Eine erwähnenswerthe Unterbrechung der Einförmigkeit meiner Reise war bei dem Dorfe Guaximala, seitwärts am Wege, eine große Höhle, an deren Eingang einige Felsen mit Sculpturen bedeckt waren, im Charakter den alten Bildwerken an den beiden Seen von Nicaragua und ihren nächsten Umgebungen gleichend. Eine kleine indische Legende knüpft sich an diese Höhle, nach welcher eine aztekische Prinzessin, von den Spaniern verfolgt, sich in dieselbe flüchtete und durch einen dichten giftigen Nebel, den sie erscheinen ließ, die Verfolger am weiteren Vordringen hinderte. Hier soll sie noch weilen, umgeben von fremden, geheimnißvollen Wesen, jeden Neumond oben auf dem Gipfel des Berges erscheinend, um zu sehen, ob nicht ein Adler einen Geier bekämpft und tödtet, denn geschieht dies, so ist der Augenblick der Befreiung des Landes gekommen; die weißen Fremdlinge werden ausgerottet und der alte indische Fürstenstamm wird wieder in erneuter Glorie das Land beherrschen. – Der neueste Lauf der Begebenheiten wird, wie mir scheint, diesen Augenblick noch bedeutend hinausschieben, denn die rothhemdigen, tabackkauenden Männer des Nordens, welche sich neuerdings im Lande niedergelassen haben, scheinen mir eine schwer auszurottende Race. –

Ich hätte sehr gewünscht, diese geheimnißvolle Höhle näher zu untersuchen, von deren großer Ausdehnung, zahlreichen labyrinthischen Gemächern mit Sculpturen und theilweiser Vergoldung die Leute viel zu erzählen wußten; aber nicht eine bedeutende Summe hätte einen Indianer vermocht, mir als Führer zu dienen, und allein das Unternehmen zu wagen, nahm ich denn doch Anstand, denn in dieser Art von Höhlen entwickeln sich häufig Schwefelwasserstoffgase, und schwach, wie ich noch war, war mehr als Wahrscheinlichkeit vorhanden, dem Unternehmen zu erliegen; da ich zudem in diesen Theil des Landes zurückzukehren dachte, so verschob ich die Untersuchung dieses interessanten Monuments für später, leider, wie ich jetzt sehe, vielleicht für immer.

Am achten Tage meiner Reise stiegen wir in ein Thal hinab, so steil und so tief, daß es wirklich schien, als solle es direct bis ins Centrum der Erde gehen; unten erreichten wir endlich ein niedliches Dörfchen, »la Concordia«, inmitten zahlreicher Zuckerrohrfelder und Gruppen schöner alter Bäume, am Ufer eines kleinen Bergflusses gelegen, der rasch und lustig über Felsen und Gestein dahin hüpfte. Um so theuerer mußte ich aber den lieblichen Anblick durch das Erklettern des jenseitigen, noch viel steilern Bergpfades erkaufen, noch erschwert durch den Umstand, daß ich Basilio, der am Tage vorher von einem Maulthiere geschlagen worden war und gar nicht gehen konnte, mein Pferd geliehen hatte, und so, theilweise auf Don Eusebio's Thier, theilweise aber auch zu Fuß, in meinen schweren Reitstiefeln den Weg zurücklegen mußte. Ein bitter Stück Arbeit!

Gegen Abend indeß erreichten wir den nördlichen Saum eines Tafellandes und befanden uns plötzlich im Angesichte von St. Rafael, dem Orte unserer Bestimmung.

Hier bot sich dem Auge ein wunderliches Spiel der Natur: gegen Süden erstreckte sich eine großartige Gebirgslandschaft in den so ernsten und doch so graziösen Conturen, ganz ähnlich den Gebirgen Griechenlands und Kleinasiens; nordwärts dagegen war auch nicht mehr ein Schatten tropischer Natur zu sehen. Das Thal von St. Rafael, von kleineren vulkanischen Hügeln umgeben, glich frappant dem Thale von Teplitz in Böhmen und war bewaldet mit Massen von Rotheichen, dazwischen Wiesen und Zuckerrohrfelder, die aus solcher Entfernung für das Auge die Getreidefelder ersetzten; die Gipfel der Hügel mit einer Menge der schönsten Kiefern bedeckt. Selbst die Hütten des Dorfes glichen in Form und Größe von weitem den Häuserchen des sächsischen und böhmischen Erzgebirges – mit einem Worte: es sah beinahe aus wie daheim im lieben Sachsenlande.

[2]: Dieser, so wie einige andere Briefe, waren jedoch nicht an ihre Bestimmung gelangt.

X.
Aufenthalt in San Rafael. – Viehzucht. – Versuch mit dem Lasso. – Weiterreise. – Nächtliches Concert. – Totogalpa. – Der gastfreundliche Cura. – Eine Hochzeit. – Ocotal. – General Guardiola. – Hahnenkämpfe. – Spielwuth der Bewohner.

Ich ward genöthigt, einige Tage hier zu bleiben, theils weil Don Eusebio Geschmack an mir gefunden hatte und mich durchaus in seinem Hause beherbergen wollte, was mir sehr angenehm war, um etwas auszuruhen, und dann, weil zwei der Maulthiere am vorigen Tage ganz erschöpft zurückgelassen werden mußten, und ich so meine Bagage zu erwarten hatte, bis Apolinario sie auf anderen Thieren nachgeholt haben würde. Die kurze Rast bekam mir aber vortrefflich und mein Gesundheitszustand besserte sich schnell und merklich.

Don Eusebio zeigte mir seine Besitzung, meist Weideland und an Umfang beinahe so groß, als manches kleine Fürstenthum, mit ungefähr 4000 Stück Rindvieh, nannte sich selbst aber dabei einen armen Mann; er hatte insofern nicht ganz Unrecht, als er von all' seinem Eigenthume kaum 600 bis 700 Piaster jährlich realisiren kann. (Das Stück Rindvieh im Preise von 3, 4, höchstens 5 Piaster.)

Da Don Eusebio eine kleine Ladung Rohzucker nach Ocotal zu senden hatte, so contrahirte ich mit ihm für Thiere nach dem nicht weit von Ocotal gelegenen Dipilto, einem der bedeutendsten Minenplätze des Landes. Es mußten dazu noch einige von den in den Savannahs grasenden Maulthieren eingefangen werden, und auf Don Eusebio's Einladung beschloß ich, auch einen Versuch mit dem Lasso zu machen.