Der alte Herr, dessen Gastfreundschaft ich genoß, von Umfang des Leibes ziemlich einem Falstaff gleich, befand sich am Abend sehr übel und wollte guten Rath von mir. Solchen nicht geben, heißt hier sehr unhöflich sein, denn selbst Demosthenes würde diese braven Leutchen nicht überzeugt haben, daß ein Europäer (zumal ein Deutscher) und ein Doctor nicht ganz identisch seien. Zum Glück war der Fall ziemlich einfach, da der Hauptgrund der Krankheit augenscheinlich in täglich fünfzehn- bis achtzehnstündigem Schlaf im Hammock und etlichen Tagesmahlzeiten à proportion seines Leibesumfanges lag. Nach Pulsfühlen und gewichtigem Fingerandienaselegen verabreichte ich ihm eine gehörige Dosis meiner prächtigen Aloëpillen, die, wenn sie nichts nützten, doch auch nicht schaden konnten, machte ihn aber aufmerksam, ja nicht zu Nacht zu speisen, was jedoch eine unmöglich zu befolgende Vorschrift war, weil der gute alte Papa eine mörderliche Angst hatte, in diesem Falle über Nacht Hungers zu sterben. Zwei Becher gewürzter Chocolade mußte ich also nolens volens concediren. Trotzdem war der Zustand des Patienten am andern Morgen bedeutend besser, da die Pillen ihre bekannte Eigenschaft kräftigst bethätigt hatten, und ich empfing von der gesammten Familie die feierliche Versicherung, daß ich ein großer Doctor sei – was denn doch in der That eine nagelneue Entdeckung genannt werden kann!

Am Tage darauf kam jedoch ein bedenklicherer Fall: ein Knecht war von einem Maulthiere an den Schlaf geschlagen worden und lag für todt da. Natürlich sollte und mußte der Sennor e'strangero da wieder Rath schaffen. Ich spürte noch einige Lebenszeichen an ihm und verfuhr nun flugs wie der gute Dr. de Montegre mit mir vor vier Jahren in Paris verfahren, als ich jenen unfreiwilligen Purzelbaum von 44' Höhe vom Gerüste herab gemacht hatte, d. h. ich ließ dem Scheintodten von mehrern Personen zugleich die Hände und Füße mit ganz heißem Wasser waschen, bis ich wieder Pulsschläge fühlte, worauf ich ihm eine Ader öffnete, und hatte die Freude, ihn bald wieder bei voller Besinnung zu sehen. Die Moral der Sache ist, daß etwa hierher pilgernde Landschaftsmaler sich darauf gefaßt machen müssen, nebst ihrer Kunst auch noch ganz andere Künste zu üben. Dergleichen Kopfstöße scheinen übrigens hier etwas sehr Gewöhnliches zu sein, denn besagtes Individuum ward wenigstens, außer jener kurzen Gefahr, eine Reise in den Himmel zu machen, weiter nicht sehr von den Nachwehen belästigt, und hülste schon am Nachmittage ganz gemüthlich und zu meiner großen Freude Cacao aus, denn ich habe eine wahre Heidenangst, daß meine wider Willen ausgeübte Doctorpraxis mich einmal recht ordentlich in die Klemme bringt, wo die gute Absicht einen kaum ausreichenden Trostgrund für angerichtetes Uebel gewähren dürfte.

Auch die in der tropischen Zone so heftigen Einflüsse des Mondes wie der Sonne habe ich einige Zeit darauf an mir selbst erfahren. Von ersterem, als ich eine Nacht so lag, daß die Strahlen des Mondes eine Zeitlang auf mein Gesicht schienen. Nach lebhaften, ängstigenden Träumen, von denen mich doch sonst mein gesunder Schlaf nach körperlicher Ermüdung immer frei läßt, erwachte ich mit überaus heftigem, nervösem Kopfschmerz, der den ganzen folgenden Tag anhielt und meine ganze, vom Monde beschienene Gesichtshälfte dick aufschwellte.

Schlimmer bekam mir die andere Erfahrung in Bezug auf die Sonne, die möglicherweise sogar den Grund zu der bösen Krankheit gelegt haben kann, die mich bald darauf befiel. Ich hatte Dr. Livingston wieder ein Stück nach Leon zurückbegleitet, um später von dieser himmlisch gelegenen Stadt aus meine Malerexcursionen vorzunehmen; vorher aber wollte ich trotz des Abmahnens allein den heißen Schwefelquellen von Tipi-Tapa und dem Vulkane von Massaga einen Besuch abstatten. Von Managua aus führt der Weg über die große Ebene, welche die Seen von Granada und Managua trennt, theils durch herrlichen, hochstämmigen Wald, theils durch baumloses Sumpfland. Die Sonne brannte heiß hernieder auf den einsamen Wanderer, das 5 bis 6 Fuß hohe Schilf gewährte keinen Schutz gegen die senkrechten Strahlen, und die Sumpfluft lag bleiern über der lautlosen Landschaft. Roß und Reiter trieften von Schweiß und suchten vergebens nach erquickendem Schatten und Wasser. Mir ward plötzlich so schwindlich und unwohl, daß ich mich nicht mehr im Sattel zu halten vermochte und, da ich die Ursache meines Uebelbefindens errieth und allenfalls noch Bewußtsein genug hatte, um meinen Rock abzustreifen und meine Lanzette hervorzuholen, so versuchte ich hier zum ersten Male meine Kunst an mir selbst und öffnete mir eine Ader. Nach einiger Zeit erwachte ich wieder aus der Ohnmacht, in die ich verfallen war, hatte starken Blutverlust gehabt, fühlte mich aber auch sehr erleichtert dadurch. Mein Schimmel dachte nicht ans Fortlaufen, sondern beschnoperte neugierig bald mich, bald die Blutpfütze. Ich band mir das Taschentuch so fest ich konnte, um den Arm und kletterte mühsam auf's Pferd, konnte aber diesen Tag vor Mattigkeit Tipi-Tapa nicht mehr erreichen, sondern mußte in einer kleinen Hacienda übernachten, wo mein armes Pferd, da kein Futter vorhanden war, sich das seinige selbst im Protero (Weideplatz) suchen mußte, der noch dazu über eine englische Meile entlegen war. Dieser letztere Uebelstand tritt sehr oft ein und deshalb bringt jede Reise die Thiere sehr herunter, besonders wenn man schwer laden muß, wie ich es genöthigt war, da ich bei solchen kleineren Excursionen aus öconomischen Gründen weder Diener noch Packthier bei mir habe.

Nachdem ich mich bei dem gutmüthigen Besitzer der Hacienda einen Tag ausgeruht, riskirte ich, trotz der erhaltenen Witzigung, noch einen Besuch der Schwefelquellen von Tipi-Tapa, welche ungefähr eine Meile vom genannten Flecken, an der Stelle liegen, wo der Rio di Tipi-Tapa (ein Ausfluß des Sees von Managua) sich zwischen großen Felsbrocken verliert.

Die stärkste dieser Quellen erhebt sich inmitten eines, theils sumpfigen, theils mit Steingerölle gefüllten flachen Kessels aus einem, durch Niederschlag der das Wasser sättigenden Mineralien gebildeten Hügelchen von acht bis zehn Fuß Höhe. Das Wasser quillt ganz siedend hervor und entwickelt eine Menge von Schwefelwasserstoffdämpfen, die mich, als ich beim Losbrechen und Sammeln einzelner Stücken des Niederschlages etwas zu lange verweilte, ganz schwindlich machten. Ich befürchtete eine Rückkehr des vorerwähnten Ohnmachtanfalles und entfernte mich so schnell als ich vermochte. Es ging auch bald vorüber, als ich nach einiger Zeit in freiere Luft kam, und ein Fußbad in dem etwas weiter entfernten abgekühlten Wasser wirkte besonders wohlthätig auf mich.

Eine zweite heiße Schwefelquelle entspringt inmitten eines kleinen Teiches von ganz kaltem Wasser, wie dies auch bei den Liparischen Inseln an der Küste Siciliens gefunden wird, und noch mehre andere, von minderer Bedeutung, nicht weit davon. Alle diese Quellen enthalten augenscheinlich eine große Menge Schwefel, Kochsalz, sowie einige andere kräftige Substanzen, und werden dereinst einmal, wenn erst eine zahlreichere und betriebsamere Bevölkerung das Land etwas empor gebracht haben werden, gewiß eine sehr besuchte Heilquelle bilden, und einen nicht weniger bedeutenden Exportartikel liefern.

In Folge dieser beiden eigenen Erlebnisse kann ich alle, mir etwa nachfolgenden Reisenden, zumal so lange sie sich noch nicht völlig an das hiesige Klima gewöhnt haben, nicht dringend genug warnen, selbst kleinere derartige Ausflüge niemals allein zu unternehmen.

Als ich Tags darauf auf meinem Rückwege durch einen Wald über eine Art von Kreuzweg kam, riefen mir von der Seite drei Berittene, mit Lanzen bewaffnet, ein grimmiges »Halt!« zu; ich verspürte jedoch nicht sonderlich viel Lust mich mit ihnen in nähere Expectorationen einzulassen, und als einer davon mit erneutem Rufe ein Pistol aus der Halfter zog, nahm ich, so miserabel und unkriegerisch mir auch noch zu Muthe war, meine getreue Büchse herauf, was die drei Helden, zu meiner großen Befriedigung, bewog, Kehrt zu machen und sich nicht weiter um mich zu bekümmern. Ich erfuhr bald darauf, daß es der Vorposten eines, in Managua garnisonirenden, etwa 300 Mann starken Corps der Granadiner Reichsarmee war, welche zum bevorstehenden Kampfe mit den Leonesern zusammengezogen wird.

Ihr müßt nämlich wissen, daß seit etwa zwei Wochen wiederum eine neue Revolution sammt allen Gräueln des Bürgerkrieges im Anzuge ist, ohne daß ich selbst bis jetzt viel davon bemerkt hatte. Die respectiven Regierungen von Granada und Leon haben einen Aufruf an alle waffenfähige Bürger erlassen, zur Rettung des Vaterlandes herbeizueilen, welcher Aufruf jedoch, wenigstens auf Seite der Granadiner, eben keinen absonderlichen Enthusiasmus erregt zu haben scheint. Eine Abtheilung dieser barfüßigen Prätorianer liegt, wie gesagt, in Managua, größtentheils mit Flinten bewaffnet, von denen die eine keinen Ladestock, die andere kein Bajonett, die dritte sogar kein Schloß hat, sehr viele davon aber wohl beim ersten Schuß springen werden. Dieses Corps steht unter dem Commando eines Generals, der sich in besseren friedlichen Zeiten damit beschäftigt, verdorbene Uhren noch mehr zu verderben.