Es hatte sich in Granada, Gott weiß aus welchem Grunde und auf welchem Wege, das Gerücht verbreitet, ich sei Träger einer bedeutenden Geldsumme für Munoz, welche seine Freunde in Granada ihm zusendeten. – Du lieber Himmel! als ob ein armer reisender Maler überhaupt jemals Träger einer bedeutenden Geldsumme sein könnte? – und als ich die Plaza passirte, ward ich vom Pfeifen und Schreien der Menge begleitet, während ein junger, ziemlich anständig gekleideter Mensch sogar unverschämt genug war, mich auf englisch zu insultiren und mich als Parteigänger Munoz bezeichnete, den man anhalten, das Pferd wegnehmen müsse und endlich gar das Wort Scoundrel (Schurke) gebrauchte. Wer ein gut Gewissen hat, braucht sich nicht schimpfen zu lassen, dachte ich, wendete augenblicklich mein Pferd und zog, auf den Laffen losgaloppirend, den Ladestock meiner Büchse, um ihm die verdiente Züchtigung angedeihen zu lassen; er flüchtete sich aber in ein Haus, durch dessen verschlossene Thür ich ihm freilich nicht folgen konnte, was mir für den Moment um so lieber war, als die späte Tagesstunde, so wie ein heraufziehendes schweres Gewitter mich zur Eile antrieb; treffe ich aber den Burschen jemals wieder, so dürfte unsere Begegnung zur Folge haben, daß ich mir einen neuen Ladestock anschaffen müßte.

Ich wünschte noch vor später Nacht Massaga zu erreichen und legte die 5 Leguas, durch den unaufhörlichen Regen bodenlos gewordenen Weges bis dahin so schnell wie möglich und mit all der Vorsicht zurück, die eine Vedette in Feindesland anwendet, denn nach den gemachten Erfahrungen mußte ich jeden Augenblick gewärtig sein, den Pfeil eines Meuchelmörders aus dem Dickicht schwirren zu hören. Nichts der Art trug sich indessen zu und gegen 10 Uhr Abends ritt ich in das Gehöft einer bekannten Familie ein, bei der ich schon zweimal übernachtet hatte.

Ich fand in diesem Hause, wo ich sonst nie einen Mann, außer dem Besitzer, getroffen hatte, eine Versammlung von zehn bis zwölf Männern vor, von denen einer, ein hochgewachsener helläugiger Mann mit blondem oder grauem Haare, – wegen mangelhafter Beleuchtung konnte ich den Zweifel nicht lösen – der gutmüthig in die Welt hinausblickte, el Sennor Directore genannt wurde. Ich war zu sehr mit dem Gedanken an meine Weiterreise mitten durch die, einander feindlich gegenüberstehenden Heere, so wie mit der Befriedigung meines Appetits beschäftigt, um der Unterhaltung dieser Gesellschaft absonderliche Aufmerksamkeit zu schenken; allein auf einige an mich gerichtete Fragen über Zweck und Endpunkt meiner Reise, so wie um meine Meinung über das Land, die Revolution und die Stimmung der Fremden, antwortete ich frank und frei, ohne mir ein Blättchen vor den Mund zu nehmen, so daß ich sicher war, verstanden zu werden. Zudem sorgte auch noch ein junger Mann, Namens Rivas, dafür, aus einer der angesehensten Familien Massagas, der geläufig englisch und französisch sprach und meinen Dollmetscher machte. Auf meine Aeußerungen der Entrüstung: daß in einem kleinen Lande wie Nicaragua, das man selbst auf der größten Specialkarte bequem mit der Hand bedecken könne und dennoch zwanzigmal mehr Flächenraum habe als zum Unterhalte seiner Bewohner nöthig, die Menschen nicht einmal in Ruhe und Frieden mit einander leben könnten, lachte jener blondgraue Herr recht aus vollem Herzen und schnitt dazu ein Gesicht wie mein Schimmel, wenn ich ihm die Schüssel voll süßen Mais vorhalte.

Ohne weitere Abenteuer langte ich andern Tages bei guter Zeit in Managua an, wo man mich nach meinem Paß vom Präfecten von Granada fragte und mich auf meine verneinende Antwort an den commandirenden General Don Fruto Chamorro verwies. Ich war vortrefflich mit doppelten Pässen versehen, einen vom Ministerium in Washington und einen zweiten von Sennor Don Marcoleta, spanischer Gesandter bei der Regierung der Vereinsstaaten und den Staaten von Central-Amerika, dachte mithin nicht im mindesten daran, umzukehren.

Nachdem ich mich und mein Roß erst mit einigem Imbiß gestärkt, ritt ich straks vor Don Fruto's Hauptquartier. Es wimmelte von Officieren, Ordonnanzen und Soldaten aller Waffen, wohl ihrer hundert, kurz einem Generalstabe, mit dem sich eine Armee von 50,000 Mann allenfalls hätte begnügen können. Das erste Beginnen dieser Helden war, mich zu entwaffnen, ja einer schnallte mir sogar die Sporen ab, während zwei Andere mein Pferd hielten. Ein Officier bezeigte sogar Lust, Hand an mein Toledoschwert zu legen, was ich jedoch fest entschlossen war nicht auf-, sondern dem dreisten Menschen eines damit über den Kopf zu geben, als Don Fruto's Dazwischenkunft noch bei Zeiten alle weiteren Gewaltthätigkeiten verhinderte, bei denen meine Wenigkeit am Ende doch wohl den Kürzeren gezogen haben dürfte. Da ich aber nun einmal auf hohem Pferde saß, ließ ich ihm einige sehr scharfe Redensarten verschmecken, worauf er, wie ich nicht anders erwartet hatte, sein Visa ohne weiteres Zögern unter meine Pässe setzte.

Auf halbem Wege zur nächsten Station (Mitiares) begegnete mir ein Officier in großer Hast und Eile und von äußerst mürrischem Ansehen; im Dorfe selbst angelangt, welches der letzte befestigte Posten der Granadiner war, fand ich etwa 200 bis 250 Mann, ganz entkräftet, mit bei Seite geworfenen Waffen überall schlafend umherliegen, während von Zeit zu Zeit immer noch Andere vereinzelt und eben so erschöpft anlangten. Am Ausgange des Dorfes erfuhr ich die Ursache hiervon. In vergangener Nacht war ein vorgeschobenes Corps von 350 Mann im Dorfe Nagarote von den Leonesern plötzlich mit großem Ungestüm angegriffen und in die Flucht geschlagen worden. Genauere Details konnte ich zur Zeit nicht erfahren, außer daß ein Colonel Silaga – auch Cachirullo genannt – durch einen Lanzenstich getödtet worden sei, was mich aufrichtig betrübte, denn ich war schon bei meiner ersten Anwesenheit in Leon mit diesem Colonel persönlich bekannt und befreundet worden und hatte ihn als braven, gebildeten Officier und auch sonst um Vieles höher schätzen lernen, als einen großen Theil seiner Landsleute.

Bis Abends 7 Uhr begegnete ich noch Nachzüglern, theils einzeln, theils in kleinen Trupps, theils mit, theils ohne Waffen, theils auf der Heerstraße einherschwankend, theils aus dem Walde kommend, wohin sie sich in ihrem Schrecken geflüchtet hatten.

Tief in der Nacht und triefend von Regen langte ich in Nagarote an; am Eingange des Dorfes lagen einige getödtete Pferde und die Bewohner waren noch so voller Schrecken über die letzte Affaire, daß ich nur erst, nachdem man meine von früherher noch bekannte Stimme wieder erkannt hatte, Einlaß ins Wirthshaus erhielt.

Dies waren die einzigen persönlichen Rencontres, die ich mit den Heeren der kriegführenden Mächte von Central-Amerika zu bestehen hatte, und aller Wahrscheinlichkeit nach waren es diese Vorfälle, aus denen der Correspondent eines New-Yorker Blattes die grausenhafte Geschichte meiner Gefangennehmung und tödtlichen Verwundung zusammengeschmiedet hatte, die Euch, Ihr Lieben, leider in so große Sorge und Angst um mich versetzte. Die Münchhausiade sei ihm in Gnaden verziehen.

In Leon, das ich am andern Morgen ohne weitere Fährlichkeiten erreichte, erfuhr ich erst die genaueren Details über jenes Gefecht von Nagarote. Dreißig Mann Infanterie, ungefähr eben so viele Cavalleristen und etwa ein Dutzend amerikanischer Scharfschützen waren unter Befehl des Colonel Silaga auf eine Recognoscirung detachirt worden und stießen unvermuthet auf den Feind. Als die Vorposten feuerten, ging's gleich mit Hurrah und Halloh drauf los, und da die Dunkelheit die geringe Anzahl der Leoneser verbarg, so brachte der erste entschiedene Angriff eine eben so entschiedene Niederlage hervor und die Granadiner liefen nach allen Seiten davon, wie ich noch selbst hatte sehen können, und so wild war die Flucht gewesen, daß mehre Armee-Papiere, Geld, Effecten und die ganze Bagage der Officiere, insoweit dieselben dergleichen hatten, in die Hände der Leoneser fielen. Noch am Morgen nach dem Gefechte wurden von den Dorfbewohnern fünf Granadiner aus einem flachen Brunnen gezogen, wohinein sie in der Todesangst gesprungen waren.