St. Juan liegt an der Mosquitoküste im wahren Sinne des Worts, urtheilt darnach. Gegenüber der Mündung des San Juan und einer ziemlich guten und geräumigen Rhede, von der indeß ein Theil versandet, streckt sich eine Reihe jämmerlicher Rohrhütten hin, mit den früher erwähnten Bretterhäusern neueingewanderter Handelsleute dazwischen. Mit Ausnahme eines kaum einen Büchsenschuß breiten Sandstriches an der Küste, ist dem Urwald kaum so viel Raum abgewonnen als für die Häuser nöthig; daher giebt es keine mannichfachen Spaziergänge, da der ringsum dicht verwachsene Wald keinen andern Pfad erlaubt als den man sich selbst mit der Macheta (Messer) durch die Schlingpflanzen haut. Hinter dem Ort liegen einige kleine Teiche (lagunas), welche am obern Ende leicht mit dem Fluß, am untern mit der See eine gute Abkürzung der Canallinie bilden könnten, da sie hinreichende Wassertiefe besitzen sollen.

Wie ich bereits erwähnt, nahmen mich Capitain F., der Hafencommandant, und Capitain J., Commandant des Schooners, mit ächt britischer Gastfreundschaft auf, die mir die wenigen angenehmen Stunden bereitete, die man überhaupt in diesem Ort verleben kann. Da die amtliche Stellung dieser Herren mich nicht direct berührte, war mir's um so mehr vergönnt, mich ihrer gastfreundlichen Güte zu erfreuen. Capitain J. holte mich mehrfach mit seinem Gig ab, um in der Bay und auf dem Fluß Alligatoren zu jagen, und neben mehreren kleinen hatten wir eines Tages das Glück einen großen alten Burschen von 16½ Fuß zu erlegen, den ich im Sand vergrub, um bei der Heimkehr das Gerippe mitzunehmen.

Da keine einzelne Passage nach Granada zu bekommen war, so benutzte ich das Anerbieten des Herrn Ligaud, eines bei St. Juan ansässigen Franzosen, und miethete im Verein mit meinem früheren Reisegefährten ein ganzes Bungo (Flußboot) zum Preis von 100 Dollars, das wir mit Fracht beluden, und bestiegen mit noch zwei Amerikanern aus Granada als Passagiere das Boot. Ein solches Bungo ist von ziemlich roher Construction, oft großentheils aus einem einzigen Stamm gehöhlt, größere jedoch aus Planken gefügt, doch wegen der schwer zu passirenden Stromschnellen ziemlich fest gebaut. Der unsrige war ungefähr 50 bis 55 Fuß lang, bemannt mit 9 Bootsleuten und dem Patron. Letzterer steht auf einer Art kleinen Quarterdecks, und hält in reitender Stellung das Steuer zwischen den Füßen, da in den Stromschnellen das Boot mit Hülfe langer Stangen regiert wird. Die Bootsleute führen Ruder von etwa 15 Fuß Länge, stehen bei jedem Schlag auf und hängen sich rückwärts gelehnt mit der ganzen Schwere des Körpers an das Ruder, wobei sie jedesmal mit dem Sitztheil derb auf den Rudersitz aufstoßen. Die Passagiere befinden sich unter einem kleinen Dach im Hintertheil des Bootes, und liegen auf ihren Koffern, da der Raum unter den Ruderbänken für Frachtgüter benutzt wird. Da wir im Boot querüber liegen mußten, hatten wir viel Ungemach auszustehen, besonders ich, da das Boot nur 5 Fuß breit, ich aber thatsächlich 6 Fuß lang bin.


Am 23. Junius stießen wir vom Ufer und kreuzten die Bay nach der Flußmündung hin. Die schweren Regenwolken hatten sich etwas zertheilt, und die glühende tropische Sonne beleuchtete mit ihren letzten Strahlen den ersten Schritt meiner Reise ins Innere. Unsere Freunde winkten uns vom Ufer ein Lebewohl, und als das Kriegsschiff den Abendschuß abfeuerte, antworteten wir durch eine Salve unserer Feuerwaffen (Flinten und Pistolen waren Alles in Allem nicht mehr als 34 Läufe an Bord). Nur eine kurze Strecke fuhren wir den Fluß hinauf, dann nöthigte uns die, in den Tropen sofort nach Sonnenuntergang hereinbrechende Dunkelheit Anker zu werfen.

Die Hitze trieb mich aus der kleinen Cajüte, und ich lagerte auf dem Dach, während die Bootsleute, jeder auf seinem Rudersitz, in die Decke gewickelt schliefen. Die Nacht war hell, und mein Auge schweifte in den unbekannten neuen Sternbildern umher, bis es auf dem südlichen Kreuz, dem einzigen traditionell bekannten Sternbild, haften blieb; die Gedanken aber schweiften weit hinüber in die deutsche Heimath, an der, obschon getrennt von ihr, mein Herz mit warmer Liebe und dankbarer Rückerinnerung frohverlebter Jugendjahre hängt. Ich entschlief erst spät, doch trieben mich schon früh Moskitos und Thau, der mich trotz meiner Regendecke ganz durchnäßt hatte, auf, noch ehe die Indianer ihre Morgengebete für glückliche Reise sagen.

Giftige Nebel machen die Flußreise gefährlich, und sind Ursache, daß die Flußmündungen Fieber und Tod aushauchen. Die Ufer sind mit dichten, ewig feuchten Waldungen bedeckt, die von gefährlichem Gewürm angefüllt sind, und des Nachts tönt das klägliche Geheul des Schakals, zu dem oft das Gebrüll des Jaguars kommt, widerlich ins Ohr. Im Fluß lauert der grimme Kaiman, versteckt im Wasser oder hohem Gras auf seine Beute, und manch argloses Thier, Trank oder Kühlung suchend, wird vom Schlag seines Schuppenschwanzes niedergestreckt, während in der Höhe der Bäume selbst die Boa Constrictor manchen possierlichen Affen überfällt, oder einen brütenden Vogel in der Vertheidigung seines Nestes würgt. Die Vegetation ist so überaus üppig, daß nur an wenigen Stellen des Ufers eine Landung möglich ist; deshalb pflegt man nur einmal des Tages zu kochen, was wegen des feuchten Holzes zwei Stunden Aufenthalt verursacht. Bei jedem Schritt versperrt dichtes Gesträuch und Lianen den Weg, den man oft genug sich mühsam durchhauen muß. Der Boden jedoch ist von der fruchtbarsten Beschaffenheit, und wird, hat sich erst die Cultur Bahn gebrochen, die ergiebigsten Ernten liefern. Nur wird das Loos der ersten Ansiedler ein hartes sein, da der Nordländer das Klima erst gewohnt werden muß.

Zu trinken hatten wir nichts als das schmutzige warme Flußwasser. Die während des Tages außerordentliche große Hitze veranlaßt oft Alles über Bord zu gehen, um sich so viel als möglich im Bad zu erfrischen, und die nackten Zambos (Mischling von Indianer und Neger, ein schöner und starker Menschenschlag) springen oft ganz vom Schweiß triefend ins Wasser, ohne üble Folgen zu spüren.

Wir ankerten an der Mündung des Colorado, eines Arms des San Juan, der südlich entweicht, und hier dürfte ein Damm für den Canal nöthig werden, um durch die große Wassermasse, die hier verloren geht, die hinderlichen Triebsandbänke zu entfernen. Hier ist eine der schönsten Flußstellen: Bäume von 150 Fuß in den schönsten Formen decken die Ufer, gekleidet in saftiges Grün, geschmückt mit gelben, violetten und rothen Blüthen. Riesenhafte Schlingpflanzen, oft von der Dicke eines jungen Baumstammes, winden sich in die höchsten Gipfel, von wo sie sich wieder bis zum Wasserspiegel herabsenken; Schwärme buntgefiederter Papageien durchkreuzen die Luft nach allen Richtungen, während Massen der verschiedenartigsten Reiher (ich zählte deren dreizehn Gattungen) und mannichfache Specimen von Affen vorkommen, und von Insecten eine wahre Fülle vorhanden ist. Da es mir an Schrot fehlte, zerschnitt ich mit vieler Mühe einige Pistolenkugeln und tödtete mehrere Vögel, deren Bälge ich aufbewahrte. Gar zu gern würde ich mehr sammeln, da aber die Transportmittel sehr schwierig und mithin theuer sind, habe ich keine Hoffnung diese wissenschaftlichen Schätze mit mir nehmen zu können.

Den 26. passirten wir den Serapique-River, am 27. den San Carlos-River, beide von Süden kommend und sich mit dem San Juan verbindend. An letzteren werden die ersten Berge sichtbar, und die Moskitos waren weniger häufig, mir sehr angenehm, da ich kaum mehr einen Finger bewegen konnte, so geschwollen und zerstochen war ich. Mehrere Arten wilder Enten kamen vor, bis zur Größe einer Gans, und ich sah hier zum erstenmal Enten auf Bäume fliegen. Wir verspeisten einige, welche das große Blei meiner Büchse zu sehr zerrissen, und fanden sie höchst schmackhaft, weniger jedoch die Affen, die wir auch kosteten, jedoch den Bootsleuten überließen, zu ihrer großen Freude, da die Nahrung dieser armen Leute lediglich aus Reis und Bananen besteht. Schwalben, gelbe sowohl als ganz kleine graue, überaus niedliche, große rothe Arras (Lappes) mit blauem Schweif und Flügeln waren gleichfalls sehr häufig. Ich tödtete einen Congo (Brüllaffen) von der Dimension eines Hundes mittlerer Größe, der ein sehr lautes brüllendes Geschrei erhob, derselbe ward jedoch von den Indianern als nicht eßbar bezeichnet; sie ziehen den großen rothen langgeschwänzten Affen (Migo) vor.