Ich hatte hier wiederum Gelegenheit zu bedauern, daß mir noch so vieles Wissen mangelt. Eine genauere Kenntniß der Astronomie würde mich in den Stand gesetzt haben in den schönen klaren Nächten nützliche Beobachtungen zu machen, und alles was ich thun konnte war, die astronomischen Berechnungen der Längen- und Breitengrade mitzumachen.

Südwestlich von Haiti liegt eine kleine unbewohnte Insel, ungefähr zwei Miles im Durchmesser. Windstille die uns in unmittelbarer Nähe davon überfiel, machte eine Landung auf einer Düne an der Westseite der Insel möglich; der andere Theil besteht aus Felsen, ungefähr in der Höhe von 100 bis 120 Fuß, bedeckt mit kurzem Gestrüpp. Möven, Seeraben, Boobees, Seeschwalben und Strandläufer verdunkeln die Luft und erfüllen sie mit ihrem Geschrei. Die Menge dieser Vögel ist annähernd nur mit den ungeheuern Taubenzügen zu vergleichen, welche im Herbst die canadischen Seen kreuzen, und sie umschwärmen den Menschen, dessen fremdartige Erscheinung ihnen nicht Furcht, sondern Neugierde einflößt, gleich Mückenschwärmen. Ich beabsichtigte einige Specimen zu schießen, fand dies aber unnöthig, da unsere Matrosen die Vögel mit Knüppeln und Steinen aus der Luft herabwarfen, und ich selbst einen lebendig mit meinem Schnupftuch und darein gebundenen Stein fing. Der Boden besteht aus Sand und rundlichen Kieseln, zwischen denen spärliche Gräser sproßten, stellenweise deckte aber eine dicke Kruste der Excremente der Vögel den Boden. Das Wasser wimmelt buchstäblich von Fischen.

Leider war es nicht möglich den felsigen Theil der Insel zu untersuchen, denn ein schnell heraufziehendes Gewitter machte unsere schleunige Rückkehr nöthig, und in der That hatten wir auch nur Zeit das Schiff zu erreichen, als der losbrechende Sturm und die hohl gehende See es schon für unser Boot unmöglich machten länger See zu halten. Die eingesammelten Eier, sowie einige frische Fische mundeten uns köstlich. Der Sturm, welcher unsere Untersuchung so unangenehm unterbrochen hatte, förderte unsere Reise trefflich, so daß wir schon am 14. Morgens weit südwestlich von Jamaica waren.

Von jetzt an war unsere Reise wiederum unausgesetzt von Stürmen begleitet, und ich lernte hier zuerst die Macht eines tropischen Gewitters kennen. Oft scheint der ganze Horizont in Feuer zu stehen, und der Donner kracht, als ob hundert Kanonen zugleich abgefeuert würden. Dazu peitscht ein mächtiger Wind die Wogen, daß sich die Masten, trotz der wenigen Leinwand, gleich dünnen Gerten biegen, und eine neue Sündfluth scheint alles Lebendige von der Welt wegwaschen zu wollen. Wegen der großen Nähe der Küste und der vielen kleinen Inseln und Riffe war unsere Lage nicht ganz gefahrlos, doch stieß uns kein weiterer Unglücksfall zu, als daß durch das von der großen Hitze leck gewordene Deck eine Menge Wasser hereinströmte, das uns unsere Cojen und einen Theil unseres Gepäcks jämmerlich durchweichte. Mir ward durch diesen Umstand ein unangenehmer Verlust verursacht, da mehrere für das Daguerreotyp nöthige Chemikalien mir verdarben – ein Verlust den ich jedoch dadurch auszugleichen hoffe, daß ich umgehend Nachricht an Hrn. Squier sende, der, augenblicklich noch durch Geschäfte in New-York zurückgehalten, in der Mitte nächsten Monats gleichfalls hieher abreisen wird.

Die kleinen Inseln, welche wir passirten, gewährten einen überaus lieblichen Anblick, so z. B. Little und Great Corn Island, mit in frischem Grün prangenden Hügeln und kleinen Gehölzen mit Cocospalmen durchstreut. Endlich am 18. Morgens zeigte sich die ersehnte Küste unsern Augen. Langgedehntes Hügelland, nach der See das Ufer ganz flach, überall jedoch in der üppigsten Vegetation prangend. Eine kleine Pirogue aus Mahogany mit zwei Indianern bemannt, brachte einen Piloten an Bord, und wir liefen in der Rhede ein als just der Steamer Mexico dieselbe verließ. Ich mußte lächeln als auf unsere aufgehißten Sterne und Streifen von der Küste die Flagge des imaginären Mosquitoreiches uns Antwort gab, blau und weißgestreift, in der Ecke ein rothes Doppelkreuz auf weißem Grunde. Bald brachte uns ein Boot, gleichfalls unter der Mosquitoflagge, den Hafencapitain und den Hafenarzt an Bord, und als nach wenigen Minuten uns beide verließen, machte ich von ihrem freundlichen Anerbieten Gebrauch und benutzte das Boot, um an Land zu gehen.

San Juan de Nicaragua oder Greytown, wie es die Engländer in der Neuzeit getauft haben, ist eine abenteuerlich aussehende Niederlassung von 4 bis 500 Einwohnern, von denen drei Fünftel Indianer oder Neger sind. Es liegt an der Mündung des St. Juan Flusses an einem ungesunden Platz, und ist ringsum von undurchdringlichem Wald eingeschlossen, von dem eben nicht mehr niedergehauen ist als nöthig um den jämmerlichen Schilfhütten, an die sich in der Neuzeit einige Bretterhäuser der neueren Ansiedler angeschlossen, Raum zu schaffen. Die Einwohner leben lediglich vom Umsatz der importirten Produkte gegen die Roherzeugnisse des Binnenlandes. Cultur ist gar keine da; Korn, Kartoffeln etc. beziehen sie von oberhalb der Seen oder von Bluefield, 30 bis 40 Miles weiter hin an der Küste; einige Pferde, weniges Vieh und einige Bungos (Flußboote) bilden den ganzen Reichthum. In der ziemlich geräumigen Bay liegt ein englischer Kriegsschooner vor Anker, und in einer Baracke zunächst der des Königs der Mosquitos, die zugleich Posthaus und Gouvernementshaus ist, eine Besatzung von 15 bis 20 blaubejackten Negersoldaten.

Ich nahm ein kleines Zimmer in einem neuerbauten Gasthaus des Hn. Wiener für 1½ Doll. täglich, und vertreibe mir nun, bis ich meinen Bungo bekommen kann um den Fluß hinaufzureisen, nach besten Kräften die Zeit mit Zeichnen, Sammeln von Pflanzen, Vogelbälgen und Reptilien und der Alligatorjagd, damit ich die Rückfahrt unseres Schiffes nach New-York benützen kann, um eine kleine Sendung gleich von hier zurückzuschicken. Hoffentlich wird mein Aufenthalt möglichst kurz sein, denn einestheils wünsche ich aus diesem Land des Fiebers hinwegzukommen, anderntheils brenne ich vor Begierde mich recht gründlich mit dem Studium der tropischen Natur, von der die Küste nur einen schwachen Abglanz bietet, in Granada zu beschäftigen, wo ich einen angenehmeren Aufenthalt habe, und Herrn Squiers Ankunft abwarten werde. Der amerikanische Steamer Prometheus, der in diesen Tagen ankommen muß, mag diesen Brief, den ersten aus so großer Entfernung, mitnehmen, der nächste wird aus Granada datirt sein, und euch Näheres über meine Flußreise berichten, die jedenfalls sehr beschwerlich sein und 9 bis 10 Tage dauern wird. Mein Befinden ist bis jetzt außerordentlich gut, und soll's, so Gott will, bleiben, da ich eine sehr strenge Diät beobachte, auch in Hinsicht der Strapazen, sowie in Bezug auf das Aussetzen der Sonnenhitze die Regeln der Vorsicht befolge.

III.
Vorbereitungen zur Flußfahrt. – Das Bungo. – Abreise von San Juan. – San-Juan-River. – Clima. – Fruchtbarkeit. – Die Machuca-Rapids. – Verunglückte Tigerjagd. – Unwetter. –Aerztliche Hülfe. – Castillo Viego. – Prophezeihung. – Der Wundarzt wider Willen. – San Carlos. – Douane. – See von Granada. – Ankunft in Granada. – Gastfreundlichkeit. – Jahresfeier des 4. Juli.

Granada de Nicaragua, 6. Juli 1851.

Ich habe euch, meine Lieben, jetzt schon über 14 Tage in St. Juan, wo ich am Schluß meines letzten Briefes von euch Abschied nahm, sitzen lassen, und erlöse euch jetzt mit um so größerem Vergnügen, als der dortige Aufenthalt keineswegs ein angenehmer war.