Wir blieben jedoch nicht lange in Marsch; schon nachdem wir etwa 2 Leguas zurückgelegt, wurde Halt gemacht, die Thiere abgeladen und gehobbelt, Feuer angezündet, die Hammocks an einzelne Bäume aufgehangen und bald schlief Jeder, in seinen Poncho gewickelt, sanft und süß, während einer der Mozos über Menschen und Vieh Wache hielt; letzteres delectirte sich an dem dürren, schlechten Grase, als ob es das süßeste Heu wäre. Meine Ruhe ward leider sehr unangenehm von den Garralatos, zu deutsch Holzböcken, gestört, ein höchst lästiges Insect, mit dem man während der heißen Jahreszeit ganz bedeckt ist, sobald man durch ein Gebüsch geht oder reitet, und dessen Biß wie Feuer brennt. Zuletzt schlief ich aber denn doch recht tapfer bis zum nächsten Morgen, wo bei guter Zeit das Frühstück genossen, die Maulthiere beladen, was stets mit größter Sorgfalt geschieht, damit die Thiere nicht aufgerieben oder gedrückt werden, und dann der Marsch wieder angetreten ward.

Ziemlich früh kamen wir an einem kleinen Vulkan vorüber, der sich erst vor ungefähr zwei Jahren gebildet hat und sich noch immer fleißig in Eruptionen übt; der Patron soll überaus reizbaren Temperaments sein, denn wenn ein Stein in den Krater geworfen, heftig auf den Boden gestampft, ja nur besonders laut gesprochen wird, soll er seinen Verdruß alsogleich durch höchst unmanierliche Expectorationen kundgeben, weshalb wir auch in mäuschenstiller Ehrerbietung an ihm vorbeizogen. Mr. Squier giebt in seinem neuesten Werke über Nicaragua eine genaue Beschreibung davon.

Gegen Mittag überschritten wir die Vulkankette am Monte-Rota und stiegen dann nach kurzer Rast, um die Thiere zu tränken, in die nördlich von den Vulkanen gelegene Thalebene hinab, wo wir die Nacht auf einer kleinen Waldwiese, das Caimito genannt, zubrachten. Diese zweite Ebene erstreckt sich vom nordwestlichen Ende des Sees von Managua gegen den Golf von Fonseca hin. Es ist dies einer der fünf Punkte, welche schon der große Humboldt als geeignet für eine künstliche Verbindung zwischen den beiden Oceanen bezeichnete. Capitain Sir Edward Belcher, H. B. M. N., welcher diesen Theil des Landes vom Golf von Fonseca aus untersuchte, bezeichnet diese Ebene sogar als den vielleicht einzigen Punkt, wo ein Kanal, brauchbar für Schiffe erster Größe, angelegt werden kann. Auch Squier spricht in seinem Werke eine ähnliche Meinung aus; da ich aber auf meinem Rückwege Gelegenheit hatte, noch einen andern, größeren Theil dieser Ebene zu untersuchen, so werde ich mir später erlauben, meine Bemerkungen über diesen Gegenstand mitzutheilen.

Die beiden nächsten Tage verfolgten wir eine mehr östliche Richtung, in nicht allzu großer Entfernung vom See von Managua. Die flache, meist bewaldete und nur hier und da ein Stück Wiesen- oder Ackerland zeigende Ebene glich im Charakter ziemlich den Flächen im südlichen Frankreich, und sah in seinem ganzen Habitus, Häusern, der Art und Weise zu leben und zu reisen, so zu sagen mittelalterlich aus. Wenn da oder dort der Klang einer Holzaxt durch den Wald schallte, meinte ich immer, Moliere's Scagnarelle erscheinen zu sehen, und ein Paar Reiter glichen bald Don Juan und Leporello auf der Flucht vor den Dienern der heiligen Hermandad, bald wieder Don Quixote mit seinem getreuen Sancho Pansa, auf Abenteuer ausziehend. – Jeder Reisende hier zu Lande hat übrigens, wie ich schon früher bemerkte, etwas mit dem berühmten Ritter von der traurigen Gestalt gemein, theils des imposanten Kriegsapparates halber, den man hier mit sich schleppen muß, theils der mehr als spanischen Diät wegen, zu der man hier gezwungen ist. Hier erst ging mir ein Licht auf, wie wahr und getreu der gefräßige Charakter jener Bedienten der alten Komödien aufgefaßt ist, denn man lugt selbst begierig aus, wo man etwas Leidliches zu schnappen bekommt. Uebrigens ist der Haupterwerbszweig durch diese Ebene die Rindviehzucht.

Gegen Abend des dritten Tages näherten wir uns endlich dem Hochgebirge, das rauh genug aussah und strapazenreiche Märsche versprach. Die Berichte über Spitzbuben mehrten sich hier in bedenklicher Weise; erst zwei Tage vorher hatten dieselben eine Hacienda geplündert und ein reisender Leoneser war seines Pferdes, Gepäckes, selbst seiner Kleider bis auf die Unter-inexpressibles beraubt worden, und noch dazu von seinem eigenen, leiblichen Bruder, der sich im Lande aufhielt. Süße, heilige Bande der Natur! – Ich hatte ordentliche Sehnsucht, mit solch' lieben Burschen eine handgreifliche Bekanntschaft zu machen. – Don Eusebio wurde nachdenklich und hatte allerdings Ursache dazu, denn nicht nur, daß Maulthiere und Ladung, so wie der Erlös aus seiner Reise nach Leon einen beträchtlichen Theil seines Vermögens ausmachten, sondern er hatte auch eine ziemliche Geldsumme für einen der Bergwerksbesitzer in Matagalpa unter seine Verantwortung genommen. Meine Befürchtungen waren in dieser Beziehung nicht so bedeutend, dem alten Sprichworte gemäß: »Wo nichts ist u. s. w.« Indeß hielten wir doch für gut, unsere bisherige Marschordnung etwas mehr zu concentriren, um nöthigenfalls einander schnellen Beistand zu leisten.

Zur Nacht campirten wir dicht am Fuße des Gebirges auf einer Savannah mit einigen zerstreuten Bäumen und einer kleinen Waldspitze, welche in die Wiese auslief. Ein scharfer Nordost blies von den Bergen herab, und um mich ein wenig dagegen zu schützen, baute ich mir aus drei Packsätteln und einer Pferdedecke eine Art von Zelt. Die gewöhnliche Wache ward ausgestellt, und wir Uebrigen legten uns im schönen klaren Mondlichte zum Schlafen nieder. Es mochte etwa gegen 2 Uhr Morgens sein, als mich Don Eusebio plötzlich weckte, mit ganz verstörtem Aussehen rief: »Sennor, Sennor, los ladrones vienen!« und fast zu gleicher Zeit plafften einige Flintenschüsse von oberwähnter kleinen Waldspitze herüber. – Sie mögen in Gottes Namen kommen! dachte ich und blieb still liegen, wo ich war, denn die Sättel bildeten eine ganz hübsche Art von Brustwehr, sah aber doch für den Nothfall nach meinen Revolvers und machte die Büchse schußfertig. Die Mozos liefen hin und her, um die Thiere zusammenzutreiben, und ließen ihre Machetas gar fürchterlich im Mondlichte blitzen, wozu sie schrieen wie vom bösen Geiste besessen. Die Dons Eusebio und Cesario schossen ihre Pistolen gegen das Gehölz ab, was mit einigen Flintenschüssen erwiedert ward. Wenn die Spitzbuben wirklich die Absicht hatten, uns Eins auszuwischen, so müssen es mordschlechte Schützen gewesen sein, denn ich kann versichern, auch nicht eine einzige Kugel pfeifen gehört zu haben.

Während dieser Scene der Verwirrung sah ich deutlich eine weiße Jacke nebst dazu gehörigen Modesten gleich einer Schlange auf dem Bauche nach jener Stelle hinkriechen, wo mein Pferd graste, augenscheinlich in der Absicht, dasselbe zu stehlen. Da ich nun durchaus nicht gewillt war, die beschwerliche Reise zu Fuß fortzusetzen, auch der Mond noch hell genug schien, um Korn und Visir zu erkennen, so ließ ich eine meiner Spitzpillen hinübersausen. Sobald der Schuß knallte, sprang die weiße Jacke wie electrisirt in die Höhe und die Modesten tanzten mit bewundernswürdiger Gelenkigkeit und Eile nach der Waldspitze zurück. Mit Gewißheit kann ich allerdings nicht behaupten, den Eigenthümer dieser Kleidungsstücke verwundet zu haben, wenn aber, so muß es unzweifelhaft an derselben Stelle gewesen sein, wo Cooper's Natty Bumpo seinem verhaßten Gegner, dem Zimmermann Hiram, eine Kugel applicirte, denn ich bemerkte, wie der eine Aermel der Jacke während des Schnelllaufes höchst verdächtige Bewegungen nach einer gewissen, nicht wohl anständig zu bezeichnenden Gegend besagter Modesten machte. Hiermit endete die Scene und Alles ward wieder ruhig, wie vorher, nur daß Jeder noch für einige Zeit seinen bewiesenen Heldenmuth bedeutend pries. Dies war der einzige Schuß, den ich je in Central-Amerika zu meiner Vertheidigung abgefeuert; vielleicht wäre er nicht einmal nöthig gewesen: allein man hatte bisher so viel Lärmen und Aufhebens von solchen Räubergeschichten gemacht, daß man mir vergeben wird, wenn ich vielleicht zu voreilig meinen kleinen Beitrag zu denselben lieferte.

Jetzt endlich traten wir in das Gebirge ein, durch ein Thal, rechts und links von bewaldeten Bergen eingeschlossen, die sich allmälig zu beträchtlicher Höhe erheben und deren Gipfel eine Art Tafelland, mit Savannahs, steinigtem Terrain und einigen armseligen Bäumen bedeckt, bildet. Durch das Thal herab fließt ein ziemlich breiter Fluß, der sich in den See von Managua ergießt, jetzt aber freilich nur einige Wasserlachen enthielt, an deren Rändern die wunderschönen alten Bäume ihr frisches Grün behalten hatten, ein Herz und Augen erlabender Anblick in dieser Jahreszeit, wo die ganze Natur bis ins innerste Mark verbrannt aussieht, und die großen Besen gleichenden Bäume ihre nackten, blätterlosen Arme wie hülfeflehend gen Himmel emporstrecken. Die Flüsse, welche wir bisher passirt, und wo an manchen Stellen während der Regenzeit schon Menschen und Thiere ertranken, waren jetzt so trocken, daß wir tiefe Löcher in den Sand graben mußten, um nur etwas schmutziges Wasser für die Thiere zu erlangen.

Ungefähr 9 bis 10 Miles wand sich der Weg in der Schlucht fort, bis zu dem Dörfchen Hykaral, und dann begann ein mühseliges Bergsteigen über einen heißen, mit Felsbrocken bestreuten Boden, den nur eben ein Segovia-Maulthier passiren kann, ohne die Beine zu brechen. Rechts und links sendeten nackte weiße Sandsteinfelsen die Strahlen der tropischen Sonne mit verdoppelter Stärke zurück und mein Reisethermometer zeigte ziemlich 110° Fahrenheit im Schatten, nota bene wo etwa Schatten war. Von jetzt an war die Reise nichts mehr als ein beständiges Auf- und Niederklettern, bei Gelegenheit eine kleine Strecke im Thale bleibend oder für einige Miles auf hohem Tafellande, bedeckt mit Wiesen und einigen Hykarobäumen, aus deren kürbisartigen Früchten man hier Trinkgefäße macht. Elend aussehende kleine Rohrhütten, in die man von allen Richtungen hinein- und auf der andern Seite wieder hinausschauen kann, waren die einzigen Zeichen, daß hier noch Menschen wohnten. Die Nächte wurden allmälig kühler und jeden Morgen gegen 2, 3 Uhr stellte sich ein dichter Nebel und starker Thau ein, der, indem er meine Kleider bis auf die Haut durchnäßte, sehr lästig fiel, denn in diesen Klimaten wird die Haut sehr empfindlich gegen Feuchtigkeit und Kälte.

In den Thälern und in der Nähe fließenden Wassers wurde viel Zuckerrohr gebaut, doch meist nur in kleinen Abtheilungen von einzelnen Indianerfamilien; die oben erwähnten Hochebenen dagegen werden großentheils für Rindviehzucht benutzt, doch ist das Vieh hier klein und nur von geringer Qualität. Da gerade die Zeit der Zuckerernte war, so brodelte in allen Kesseln über starkem Feuer der Zuckersaft, und so oft wir eine Pflanzung passirten und Appetit verspürten, bekamen wir zum Geschenk ein Bündel köstlichen Zuckerrohres, bei dessen Verspeisung wir so ziemlich einer Bande ambulanter Flötenspieler glichen, und durch welche Nahrung man nach einiger Zeit so fett wird, wie ein Bär im Herbste.