Auf der Durchreise ward mir das Glück zu Theil, diese tapferen Spartaner manövriren und exerciren zu sehen. In Erwartung nämlich, daß der Feind kommen werde, laufen die Helden einstweilen täglich einige Stunden, einer hinter dem andern, rings um den geräumigen Marktplatz herum, wozu abwechselnd auf einer faßartigen, von zwei Mann getragenen großen Trommel, oder auf zwei kleinen übereinandergebundenen, Tambourins gleichenden Trömmelchen tapfer darauf losgepaukt wird. Auch Festungswerke hat man errichtet, wenn man nämlich einige, 4 Fuß hohe, einen Fuß dicke Mäuerchen aus Luftziegeln und von Holzklötzen und Balken gestützt, mit diesem Titel beehren will. Auf der Gegenpartei mag es wohl auch nicht viel besser aussehen, und so stehen sich denn die Löwen kampfgerüstet einander gegenüber.

Der Hauptkern dieser ewig wiederkehrenden Katzbalgereien, die das arme Land nur aussaugen und keinen gedeihlichen Zustand zur Blüthe kommen lassen, beruht auf einem individuellen Streite der Machthaber von Leon und Granada, und diesmal scheint mir die Granadiner Partei insofern im Rechte zu sein, als sie einen, meiner Ansicht nach, ganz vernünftigen Zusammentritt zu einer größeren Föderativrepublik zum Feldgeschrei haben, während die Leoneser eine Art von Sonderbündelei im Schilde führen, aus der natürlich immer wieder neuer Same der Zwietracht erwachsen muß. Das Seltsamste dabei ist aber, daß die ganze Sache sich eigentlich nur um das Privatinteresse von etwa einem Dutzend tonangebender Personen dreht, die Hauptmasse der Bevölkerung derselben ziemlich fremd bleibt und nur insofern Interesse daran hat, als sie immer wieder das blutende Opfer dieser Kämpfe werden muß; von wahrem Patriotismus, freudiger Hingebung an das allgemeine Wohl des Vaterlandes habe ich aber verwünscht wenig bemerkt, trotzdem die Leute derlei pomphafte Reden ewig im Munde führen.

Solche Wahrnehmungen, so viel sie auch zur Erweiterung meiner Welt- und Menschenkenntniß beitragen, betrüben doch recht herzlich in einem Alter, das noch für allerhand schöne und ideale Illusionen empfänglich ist. Hat man auch endlich hier und da noch einige edle Züge entdeckt, so schrumpfen bei näherer Prüfung auch davon noch die meisten zu einer gedörrten Frucht zusammen, die sich nur das Ansehen einer frischen zu geben strebt. So jung ich auch noch bin und so wenig Welterfahrung ich auch in dieser Hinsicht noch gesammelt, ist mir doch der Appetit nach mehren schon ziemlich vergangen.

VIII.
Der geendigte Krieg in Nicaragua. – Aufregung in Granada. – Unangenehme Conflicte. – Meeting in Massaga. – Hauptquartier in Managua. – Don Fruto Chamorro. – Gefecht von Nagarote. – Erkrankung. – Gefecht von Chinandega. – Mißverhältniß der Streitkräfte. – Vertrag von Posolteja. – Treubruch des Generals Lopez. – Ehrenhaftes Benehmen des amerikanischen Gesandten. – Traurige Aussichten.

Leon, d. 1. December 1851.

So widerlich und betrübend für den Menschenfreund auch das seit meinem letzten Berichte hier zu Ende geführte Drama ist, kann ich mich doch nicht enthalten Euch das schmachvolle Ende dieses neuesten zahmen Revolutionskampfes von Nicaragua zu schildern. Ich will eine möglichst ausführliche und getreue Darstellung der letzten Ereignisse versuchen, einmal, weil, soviel ich weiß, keine der bisherigen Correspondenzen in amerikanischen Blättern frei von Irrthümern war, was seinen natürlichen Grund darin hat, daß keine dieser Correspondenzen von Leon aus erfolgte, wo die Haupttragödie – oder Comödie, wie man es nehmen will – gespielt hat und hier zu Lande, wie anderwärts, jede Meile ein wenig an der Nachricht verändert, so daß eine Mosquitofliege, welche in den Straßen von Leon ausfliegt, schon in Granada als ein zweiköpfiger Drache anlangt und bis St. Juan zu einem Monstrum mit hundert Köpfen und tausend Armen anschwillt.

Nebstdem vermag aber auch nichts einen deutlicheren Begriff der hiesigen unglückseligen Landesverhältnisse zu geben, als eine schlichte Darstellung solcher Ereignisse, die sich schon so oft in gleicher Weise wiederholt haben und noch wiederholen werden, mit dem einzigen Unterschiede, daß dann immer andere Hauptacteurs figuriren; die Hauptsache bleibt aber dieselbe.

Meine letzte (dritte) Reise von hier nach Granada und zurück, um einen meiner Creditbriefe in klingende Münze zu verwandeln, so wie eine zufällige Unterhaltung mit dem eben zurückgekehrten Präsidenten Pineta, der mir aber zu jener Zeit noch unbekannt war, in Massaga, erlauben mir die genaueste Auskunft über das zu geben, was sich auf Seite der Granadiner zutrug. In Betreff der Leoneser Partei setzen mich die detaillirsten Mittheilungen eines, zur Zeit hier noch residirenden, höchst achtbaren Amerikaners, dessen verantwortliche Stellung mir jedoch die Nennung seines Namens verbietet, der aber von allen Vorfällen auf das Genaueste unterrichtet ist, in den Stand auch dasjenige zu berichten was sich zutrug, als ein hitziges Fieber mich ans Bett fesselte und somit verhinderte, Augenzeuge der Vorfälle zwischen dem General Lopez von Honduras und dem Leoneser General Munoz zu werden. Endlich aber überzeugten mich mehre Unterhaltungen mit dem Minister Chicodilla, welcher fast täglich das Haus meines gütigen Wirthes und Pflegers, des Dr. Livingston besuchte, von der vollkommenen Richtigkeit aller jener Mittheilungen.

Ich übergehe meine letzte Hinreise nach Granada, die den früher schon beschriebenen gleich war, bis auf den Umstand, daß ich diesmal meinen Weg über Tamarinta-Bay nahm, welche ich jedoch nur in der Entfernung einer (engl.) Meile zu Gesicht bekam, da der Sumpfboden, in welchem mein armes Pferd bis an den Sattelgurt versank, mir nicht verstattete, näher hinan zu gelangen. Dieser Abstecher brachte mir nebenbei auch noch das Vergnügen einer schlaflosen und höchst qualvollen Nacht ein, in der ich von Mosquitos und Sandfliegen, – das allerlästigste Insect von der Welt – beinahe aufgefressen worden wäre.

Am Tage, oder richtiger am Abend, wo ich Granada wieder verließ, war die Stadt aus zweierlei Anlaß in lebhafter Aufregung. Zuerst war früh 9 Uhr die Nachricht eingetroffen, daß der vertriebene Präsident Pineta aus seiner Verbannung über Segovia und Tipitapa eintreffen werde, infolge dessen jedermänniglich und weibiglich sein Haus aufs Beste mit Fahnen, Teppichen und Blumen zu schmücken bemüht gewesen war. Diese Freude der Granadiner ward jedoch unangenehm durch den blinden Lärm gestört, Colonel Mac-Claen sei mit einer großen Anzahl Amerikaner in St. Juan del Sur den Leonesern zu Hülfe gekommen und rücke mit Heeresmacht heran, um Granada zu bedrohen. Daß diese letzte Nachricht völlig unwahr, wußte ich sehr wohl, denn noch bevor ich Leon verließ war besagter Colonel mit nicht mehr als 14 Mann amerikanische Freiwillige dort eingetroffen, welche Heeresmacht noch durch etliche Zuläufer bis zu einer sehr schwachen Compagnie angewachsen war, die Mac-Claen eben noch möglichst einzuexerziren sich abmühete.