Doch genug der Thaten der zerlumpten Helden. Ich war, wie gesagt, glücklich und wohlbehalten in Leon angekommen, mußte aber gleich nach meiner Ankunft den nur aufgeschobenen Tribut der Acclimatisation zahlen, indem ich in ein hitziges Fieber verfiel, das mich über vierzehn Tage ans Bett fesselte und mich sehr von Kräften brachte; nur durch die größte Schonung, treffliche Pflege in Dr. Livingston's gastfreiem Hause, gute Nahrung, Porter u. s. w. kam ich nach und nach wieder auf. Während dieser Zeit war die Entwickelung des traurigen Possenspiels in folgender Weise vor sich gegangen:
Am 4. November war eine Escolta von fünfundzwanzig Infanteristen und fünfundzwanzig Cavalleristen nach Chinandega, einer kleinen Stadt von circa 10,000 Einwohnern, halbwegs zwischen hier und der Küste des Pacific gelegen, entsendet worden, um eine Geldcontribution zu erheben. Commandant des kleinen Trupps war Major Silaga II., Bruder jenes erstgenannten Colonel Silaga, der übrigens nicht in jenem Gefechte von Nagarote geblieben war, sondern nur drei leichte Wunden davon getragen hatte. Dieser Leoneser Trupp war bereits bis auf die Plaza von Chinandega vorgerückt, mit Befremden nur durch leere Straßen marschirend, als er plötzlich von allen Seiten mit einem mörderischen Feuer begrüßt ward. Es waren dies Hondurenser Truppen, welchen Staat Granada für sich zu gewinnen gewußt hatte, unter Commando des Generals Lopez, begleitet von dem Minister Chicodilla von Nicaragua, welcher mit dem Präsidenten Pineta die Verbannung getheilt hatte. Schon einige Zeit vorher hatte das Gerücht vom Abfall Honduras und vom Eintreffen dieser Truppen in Leon circulirt, Niemand hatte aber recht daran glauben wollen.
Ein kurz zuvor eingetretener Regensturm hatte zum Unglücke der Leoneser Truppen auf dem Marsche den größten Theil ihrer Munition durchnäßt; die Uebermacht nicht beachtend commandirte Major Silaga dennoch muthig zum Angriff und warf den Feind auch wirklich fünf Straßen weit zurück, über einen kleinen Fluß. Hier aber ward er mit solcher Heftigkeit von drei Seiten angegriffen, daß er nicht länger Stand zu halten vermochte; nachdem jeder seiner Leute die wenigen etwa noch trocken gebliebenen Patronen bis auf die letzte verschossen hatte, zerstreuten sie sich und suchten einzeln, so gut sie konnten, sich einen Ausweg zu bahnen. Der Major Silaga und sein Adjutant, denen beiden die Pferde unter dem Leibe getödtet worden waren, mußten zu Fuß den Weg bis Chichigalpa suchen, an welchem Orte sie so glücklich waren frische Pferde zu erlangen. Von der ganzen Escolta trafen im Laufe der nächsten Tage noch 26 Mann, ohne ihre Officiere, ein; etwa 12 Todte waren auf dem Platze geblieben, worunter die Mrs. Bradburry und Lane. Das Häuflein erreichte glücklich Leon auf weitem Umwege über Realejo. Feindlicher Seits waren bedeutend mehr geblieben. Im Ganzen sollen sich jedoch die Hondurenser, obschon ihnen ihre große Ueberzahl zu statten kam, immer noch besser geschlagen haben, als die Granadiner Helden.
Der General Munoz sah nach diesem Gefechte ein, daß die neuesten zuverlässigen Nachrichten über die nummerische Stärke des Feindes ihm ein sehr zweifelhaftes Resultat in Aussicht stellten. Die Granadiner zählten, die allerdings nur schwachen Garnisonen von Granada, Rivas, St. Juan del Sur, Matagalpa nicht mit eingerechnet, über 1100 Mann, wovon ein großer Theil zuletzt noch in aller Eil ganz gut mit Uncle Sams Musqueten bewaffnet worden war, die Mr. White als Preis seines nichtswürdigen Monopols erschachert hatte; dazu die Hondurenser, zwischen 300 und 400 Mann stark, also zusammen über 1500 Mann disponible Truppen. Diesen hatte Munoz Alles in Allem nicht ganz 700 Mann entgegenzustellen, allerdings besser disciplinirte und exerzirte Leute, mit einer halben Batterie leichter Artillerie unter Commando eines französischen Officiers. Auch sein kleines Häuflein Cavallerie war nicht ganz übel beritten und einexerzirt. Bei solchem nummerischen Mißverhältniß und geringem Vertrauen auf die kriegerische Ausdauer der Eingeborenen, war es daher das Klügste was man thun konnte, mit der Gegenpartei in Unterhandlungen zu treten, um die Stadt doch wenigstens unter möglichst guten Bedingungen zu übergeben.
Munoz sendete daher am 9. November einen Parlamentair ab, der eine Zusammenkunft in Posolteja mit General Lopez stipulirte. Bei Munoz Annäherung mit der gegenseitig accordirten Escolta (die Munozsche bestand aus 2 Officieren, 2 Amerikanern und 6 Lanziers), lief die Granadiner Escolta über eine Legua zurück, bis Chichigalpa, und war erst dort zu überzeugen, daß von dieser, in friedlicher Absicht gekommenen, handvoll Leute nichts zu befürchten sei.
Die Capitulation kam denn auch wirklich zu Stande, und einige ihrer Hauptbedingungen waren: gänzliche Amnestie für alle an dem Revolutionskriege Betheiligten, Entlassung der beiderseitigen Kriegsheere, Freiheit für die amerikanischen Freiwilligen, zu gehen, oder sich friedlich im Lande niederzulassen u. s. w.
Am 12. November ward in Folge dieser Capitulation Leon übergeben; die Amerikaner feuerten den üblichen Salutschuß, während die eingeborenen Artilleristen in den stehenden Batterien postirt waren. Wie groß war aber das Erstaunen des Generals Munoz, als er sich, nachdem er seinerseits pünktlich alle Artikel erfüllt, die Waffen gestreckt und alle seine Truppen entlassen hatte, plötzlich von der eingerückten Abtheilung Leoneser, die er mit einem Handgriff hätte erdrücken können, so lange er seine Truppen noch unter Waffen hatte, überfallen und mit eilf der vornehmsten Officiere gefangen sieht. Der Traktat war dem Präsidenten Abaonza (von Leon) übergeben, dann aber diesem wieder heimlich entwendet worden, und jetzt leugnete General Lopez sogar dessen Existenz ganz ab.
Auf wessen Seite von Anfang her das Unrecht lag, sei hier ganz dahingestellt, und eben so die Erörterung der Frage, ob ein Sieg der Leoneser Partei dem unglücklichen Lande eine bessere Zukunft in Aussicht gestellt haben würde; aber jeder Unbefangene wird sich nach Obigem einen Begriff machen können, was man in Central-Amerika auf die Heiligkeit der Verträge, auf Soldaten- und Mannesehre zu geben hat.
Die Gefangenen hatten sich noch am selben Nachmittage an den sehr ehrenwerthen Mr. Kerr, bevollmächtigten Gesandten der Vereins-Staaten in Nicaragua gewandt und dieser stand keinen Augenblick an sich dieses Vertrauens, so wie der Regierung, die er repräsentirte, vollkommen würdig zu beweisen. Trotzdem er früher laut und unverhohlen kund gegeben, wie weit entfernt er sei, mit der Revolutionspartei und dieser steten Erneuerung der Mißhelligkeiten zu harmoniren, eilte er jetzt bei so grober Rechtsverletzung nichtsdestoweniger, obschon es schon spät in der Nacht war, zum feindlichen General, um unter dem Schutze der Sterne und Streifen auf der Stelle eine energische Protestation gegen solch nichtswürdiges und wortbrüchiges Verfahren, so wie gegen jede etwaige militairische Verurtheilung und Tödtung der Gefangenen, diese geradezu als niedrigen Meuchelmord bezeichnend, niederzulegen. Dieser Akt war keineswegs so leicht und gefahrlos, wie er daheim unter civilisirten Nationen erscheinen mag; denn hier, wo durchschnittlich immer die Hälfte der Soldaten betrunken, und die andere noch nicht völlig nüchtern ist und demnach fortwährend Excesse aller Art vorkommen, war es gar nicht unmöglich, daß einige Soldaten, statt ihren patriotischen Heldenmuth durch Freudenschüsse in die Luft kund zu geben, wie man es hier sehr liebt, aus Versehen dem verhaßten amerikanischen Gesandten, der ihrem General so starke Sachen zu riechen gab, eine Kugel durch den Hirnschädel jagte.
Erst zwei Tage darauf wagte es endlich Don Fruto Chamorro mit seiner gesammten Heldenarmee in die Stadt zu rücken, nachdem er sich vorher sorgfältig überzeugt hatte, daß ihm keinerlei Gefahr mehr drohe. Ich hörte von meinem Krankenbette aus die Freudensalven der Soldaten, konnte aber leider den Anblick des mit Lorbeern und Lumpen bedeckten Siegesheeres nicht genießen.