Eines Morgens ritten wir in Begleitung von zwei Mozos, jeder mit seinem Lasso am Sattelknopfe, zur Jagd aus, nachdem ich von Don Eusebio noch einige Lectionen, wie zu verfahren sei, erhalten hatte, denn es ist ein verwünschter Unterschied, einen Lasso zu Pferd oder zu Fuß zu werfen. Nachdem die Mozos in Zeit einer halben Stunde den geschäftlichen Theil erledigt, d. h. die nöthigen Maulthiere eingefangen, kam an mich die Reihe, meine Künste zu produciren. Ein starker Bulle ward ausersehen und ich ritt langsam auf denselben los. Der Stier, Schlimmes ahnend, fing an zu laufen, ich galoppirte hinterdrein, das Pferd scharf in der Faust. In angemessener Entfernung erhob ich mich ein wenig in den Bügeln, wirbelte den Lasso um den Kopf, lehnte mich vorwärts, um ihn zu werfen, als – schnapp! der Steigbügel mir entschlüpfte, und ich kopfüber zu Boden schoß. – Ungeheuere Heiterkeit von allen Seiten! – Das gut abgerichtete Pferd stand im Augenblicke still, und nachdem ich mich überall befühlt und entdeckt hatte, daß alle meine Knochen noch ganz waren, stieg ich wieder auf, mein Glück auf's Neue zu versuchen; diesmal ging's besser, der Lasso fiel, den halben Cirkel beschreibend, dem Thiere kunstgerecht über die Hörner; das Pferd, als ob es die Länge des am Sattel befestigten Lasso genau berechnet hätte, wendete augenblicklich um und brachte durch einen heftigen Ruck den Bullen zu Boden. Nur ist noch eine gewisse Geschicklichkeit erforderlich, sich des Thieres auch ganz zu bemeistern, was meiner Unerfahrenheit doch wahrscheinlich etwas schwer geworden sein dürfte, hätte Don Eusebio nicht, seinen Lasso von der andern Seite werfend, alle weiteren Schwierigkeiten beseitigt, und so endete denn dieser erste Versuch mehr zu meinem Ruhme, als ich in der That verdient hatte. – Ungeheuere Zufriedenheit!


Nachdem Don Eusebio mich während meines Aufenthalts bei ihm so gastfrei behandelt, als seine Mittel es nur irgend erlaubten, begleitete er mich noch einige Meilen auf meiner Weiterreise.


Ich änderte nun meine Richtung, die bisher eine nordöstliche gewesen war, in eine nordwestliche und, obschon weit im Binnenlande, eine mit der rechtwinkligen Form der Meeresküste parallel laufende Linie beschreibend, setzte ich meine Reise in alleiniger Begleitung eines Mozo fort. Der Weg glich so ziemlich dem vorigen, nur daß in so beträchtlicher Höhe, wie ich mich befand (3000 bis 4000 Fuß auf den tiefsten Punkten), die Nachtluft, zumal auf den Gipfeln der Hügel, recht empfindlich kühl ward, mein Poncho und ein tüchtiges Feuer mir äußerst angenehm waren, desto mehr aber die Thiere zu leiden hatten, denen die Kühle häufig eine Art von Darmgicht oder Kolik zuzieht, die zwar nur einige Stunden anhält, sie aber doch für diese Zeit ganz unfähig macht, zu gehen.

Wasser ist hier häufiger und von vorzüglicher Qualität. Die Zuckerrohrfelder, obwohl nur klein, sind ergiebig, der übrige Boden, wie bisher, Wald und Weideland. Die Landschaft war hier unter dem Einflusse der Morgennebel und des reichlichen Thaues schön grün geblieben. Bergauf- und bergabsteigend bot die Pflanzenwelt eine höchst überraschende Abwechselung dar, denn in der bedeutenden Wärme der Thäler sproßte die tropische Vegetation in vollster Ueppigkeit, während auf den höchsten Höhepunkten, die ich berührte, oft selbst die Kiefer als verkrüppeltes Knieholz hinter mir blieb, und ich so manchmal im Zeitraume eines Tages die Vegetation von 30 bis 40 Breitegraden beobachten konnte.

Ich passirte eine Menge von Dörfern, von bald christlichen, bald heidnischen Namen, unter denen ich mich besonders eines lieblichen Blickes in das Thal Santa Rosa, von der Borda di Santa Rosa herab, mit Vergnügen erinnere. Die Nächte freilich wurden des täglich heftigern Thaues wegen auch im nämlichen Grade unangenehmer und mein Schlummer ward oft gestört vom nächtlichen Geheul der Cayotas oder südamerikanischen Wölfe, welches ganz so klingt, als ob eine Bande ungezogener Gassenbuben im höchsten Discant schrie, und in das sich manchmal das tiefe, langgezogene Geheul eines Jaguars mischt. Obschon man allgemein und, wie ich glaube, mit Recht behauptet, daß diese Bestien, außer vielleicht im furchtbarsten Hunger, den Menschen nie angreifen, so kann man sich doch, wenn das schändliche Concert zu arg wird und gar nicht aufhören will, eines gewissen Büchsenfertigmachungs- und Messerzurechtlegungsgefühles nicht erwehren, und manch' liebes Mal trieb mich die Sorge um die Thiere aus dem Hammock, um mit der Büchse im Arme die Wachtrunde zu machen.

Am dritten Tage gegen Abend gelangte ich nach Totogalpa, einem mit Ausnahme des Cura (Pfarrers), der ein Weißer ist, nur von Indianern bewohnten Dorfe, die sich immer wieder nur unter einander verheirathen und so ihren Stamm rein und unvermischt erhalten. – Der Cura war ein compadre (auf gut deutsch Herr Gevatter) Don Eusebio's, weshalb der Mozo Ordre hatte, mich nach seinem Hause zu bringen. Der Cura, ein respectabel aussehender Vierziger, war die Herzensgüte und Freundlichkeit selbst. Da ich immer noch ein wenig zu schlank im Verhältniß meiner Körperlänge war und blaß aussah, so litt er nicht, daß ich im Hammock schlief, sondern ich mußte durchaus ein Bett annehmen, wie ich erst später zu meinem großen Leidwesen erfuhr, des würdigen Mannes eigenes Bett, da er in dem Artikel nicht eben reichlich versehen war.

Mr. Stevens rühmt in seinem Werke über Central-Amerika mit allem Rechte die Güte der Curas, und ich muß dieses Lob in vollster Ausdehnung bestätigen; mit vielleicht nur wenigen Ausnahmen in den größern Städten ist das Haus des Cura stets die Zufluchtsstätte aller Obdach- oder sonst Hülfebedürftigen, und so auch in Totogalpa. Es blieben in derselben Nacht wenigstens zehn bis zwölf Personen, darunter auch drei Damen, welche auf dem Wege nach Leon begriffen waren, in der Pfarrei, und vielleicht dreißig Maulthiere und Pferde ließen sich die Weide auf des guten Pfarrers Protero trefflich schmecken.

Die bessern Häuser haben hier alle einen Patio oder Veranda, den jeder Reisende ebenso als sein Eigenthum betrachten kann wie die Landstraße; zwischen den Säulen schlingt er seinen Hammock auf, in einer Ecke oder auf dem freien Platze vor dem Hause zündet er sein Feuer an, kocht seine mitgebrachten Vorräthe und zahlt nur dann etwas, wenn er irgend etwas von den Vorräthen des Hauses consumirt, – nota bene wenn Vorräthe da sind. –