IX.
Neue Erkrankung. – Excursion in das Hochgebirge und die Minendistricte. – Reiseanstalten. – Aufbruch von Leon. – Nachtlager. – Räubergerüchte. – Nächtlicher Ueberfall. – Eintritt ins Gebirge. – Trockenheit. – Zuckererbauung. – Aztekische Sage. – Beschwerlicher Marsch. – Heimathliche Erinnerung.
Leon, Ende Mai 1852.
Die in meinem letzten Briefe ausgesprochene Hoffnung, durch ein mehrwöchentliches hitziges Fieber den Tribut der Acclimatisation vollständig entrichtet zu haben, sollte leider nicht in Erfüllung gehen und das schlimmste Ende noch nachkommen. Das allzukühne Vertrauen auf meine Jugendkraft und feste Constitution, die Nichtbeachtung gutgemeinter Warnungen, in Bezug auf die schädlichen Wirkungen des Klimas, habe ich, wie Euch mein Brief vom Ende Januar d. J. gezeigt haben wird[2], durch einen sehr bösen Rückfall, der mich nahe an den Rand des Grabes brachte, und mehre Monate an's Krankenlager fesselte, gebüßt. Gottes väterlicher Schutz und die liebevolle Pflege wackerer Menschen haben mich aber die herbe Leidensperiode glücklich überstehen lassen und mich dem Leben, der Gesundheit, der Thätigkeit zurückgegeben.
Laßt mich die traurige Zeit der Krankheit und langsamen Reconvalescens mit Stillschweigen, und sofort zum letzten und angenehmsten Theile meiner Fahrten und Erlebnisse in der Tropenwelt Central-Amerikas übergehen, nämlich zu meiner:
Excursion in das Hochgebirge und die Minendistricte von Nicaragua und Honduras.
Während meiner Krankheit hatte ich endlich bestimmte Nachricht von Mr. Squier erhalten, daß er sein Unternehmen hierher aus wichtigen Gründen leider aufgeben müsse, wenigstens vor der Hand, und somit die eigentliche Absicht meines hiesigen Aufenthalts vereitelt sei. Theils um denselben nun doch wenigstens zu möglichst reicher Ausbeute für mein Malerportefeuille und mein Tagebuch zu benutzen, theils aber auch, um die vom Fieber hinterlassene Schwäche vollends aus meinen Gebeinen zu verjagen, beschloß ich, die noch übrige Dauer der heißen Jahreszeit in dem gesunden Gebirgsklima zu verbringen, womit mein freundlicher Arzt und ärztlicher Freund, Dr. Livingston, vollkommen einverstanden war.
Für eine Reise durch jene noch sehr wenig bevölkerten Gegenden ist es nöthig, sich gleich anfangs mit einem Paar kräftiger Segovier Maulthieren zu versehen, für sich und seinen Diener, da die aus der Plaine nicht zu so beschwerlicher Gebirgskletterei geeignet sind; dabei möglichst wenig Gepäck und einigen Proviant, denn in diesen Gegenden ist der Reisende meist auf sich selbst verwiesen; Gasthöfe kennt man daselbst nicht einmal dem Namen nach. Auf der andern Seite herrscht freilich eine fast unbegrenzte Gastfreundschaft; ein bloßer Empfehlungsbrief sichert einem fast überall die freundlichste Aufnahme und man kann bleiben, so lange man nur immer Lust hat; allein unterwegs ist es oft unmöglich bewohnte Orte zu erreichen, man bleibt, wo man Wasser und Futter für die Thiere findet, den Hammock zwischen zwei Bäumen aufgehangen, wenn nämlich solche da sind, die nackte Erde, auf welcher, der blaue Himmel das Dach, unter welchem man schläft. Ein wenig an der Sonne gedörrtes Fleisch, etwas Totoposke (doppelt gebackene Maiskuchen) bilden Frühstück, Mittag- und Abendessen und ein kleiner blecherner Feldkessel, den man mit sich führt, dient um Kaffee zu kochen, bei welchem die Sahne natürlich meist der Phantasie überlassen bleibt. Die Thiere werden »gehobbelt«, d. h. die Vorderfüße zusammengebunden, und lassen sich während der Nacht die Weide schmecken, wenn nämlich welche da ist.
Gerade zur Zeit, als ich meine Reise antreten wollte, waren Maulthiere beinahe gar nicht zu bekommen und ich gerieth dadurch in einige Verlegenheit, bis ich an das »Maison« gewiesen wurde, dort Abhülfe derselben zu finden. Das Maison ist nämlich ein großes, den orientalischen Caravanserais ähnliches Gebäude, bestehend aus Höfen und Säulengängen, wo jeder ankommende Maulthiertransport seine Ladung deponirt, die Zölle entrichtet und dort gleich verkauft oder einzeln an ihre Bestimmung abliefert. – Dort miethete ich nun von einem Caravanos aus St. Rafael (nahe Matagalpa) ein großes starkes Segovier Pferd (groß im Vergleich mit der kleinen Race des Landes) und ein dito Maulthier für das Gepäck, denn mein eigenes Pferd und Maulthier waren durch Futtermangel während und nach der Revolution zu wahren Skeletten herabgekommen und bedurften erst der längeren Ruhe im Protero (Weideplatz), um sich wieder zu kräftigen.
Am 3. März gegen Abend, als eben die Glocken zur Oration geläutet, kletterte ich, wegen meiner Schwäche nicht ohne Schwierigkeit, in den Sattel, und unsere ganze Streitmacht, aus 7 Mann und 13 Maulthieren bestehend, setzte sich in Bewegung. Die Cavallerie bestand, außer mir selbst, aus Don Eusebio, dem Eigenthümer der Maulthiere wie der Ladung, und Don Cesario, seinem Major domo; die Infanterie aber aus zwei Mozos (Dienern), Basilio und Apolinario, und zwei Jungen von 12-15 Jahren, Innocente und Candelario, zu deutsch: Leuchter – und so »mit Licht und Unschuld im Geleite – zog frohen Muthes ich ins Weite.« Jeder war auf seine Weise so gut wie möglich bewaffnet, denn man sprach viel von einer, aus Ausreißern beider Revolutionsarmeen gebildeten Spitzbubenbande in der Gegend des Monte-Rota, die einige Reisende angehalten und sogar mehre Haciendas ausgeraubt hatte. Ich führte die deutsche Spitzkugelbüchse und die amerikanischen Revolvers, die Dons Pistolen, sämmtliche Cavallerie aber unendlich lange Toledo-Schwerter; die Infanterie hatte ihre Machetas (lange Messer), Basilio und Apolinario aber Bogen und einige Dutzend Pfeile. Don Eusebio und ich bildeten die Avantgarde, dann folgte das Gros der Armee sammt Bagage und als Nachhut Don Cesario, dem dieser Posten zugleich die große Annehmlichkeit gewährte, den ganzen Tag inmitten einer großen Staubwolke zu reiten.
So ging denn der Zug vorwärts in stiller, klarer Mondnacht, lieblich und wollüstig wie nur eine tropische Nacht sein kann. Wir befanden uns zwar noch mitten in der heißen Jahreszeit, seit November hatte kein Wölkchen den tiefblauen Azur des Himmels getrübt; allein obschon die Tage glühend heiß waren, so schien doch in der Nacht die ganze Natur, von einem kühlen Südost erfrischt, der nur leise in den Blättern der majestätischen Palmen spielte, neues Leben zu athmen. Die große Ebene von Leon erstreckt sich auf der einen Seite hinaus bis an den Pacific (stillen Ocean), auf der andern bis zum See von Managua, und wird im Norden von der prachtvollen Kette von Vulkanen begrenzt, als deren Endpfeiler der Viejo und der ehrwürdige, über 6000 Fuß hohe Monotombo sich in überaus zarten, grauen Tinten vom Horizonte absetzen. Feierliche Ruhe schien über die ganze Natur verbreitet, nur hier und da unterbrochen vom Hufschlage eines Maulthieres oder der kurzen, melancholischen Melodie einer spanischen Romanze. Wäre ich Dichter, so hätte ich hier die passendste Gelegenheit zu poetischen Ergüssen gehabt.