Der Cura theilte mir beim Schlafengehen mit, daß am andern Morgen drei junge Paare den ledigen mit dem Ehestande vertauschen wollten, und lange vor Tagesanbruch folgte ich ihm in die Kirche, der Ceremonie beizuwohnen, denn es ist hier Sitte, jede Trauung noch vor Sonnenaufgang zu vollziehen, eine Sitte, die wahrscheinlich noch indianisch-heidnischen Ursprungs ist.
Die jungen Paare erschienen, gefolgt von ihren Verwandten, im Geleite der Brautführer und Brautjungfern; der Cura vollzog die Trauung nach dem Ritus der katholischen Kirche und im Zwielichte des anbrechenden Tages begab sich der ganze Hochzeitszug nach dem Hause des Bräutigams, um dort den Tag bis zur späten Nacht mit Essen, Trinken und Tanzen zuzubringen.
Der Cura führte mich in eins der Häuser, um die Festlichkeiten mit anzusehen. Inmitten der dichtgedrängten Menge ward getanzt, doch stets nur ein Paar auf einmal, beim Klange zweier Guitarren und einer Geige. Das Mädchen stand auf einer Seite des kleinen Tanzraumes und der junge Bursche bewegte sich hüpfend und tänzelnd auf sie zu, bald vorwärts, bald rückwärts, und drehte sich in verschiedenen Bewegungen um sie herum; dann that das Mädchen desgleichen, dann beide zusammen, worauf beide abtraten, um einem neuen Paare den Raum zu überlassen, sich selbst aber mit Tortillas und Bohnen zu erlaben. Aus besonderer Rücksicht auf mich als Fremden und die würdige Begleitung, in der ich mich befand, näherte sich mir eine Art von Ceremonienmeister und forderte mich zum Tanze auf; da aber mittlerweile der Tag angebrochen war und die Thiere gesattelt vor der Thür standen, entschuldigte ich mich mit meinen bestiefelten und pfundbespornten Gemüthszuständen, schüttelte dem wackern Diener Gottes herzlich die Hand und galoppirte lustig dahin in der frischen Morgenluft.
Bald bot sich mir von der Höhe der Borda de Ocotal eine wunderliebliche Aussicht in das Thal, wo sich der Riococo hinab nach der Ostküste schlängelt, an seinen Ufern das reizend gelegene Dörfchen Ocotal und drüben auf der andern Seite die grandiosen Berge von Dipilto. Noch ein steiles Hinabklettern, bei dem die Thiere manchmal eine ganze Strecke auf dem Hintertheile rutschend zurücklegten, dann die Passage des Riococo, jetzt ziemlich leicht, doch in der Regenzeit sehr schwierig und gefahrvoll, und ich ritt nach kurzer Zeit über die Plaza von Ocotal nach dem Hause der Sennora, Donna Chepa (Josephine) G., einer großen corpulenten Dame, an die ich eine Empfehlung hatte. Aufnahme wie überall.
Als ich beim Frühstück saß, kam der Militärcommandant des Departements, Don Gabriel Y., in Gesellschaft eines kurzen, dickbeleibten Sennors mit ungeheuerm militärischen Schnurrbart und blauem Oberrock, um der Sennora einen Besuch abzustatten. An mich wurden nun viele Fragen: Leon, die Revolution, Munoz etc. betreffend, gerichtet, die ich ungenirt und so gut ich es vermochte beantwortete. Mir fiel dabei auf, daß der dicke Herr im blauen Oberrock mit dem gewaltigen Schnurrbarte seine übrigens recht hübschen und sanften blauen Augen immer schüchtern wie ein verlegenes Mädchen niederschlug, wenn ich ihn ansah, eine Gewohnheit, die mir an Männern nie recht gefallen will. – Später in Dipilto, wo ich denselben nochmals antraf, erfuhr ich erst, daß es der General Guardiola sei, auch »der Tiger von Honduras« benannt. – Dieser Mann hatte sich im Jahre 1844, wo er die Regierung von Honduras unterstützte, eine traurige Berühmtheit erworben durch seine blutige, grausame Verfolgung der Gegenpartei. Im Jahre 1849 conspirirte er dann selbst gegen die Regierung, hatte aber schlechten Succes und hielt sich seit jener Zeit als Verbannter in Costa-Rica auf. Dann ward er von der Regierung von Nicaragua herbeigerufen, um ein Commando gegen Munoz zu übernehmen, konnte sich jedoch nicht mit dem commandirenden General, Don Fruto Chammorro, vertragen und nahm deshalb sehr schnell wieder seine Entlassung.
Ocotal ist die von Manchen als Nuevo Segovia bezeichnete Stadt; die eigentliche Stadt dieses Namens ist jedoch 4 Miles tiefer hinab, am Riococo gelegen, ward im Anfange des vorigen Jahrhunderts aber von Flibustiern, die den Fluß heraufkamen, zerstört und die geflüchteten Bewohner bauten das heutige Ocotal.
Ich wünschte noch vor Nacht Dipilto zu erreichen und brach also auf, sobald Menschen und Thiere sich ein wenig erholt hatten. Als ich über die Plaza kam, bemerkte ich eine Menge Menschen und aus ihrer Aufregung und der allgemein auf einen Punkt gerichteten Aufmerksamkeit schloß ich, daß da etwas Absonderliches los sein müsse. Als ich an die Stelle kam, sah ich, daß ein Paar Kampfhähne die Helden der Scene waren, und der heutige Tag, wie man mir sagte, der eines weitberühmten Hahnengefechts. Jetzt erst ward mir plötzlich klar, warum ich unterwegs so viele Leute mit Bretern auf dem Rücken gesehen hatte, auf deren jedem fünf bis sechs Hähne festgebunden waren. Ein Mann zu Pferde kam sogar mehr als 30 Miles weit her, die vier Ecken seines Sattels nach den vier Himmelsgegenden zu mit ebenso vielen Hähnen garnirt, zwei an Stelle der Holftern, zwei an Stelle der Satteltaschen. Die Hähne fechten hier nicht mit den gewöhnlichen Sporen, sondern mit sichelartigen Messerchen, deren haarscharfe Klinge manche so geschickt an das rechte Bein des Hahnes zu befestigen verstehen, daß oft schon beim ersten Anlauf der Gegner ein Bein einbüßt. Eben als ich anlangte, fiel einer der armen Kämpen, von seinem Gegner in die Seite gestochen und schändlich hinterlistig umgebracht, zu Boden und maß den Wahlplatz mit seinem Heldenleibe. Gleich war jedoch ein neues Paar zur Stelle, und ein barfüßiger, ziemlich lumpenhaft toilettirter Sennor frug mich, ob ich nicht mit ihm auf einen der Duellanten wetten wollte. Wie viel? – Zehn! – Was zehn, Piaster? (Etwas hoch, dachte ich.) – Nein, zehn Mark Silber (ziemlich 80 Dollars). Bagatelle! meinte ich und machte, daß ich weiter kam, denn ein so niedriges und grausames Vergnügen schien mir nicht werth, Zeit und noch weniger Geld daran zu setzen. Es ist übrigens eine gewöhnliche Sache, hier anscheinend arme Leute recht hohe Summen bei Hahnen- und Stiergefechten verwetten zu sehen. Das Spiel ist hier die vorherrschendste Leidenschaft und, wie man mich versicherte, sollen am selben Tage auf zwei Hähne von besonderer Kriegsreputation in mehrern Wetten die Summen von 2000 Dollars im Ganzen auf dem Spiele gestanden haben. So fand ich auch, was ich vorher nicht beachtet hatte, in jedem Hause einen oder mehrere Kampfhähne, jeden mit einem Bindfaden am Fuße, auf einer Art von Papageienstock sitzend, die lediglich zu jenem barbarischen Vergnügen aufgefüttert werden.
Bald hinter Ocotal tritt man wieder in eine tiefe Schlucht ein, und gleich im Anfange hören alle bewohnten Plätze auf. Ein zwar enger, aber doch nicht zu beschwerlicher Weg führte bald auf dem einen, bald auf dem andern Ufer des Rio di Dipilto hin, der hell, klar und lustig über die Steine dahinhüpft, hier und da von einem kleinen Salto (Wasserfall) unterbrochen, mühsam an manchen Stellen sich durch das Thal zwängend, dessen vielfache Windungen ihm manchmal das Aussehen geben, als hätte hier die Welt ein Ende. Mein Mozo, für den das Hahnengefecht mehr Anziehungskraft hatte, als für mich die Reize dieser malerischen Natur, war etwas zurückgeblieben, und so verfolgte ich denn meinen Pfad in einer angenehmen Einsamkeit. Die steilen Höhen rechts und links, bedeckt mit majestätischen Kiefern, wie ich sie noch kaum so hoch gesehen, ließen die Sonne nicht so eindringen, und die tiefe Ruhe, durch das sanfte Gemurmel des dahineilenden Flüßchens noch traulicher gemacht, ward nur dann und wann vom leisen Gesange eines Vögelchens unterbrochen. Viele Nordländer sind der Meinung, daß die Vögel der Tropen nicht singen; dem ist aber nicht so, nur muß sich das Ohr an ihren Gesang gewöhnt haben, der so zart ist, daß sie fast leichter zu sehen als zu hören sind. Ich aber fühlte mich so froh gestimmt, daß ich die schweigsamen Wälder lustig vom Gesange deutscher Lieder wiederhallen ließ, was ihnen wohl nicht häufig passiren mag.
Endlich und endlich öffnete sich das Thal ein wenig und auf einem kleinen Plateau, just nur groß genug, um den Gebäuden nothdürftig Raum zu geben, erschienen die Dächer von Dipilto, vergoldet vom letzten Strahle der untergehenden Sonne.