Zuvörderst suchte ich dem Golf von Fonseca näher zu kommen, um eine malerische Ansicht zu erlangen; die vom Cerro di Ule war zu ausgedehnt für ein Bild, und als solche war mir der Portilla (soviel wie Engpaß) de la Victoria gerühmt worden. Zunächst erreichte ich das freundliche Indianerdorf Coyolar, wo mir in einem freundlichen steinernen Hause von einem noch freundlichern Wirthe die allerfreundlichste Aufnahme ward. Der Eigenthümer war auch einer jener sich arm nennenden Besitzer von circa 20,000 Acker Landes und 6000 bis 7000 Stück Rindvieh, eine Armuth, bei der es sich indeß allenfalls leben läßt. Sehr in Erstaunen setzte mich hier die Größe des Rindviehs, das von hier durch die ganze Gegend bis Choluteca dem größten Schweizervieh nichts nachgiebt.

Der folgende Tagemarsch sollte mich bei Zeiten Nachmittags an besagten Portillo bringen, allein just am entscheidenden Punkte ließ mich, oder ließ ich den Weg im Stiche, wenn man nämlich einen einfachen Rindviehpfad so nennen kann; statt rechts wandte ich mich links, und nach dreistündigem mühe- und gefahrvollem Hinabklettern befand ich mich plötzlich auf einem stark abschüssigen Terrain, einige Hundert Fuß über einem kleinen Flusse, und gegenüber, aber hoch, hoch über mir lag der fragliche Punkt.

Zurückzugehen war so schlimm als vorwärts, ersteres aber zu zeitraubend, und so blieb mir denn nichts übrig, als, bald rutschend, bald kletternd, bald fallend, einen Pfad zum Fluß hinab zu suchen, was besonders für die armen Thiere sehr beschwerlich war, endlich aber doch trotz mehrmaligem störrischen Protestes ihrerseits ohne Hals- oder Beinbruch bewerkstelligt ward; die Passage des Flusses ergab gleichfalls ein beträchtliches Risico für die Gebeine von Menschen und Vieh von wegen des schlüpfrigen, ungleichen Terrains zwischen scharfkantigen Felsbrocken, nach dessen glücklicher Ueberwindung zu allgemeiner Erholung ein fünfstündiges Klimmen begann, bergauf durch pfadloses Gerüll, und bei einer Sonnengluth! – ohne Schatten, ohne erfrischenden Trunk, – das Wasser im Calabash (Kürbisflasche) hatte so ziemlich eine Temperatur, um Eier weich darin zu sieden.

Alles aber erreicht sein Ende, so auch das Klettern; Dank dem Umstande, daß ich glücklicherweise so ungewöhnlich starke Maulthiere erwischt hatte.

Spät gegen Abend langte ich am Portillo in einem Trupp indischer Hütten an, in deren bester ich mein Standquartier nahm, und sogleich Erkundigungen wegen des mir empfohlenen Punktes einzog. Ich erfuhr, daß ich ihn auf dem Gipfel einer südlich emporsteigenden steilen Felswand finden würde, auf welcher aber zuvörderst eine Anzahl Bäume niedergehauen werden müßten, um eine volle Fernsicht zu gewinnen. –

Hätte ich Geld geboten, um Führer und Arbeiter zu dingen, so würde ich manche Schwierigkeiten gehabt haben, deshalb griff ich zu einem andern Mittel. Ich ernannte den Mozo zu meinem Herold, und befahl ihm, laut dem Volke zu verkünden: ich sei in Gnaden gewillt, eine pompöse »Fiesta« zu geben, und jedermänniglich sei dazu geladen, der mich morgen begleiten und mir helfen wolle, Bäume umzuhauen. Ein lautes E viva! von der einige Dutzend Kehlen starken Bevölkerung war die Antwort.

Als Zeit des Aufbruches ward früh 3 Uhr festgesetzt, allein schon vor der bestimmten Zeit fanden sich dienstfertige Geister ein, und als ihre Zahl bis zwölf angewachsen war, ging die Kletterei über Stock und Stein im Mondschein los; meinen Sancho hatte ich mit einer kleinen Geldsumme versehen, um aus einem tiefer gelegenen größern Dorfe den bei einem indischen Feste unerläßlichen Vorrath von Agua ardiente zu requiriren, meiner Wirthin hatte ich ein junges Schwein abgekauft und Vollmacht ertheilt, Bohnen, Tortillas und Kaffee en masse bereit zu halten; ich war gewillt, etwas Großes loszulassen, denn heute war ja der 15. Mai, der Tag, an dem Du, mein guter Vater, das Licht der Welt erblickt!

Wie ich mit meinen kupferfarbigen Gefährten die Wand hinaufkam, wie die Machetas, deren Anzahl sich nach und nach verdoppelt, lustig zu arbeiten begannen, die Stämmchen rechts und links krachten und fielen, und wie sich, da eben die Sonne hervorlugte, neugierig das frevle Treiben der Menschlein zu beschauen, vor meinen vor Entzücken trunkenen Blicken ein wahres Prachtstück aus der großen Gemäldegallerie der Natur entrollte, das erlaßt mir, Euch zu schildern. Landschaften lassen sich nicht beschreiben; denkt Euch aber Robert Kummer's Bild: der Fernblick vom Gipfel des Montenegrinergebirges nach dem See von Scutary hinab, ins Tropische übersetzt, und Ihr habt einen schwachen Begriff des wundervollen Landschaftmotives, das ich glücklicher Sterblicher am Abend des fleißig benutzten Tages mit gutem Gewissen als mein Eigenthum in der Malermappe davontrug.

Genug, der Abend war da, meine Gäste gleichfalls, der Schnaps und anderweite Festrequisiten dito; ein freier Platz vor dem Hause, zur höchstgewölbten Festhalle bestimmt, war reingefegt – »und die Schmauserei ging los, und der Spaß war himmlisch groß!« u. s. w.

Messer, Gabel, Löffel, Teller, Gläser, Tische, Stühle, Servietten und all' dergleichen Ueberflüssigkeiten waren freilich nicht vorhanden. Die Tortillas, kleine runde Maiskuchen (welche hier die Stelle der Teller und Servietten vertreten und vor diesen noch den großen Vortheil haben, selbst verzehrt werden zu können), mit Bohnen und Fleisch bedeckt, hielt Jeder vor sich auf den Knieen, statt des Stuhles auf den eigenen Fersen kauernd. Für den Kaffee hatte Jeder seinen eigenen Gualqual oder Hykaro mitgebracht, Flaschenkürbisse, deren erstere einer flachen Trinkschale, letztere unten abgerundeten Bechern gleichen; ich aber saß inmitten der vielen, auf meine Veranlassung wackelnden Mäuler auf meinem Feldstuhle, und kam mir wie recht was Großes vor, selbst tüchtig mitschmausend, denn der lange Fasttag hatte meinen Appetit in ungewöhnlicher Weise rege gemacht, wobei ein Hofstaat von Muchachas (indische Mädchen) mir die Ehre erwiesen, mich immer wieder mit neuem Stoff an Fleisch und Bohnen zu versehen, welches erstere mein Sancho Pansa mit mehr Schnelligkeit als Grazie zerlegte, und dabei sich selbst nicht vergaß, ganz wie weiland sein europäischer Ahnherr.