.« Der Stallmeister öffnete ein Paket und gab Elisen die Bücher. Sie öffnete eines derselben; ihr Blick fiel auf das Märchen, woraus Palvi mit so sonderbarem Accent einige Reime gelesen, und jetzt erst stieg eine längst verbleichte Erinnerung in ihr auf. Es war ein Märchen, das Palvis Vater den Kindern so oft erzählt hatte. Eine große Träne schwamm in ihrem schönen Auge und fiel herab auf diese Zeilen.

In diesem Augenblick öffneten sich die Flügeltüren. Mit feierlichem Gesicht und überladen mit seinen Orden trat der Geheimrat von Rempen herein. Mit Anstand trat er vor das Fräulein, ihr den Arm zu bieten. »Die Familien sind im Salon versammelt,« sprach er; »ist es gefällig, die Ringe zu wechseln? Doch wie? Sind Sie so sehr in unsere Literatur verliebt, daß Sie sogar gerade vor der Verlobung Lesestunden mit meinem Neffen halten? Was lesen Sie denn, wenn man fragen darf?«

Mit einem schmerzlichen Lächeln stand Elise auf und nahm seinen Arm. »Etwas Altes in neuer Form,« erwiderte sie, »ein Märchen von untergegangener Liebe!«

»Ei! ei!« setzte der Oheim lächelnd und mit dem Finger drohend hinzu. »Etwas solches vor der Verlobung? und wie heißt denn der Titel?« fragte er, indem er sie in den Saal führte.

»Er heißt: Die letzten Ritter von Marienburg