Dipilto, jetzt vielleicht der bedeutendste Minenort in Nicaragua, war, obschon seine Minen schon seit sehr langer Zeit betrieben werden sollen, vor zwanzig Jahren noch nur ein einziges Haus, und ward das Almuercadero (Frühstücksplatz) genannt, weil die Reisenden von Honduras meist hier am Ufer des Flusses im Schatten einiger Bäume, die jetzt noch dastehen, ihr Frühstück einnahmen.
Ich stieg im Hause der Madame L. ab, hier nur glattweg die Madama genannt, an welche ich eine Empfehlung von ihrem Manne aus Massaga hatte. Sie war Französin und hatte sich, obschon bereits 22 Jahre in Central-Amerika, noch ihre echt französische Lebendigkeit und Liebenswürdigkeit vollkommen bewahrt, in Bezug auf Gastfreundschaft aber mit den Sitten des Landes ganz acclimatisirt. Ich fand hier drei Amerikaner und einen amerikanisirten Deutschen, Mr. Sch....., welcher, sowie ein Engländer in Matagalpa, Mr. P., die einzigen ausländischen Minenbesitzer in Honduras sind. Einer der drei Amerikaner ist jener Mr. Dickson, der im vorigen Jahre mein Schiffsgenosse auf der Reise von New-York nach Central-Amerika war, augenblicklich aber nicht in Dipilto anwesend.
Der Bergbau liegt hier freilich noch sehr in den Urzuständen, und von einem wissenschaftlichen Betrieb ist noch kaum die Rede. Zwei junge deutsche Bergleute, Herr Schmidt, ehemaliger Bergstudent in Freiberg, und Herr Witting aus Hessen, beide im Interesse einer Compagnie arbeitend, waren ganz in Verzweiflung über die vielen Hindernisse, die einem geregelten Betriebe des Bergbaues hier noch im Wege stehen. An einen kunstgemäßen Schachtbau ist noch nicht zu denken; wo sich eine Ader findet, schlägt man ein und folgt ihr in jeder beliebigen Richtung, aufwärts oder abwärts, rechts oder links, nach Art der Maulwürfe. Manche Minen haben allerdings eine Art von Schacht mit Ruheplätzen (Posas) von ungefähr 15 Varas (20 Ellen) Umfang, sowie auch Leitern, die aber nichts weiter sind, als unbehauene Stämme mit rechts und links in dieselben angebrachten Kerben, Papageienstangen nicht unähnlich, auf welchen die Indianer wie die Affen hinauf- und hinunterklettern, auf dem Rücken einen ledernen Sack, der an einem Riemen über die Stirn getragen wird, um das Erz und die Steine zu transportiren. Von regelrechten Fahrten mit Sprossen, Schachten mit Göpeln zum Ausbringen der Erze und des todten Gesteines hat Niemand eine Idee, und ebenso wenig vom Bau eines Stollens, um die unterirdischen Gewässer abzuleiten. Daher werden die meisten Minen schon in einer Tiefe von 200 bis 300 Fuß verlassen, und erst in neuester Zeit hat Herr Sch...... Versuche gemacht, eine aufgegebene Grube auszupumpen und wieder gangbar zu machen. Das größte Hinderniß sind die üblen Straßen, auf denen Alles nur durch Maulesel und Menschen fortgetragen werden muß, und die es natürlich unmöglich machen, zweckmäßige Maschinen zum Auspumpen ersoffener Schachte herbeizuschaffen. Von einer bergmännischen Berechnung, wo man sich unter der Erde befinde, hat hier gleichfalls Niemand eine Ahnung. Trotz des bedeutenden Mineralreichthums (manche Minen geben 18 bis 20, ja sogar 25 Procent Silber) wird es immer noch geraume Zeit dauern, bis Dipilto den Aufschwung bekommt, den es haben könnte, denn Jeder wird einsehen, daß unter so erschwerenden Umständen viel Arbeit nöthig ist, um nur ein leidliches Resultat zu erzielen. –
Die localen Verhältnisse sind übrigens in vieler Hinsicht günstig; der Fluß mit bedeutendem Fall ist während aller Jahreszeiten im Stande, eine hinreichende Wasserkraft zu produciren; als Brennmaterial dient das vortrefflichste Kiefernholz, zum bloßen Preis des Umhauens, und die Arbeiter erhalten die niedrige Bezahlung von 2 Dimes (etwa 8 Silbergroschen) den Tag; die größte Schwierigkeit ist aber eben, diese zu bekommen. Sobald der Indianer nur noch einen Cent in der Tasche hat, kann ihn keine Macht zum Arbeiten bewegen, statt Montag kommt er oft Mittwoch oder Donnerstag zur Arbeit; von einer regelmäßigen Eintheilung in Schichten für Tag- und Nachtarbeit ist gar keine Rede. Was nun daraus für eine Art von Bergbau entsteht, mag Jeder beurtheilen, der nur die oberflächlichste Sachkenntniß hat. Das sicherste Mittel, was noch der Arbeitgebende hat, die Leute zur Arbeit zu zwingen, ist, ihnen einige Dollars vorzustrecken, dann kann er die Leute durch den Alcalden zwingen, das Geld abzuarbeiten, und sollte der Mann vom Sterbebett des Kindes weggeholt werden müssen. Da nun die Indianer in ihrem sorglosen Wesen sehr leicht verschuldet werden, so bringen die Leute meistens ihr Leben in einem Zustande zu, noch schlimmer als Sklaverei. Es ist dies eins der vielen Uebel, die spanische Gesetze nach Amerika gebracht haben.
Da viele der Minen 5 bis 6 Miles von Dipilto liegen, so werden die Erze durch Maulthiere dahin geschafft. Auch das Verfahren beim Ausbringen des Silbergehaltes liegt hier noch in derselben Kindheit, wie vor etwa drei, vier Jahrhunderten in Freiberg und Goslar, und geschieht meistentheils in kleinen Oefen durch Feuer, so daß jede Operation 7 bis 8 Stunden erfordert und ein sehr unvollkommenes Resultat giebt.
Einige Besitzer bedienen sich auch noch einer amerikanischen Originalerfindung auf dem Patio, d. i. ein großer gedielter Platz, auf dem das gemahlene Erz in Haufen (Montones) von 15 bis 20 Centner gebracht, mit etwas Kochsalz und Quecksilber gemischt, mit Wasser durchgetreten und dann etwa 14 Tage der Sonne ausgesetzt wird, welcher Proceß sich oft drei- bis viermal wiederholt; dann wird der Sand ausgewaschen, das gewonnene Amalgama unter Kupferglocken verdampft, die Quecksilberdämpfe in dem darunter befindlichen Wasser condensirt und später das Silber in kleinen Oefen von der geringen darin noch enthaltenen Quantität Kupfer gereinigt. Ein höchst langwieriges Verfahren, welches wegen des dabei unvermeidlichen Verlustes an Quecksilber (hier im Preise von 140 Dollars der Centner) immer mehr in Abnahme kommt.
Das Mahlen des Erzes geschieht im sogenannten Ingenio (vielleicht sogenannt, weil in der Erfindung eben durchaus nichts Ingeniöses ist); diese Maschine besteht aus einem horizontalen Rade, meist 30 Fuß im Durchmesser und ebenso hoch vom Boden entfernt, auf dessen Zähne oder Kästen eine im Winkel von wenigstens 45° herabstürzende Wasserkraft wirkt. An der verticalen Axe, etwa 5 Fuß über dem Boden, durchkreuzen zwei Hölzer, jedes von ungefähr 20 bis 25 Fuß, dieselbe, an deren Enden Steine von 12 bis 15 Centnern, durch das Rad gedreht, einen Kreis beschreiben und so die Erze zerquetschen. Eine sehr schwerfällige Maschine, deren Resultat sich durch viel einfachere Mittel weit vollkommener erreichen läßt.
Die letzte Methode des Ausbringens, die erst in neuerer Zeit in Aufnahme zu kommen beginnt, ist die bekannte Amalgamatiere in drehbaren Fässern, nachdem das Erz vorher im Ofen geröstet worden ist. Herr Schmidt stellte eben auch Versuche der sogenannten Augustin'schen Methode vermittelst Kochsalz an, mit welchem Erfolge ist mir zur Zeit jedoch nicht bekannt geworden.
Die vier Wochen, welche ich in Dipilto zubrachte, waren vom allerbesten Erfolg für mein Befinden und werden unter meinen Erinnerungen aus Central-Amerika stets eine liebe Stelle einnehmen. Ich ging mit erneueter Lust an die Arbeit, bereicherte meine Zeichnenmappe beträchtlich mit höchst pittoresken Studienblättern und meine Naturaliensammlung mit Specimen der verschiedensten Art. Der klare Fluß bot mir ein kräftigendes Bad am Morgen, die bewaldeten Berge angenehme Spaziergänge in der Kühle des Abends, mit einem Worte, ich lebte wieder neu auf. Selbst die kleinen Unannehmlichkeiten, die ein Aufenthalt an so entlegenen, von aller Communication abgeschnittenen Orten mit sich bringt, fühlte ich im Hause meiner gütigen Wirthin und durch den so lieben freundlichen Umgang weniger. Sogar für literarische Unterhaltung auf einsamen Spaziergängen war gesorgt, denn ihr Büchervorrath enthielt allerhand Literaturerzeugnisse in buntester Mischung, von Rousseau und Voltaire bis Frederic Soulié und Alexander Dumas.
Lebensmittel sind, da dieselben erst aus den tiefer gelegenen Bezirken auf Maulthieren herbeigeschafft werden müssen, wohl zu Zeiten etwas sparsam; allein da Herr und Madame L. selbst Handel mit Silber nach Granada und mit allerhand Gütern für den Verbrauch am Orte von dort hierher betreiben, so geht beinahe monatlich ein Transport hinab und einer herauf, wodurch denn auch Keller und Speisekammer wohl versorgt ward. Zur Regenzeit mögen freilich manchmal magere Tage auf fette folgen.