Das alte Lied vom Maulthiermiethen, satteln, packen ging wieder los; diesmal aber hatte mich die Güte der Sennora L.... mit einem vorzüglichen Vorrath von Proviant aller Art versehen, worunter sich sogar ein außerordentlicher Luxusartikel befand: Brod, wirkliches ordentliches Brod! Gegen Mitte des Mai rückte ich mit dem Frühesten aus, denn ein harter, langer Tag stand mir bevor.

Der Abschied war mir weniger schmerzlich, als vielmehr sehr wonniglich, denn ich hatte ein ganzes Pelotonfeuer von Umarmungen und rosigen Lippen zu passiren – honni soit qui mal y pense! das ist hier Landessitte, und Landessitte muß man ehren! Ganz nach der Regel fing ich mit der ältesten Dame an und endigte mit der jüngsten, gleichwie man erst Tischwein trinkt und dann Cabinetswein nippt, und »als das Spiel ein Ende nahm, da fing ich wieder von vorne an« – dann aber machte ich, daß ich in den Sattel kam, sonst wäre ich wohl gar ganz kleben geblieben.

Und bergauf, bergab ging's wieder, und immer mehr bergauf, und immer pittoresker und schöner ward die Landschaft – o hätte ich den Genuß mit so manchem meiner Kunstgenossen theilen können! Zuerst ließ ich hinter mir die herrliche, luftige Palme, dann die majestätische Buche, dann die knorrige Eiche, zuletzt selbst die Kiefer, bis ich ein hohes Tafelland erreichte, wo nur noch niedrige Sträucher und endlich eine Art mir noch gänzlich unbekannter Bäume wuchsen. Zwischen Steinen und Felsgerüll schafften sich riesige Aloës von 30 bis 35 Fuß, wohl auch noch höher, Raum, jene fremdartigen Bäume aber waren mit langen Streifen hellen Mooses behangen, das in dicken Fasern bis hernieder zur Erde hing und, vom leisesten Winde lautlos hin- und hergewiegt, der ganzen Natur das Ansehen eines ehrwürdigen, nachdenklichen Greises gab.

Wie so fremd, so heimathlos fremd und einsam fühlte ich mich da plötzlich in solch' lautloser Beweglichkeit, daß mir graute wie im Reiche der Schatten, und ich ordentlich froh war, wenn der Hufschlag meines Thieres die unheimliche Stille unterbrach.

Bald hörte auch die letzte Vegetation auf und allmälig dröhnte der Tritt der Thiere hell auf der gefrorenen Erde; die seltsamsten Empfindungen regte der Contrast des fremdartigen Anblicks mit diesem eigenthümlich heimischen Schall in mir auf. Die Sonne sank tiefer und tiefer, und als sie ungefähr noch zwei Hände hoch über dem Horizonte stand, hatte ich die letzte Höhe des Cerro di Ule erreicht.

Wen solche Naturscenen nicht zur Andacht stimmen, der, meine ich, ist überhaupt keiner Herzenserhebung zum Herrn und Schöpfer fähig! Da draußen, in weiter, unermeßlicher Ferne, lag der stille Ocean, in welchen bald die herrliche, glühende Sonne hinabtauchen sollte, wie in ein ersehntes Land der Verheißung; da lag, in grauvioletten, unendlich zarten Duft gehüllt, der schöne Golf von Fonseca mit seinem gebirgigen Archipelagus; da lag gen Süden die Ebene von Nicaragua, begränzt von der imposanten Kette von Vulkanen, deren letzter und höchster, der alte Monotombo, sein graues Haupt über die Spitze eines näher liegenden Gebirges noch erhebt, während der Viejo, als anderer riesiger Endpfeiler dieser Kette, seinen Fuß von den Wellen des unendlichen Meeres bespülen läßt; da lag die Tierra caliente von Choluteca, durchschnitten von vielen in der Abendsonne blinkenden Flüssen und Flüßchen, und weiterhin eine zweite Vulkankette, la Consequina, la Union, St. Miguel, St. Vicente, St. Salvador, Itzalko, bis sich weit, weithin nach Nordwesten Alles in grauen Nebel verlor; ringsum aber in größerer Nähe streckten starre, steile Felsgebirge die nackten Häupter aus der Tiefe empor, und hier und da brannte das Gras und erhöhte durch die leichthinziehenden weißen Rauchwolken noch den Reiz der großartigen Landschaft. Gott ist groß und die Natur der erhabenste Prophet seiner Größe!

Aber wie so häßlich störend rüttelten mich die Lamentionen meines klappernden, frierenden Mozo auf, der mich endlich einholte und mir vordemonstrirte, daß die Thiere noch weit mehr frören als er, daß sie krank werden würden, wenn sie die Nacht hier blieben, wo keine Weide, kein Wasser und nur wenig Holz sei, und dies und das, bis ich fuchswild ward und Alle zum Kuckkuk wünschte, was von hier aus wohl ziemlich ebenso weit sein mag, als das Pfefferland von Europa; er nahm sich den Wunsch zu Herzen und zog ab – nach einer der tiefer liegenden Hütten, ich aber behielt mein Poncho, meine Büchse, meinen Feldkessel und etwas Wasser, machte Feuer an, kochte mir Kaffee, wickelte mich in den Poncho und überließ mich meinen Gedanken, die schneller noch als alle elektromagnetischen Telegraphen dahinflogen in weite Ferne.

Es wurde aber wirklich recht frisch in der Nacht, und das Gefühl der Kälte war mir ganz wunderlich, denn seit Jahr und Tag hatte ich es fast verlernt; ich lief hin und her im klaren Mondschein, rieb mir die Hände und schüttelte mich, suchte mehr Wurzeln für's Feuer und lief wieder umher – und plötzlich ward mir's recht seltsam zu Muthe, ich kam mir vor wie einer jener armen Jungen am Weihnachtsmarkte meiner Vaterstadt, die auch frierend hinter ihren kleinen Verkaufstischchen mit den winzigen papiernen Pyramiden und Christbäumchen hin- und hertrippeln, und sich ebenso, wie ich jetzt, die Hände reiben; ich gedachte der heiligen Christabende meiner Jugend und es überfiel mich ein seltsames Gefühl – mit einem Worte: ich bekam das Heimweh.

Der Morgen kam und mit ihm der Mozo, und die Maulthiere, und der Kaffee und Tortillas, nota bene nicht auf einmal, sondern Eins nach dem Andern, und als nichts mehr kommen wollte, machten wir uns auf die Socken, oder richtiger, auf die Hufe unserer Maulthiere.

Der höchste Punkt meiner ganzen Tour war nun überschritten, und bald sollte ich aus der Tierra fria, wie das ganze Hochland benannt wird, in die Tierra caliente am Pacific, das heißt aus dem kalten Striche in den warmen kommen.