Er hatte die schönsten Pferde. Die Schimmel hatte er sich genommen. Und wie sauber waren sie immer, wie glänzten sie. Er tat alles selbst, er ließ sich nichts tun, so leicht er das gekonnt hätte. — Der Jean hielt sich stramm. Man mußte ihn fahren sehen, um ihn zu bewundern. Er stand immer auf seinem Wagen. Und man mußte den Jean gehen sehen, um zu wissen, daß er ein »anderer« war. Er hatte nicht den schweren, tappenden Gang der Gebirgler, er schritt rasch, gerade, kerzengerade mit gehobener Brust. Er stieß nie an, er stolperte nie. In seinem Tritt war Tempo. Aber auch Kraft und noch mehr Selbstbewußtsein lag darin.

Der Gutsverwalter, in seinem besten Staat, sah neben dem Jean wie ein gewöhnlicher Knecht aus. Der Jean hätte der Graf selbst sein können. Er hatte Augen, die förmlich glühten, die alles festhielten, die alles lenkten. Wenn er über den Hof schritt, entging ihm nichts, wenn er über die Straße ging, war's, als ginge er allein. Er war kein Diener und kein Ducker. Der Jean war ein Herr.

Er war Knecht, aber wem fiel das ein! Niemand dachte daran. Er war's am Gesindetisch — und da saß er oben! — sonst war er's nie. Er war der »Ober«. Unser »Ober« sagten die Knechte und die Mägde — »der Gutsober« hieß er in Buchenau.

Die Mägde waren sämtlich in ihn verschossen, die Mädchen von Buchenau träumten von ihm. Er hätte sie billig wie Wecken haben können, die armen wie die reichen. Er wollte keine. Er hatte keiner Magd noch einen verlangenden Blick zugeworfen, wie er sie auch schon gesehen hatte. Und nichts hatte bei ihm verfangen, wie's auch manche schon angelegt hatte. Kein Mädchen von Buchenau konnte sich seiner Gunst rühmen, er sah jede so stolz und unbefangen mit seinen scharfen Augen an, als seien sie alle gleich schön oder gleich häßlich. Alle waren sie ihm gleichgültig.

Man sagte darum, er habe einen Schatz »überm Rhein«, dem sei er treu.

Außerdem — man mußte den Jean noch am Sonntag sehen, wenn er im Wirtshaus war. Da war er vornehm. Da rüpelte er nicht, da schrie er nicht. Er saß vor seinem Bier und hörte zu, gerade als gehöre er nicht zu den Leuten, als sei er nur zufällig unter sie geraten und suche auf gute Art mit ihnen auszukommen. Als sei er andere Gesellschaft gewöhnt. Und wirklich, der Schullehrer setzte sich zu ihm, der Bahnassistent und der Postassistent, der Gutsverwalter und der Gemeindeschreiber. Er war ihnen der »Ober«, und man brauchte sich nicht zu schämen mit ihm. Er sprach, was er verstand, und was er nicht verstand, redete er nicht. Hatte er sich aber eine Meinung gebildet, vertrat er sie mit Wärme. So jüngst, als die Hübnerslies mit ihrem Kind in den Grafenteich gegangen war. Alle verurteilten sie — wegen des Kindes und wegen des Selbstmordes. Der Jean allein tat's nicht. Er sprach für sie — er entschuldigte nicht, er erklärte nur. »Leid ist mir für die arme Lies, was soll ich sie verdammen! Das Kind — ich kann's schon verstehen, wie das Mädel vertraute und fiel. Sie hat den Franz wohl gern gehabt, und das kann was heißen bei einem jungen, feurigen Ding — und daß sie, wie alles so ausging und zu Ende ging, verzweifelte — ich kann's schon verstehen. Da sind die Menschen alle so gut und haben nie einen Fehler gemacht und werfen darauf, als ob sie dazu bestellt seien. Aber helfen, helfen! — gibt's nicht. Die Menschen haben da immer Mitschuld, und ein gut Teil, gerade die ›guten‹, die das Maul so voll nehmen und die ›strengen‹, die so harte Augen, so verächtliche Blicke haben. Weh tun — wer nicht weiß, was weh tun heißt, der soll da nicht richten, das ist meine Meinung,« schloß er. Und er war sogar ein wenig hitzig dabei geworden, ganz gegen seine Art.

Und als der Schullehrer und der Gemeindeschreiber abends noch ein Stück zusammen gingen auf dem gleichen Heimweg, da meinte der Lehrer: »Was der ›Herr Ober‹ da gesagt hat — es ging an mich. Das steht nicht im Katechismus — das kommt aus dem Herzen. Der muß schon was erlebt haben, der ›Herr Ober‹. Mir ist das heut abend eingefallen, so was kann man nur erleben. Der trägt was in sich herum, kommt's mir jetzt vor. Aber ich hab' Respekt. Ich hab' Respekt.«

Manche sagten, der Jean sei selbst ein Grafensohn. Andere aber behaupteten — und das waren ein paar, die mit ihm beim Militär waren — er sei das uneheliche Kind einer Schauspielerin. Man erzählte sich das im ganzen Dorf. Aber es schadete dem Jean nicht. Er war einer von den Menschen, die man nicht nach Stellung, nach Herkunft und Anhang beurteilt, die man als sie selbst nimmt und nach dem Werte schätzt, der in ihrem Benehmen, ihrem Tun, ihren Leistungen, ihrer Art, eben in ihrer Persönlichkeit in die Erscheinung tritt. Darin war er ein Glücklicher.

Was aber seine Herkunft anbetrifft, so war er wirklich der Sohn einer Schauspielerin, in wilder Ehe geboren, als seine Mutter die »Direktrice« einer Schmiere war. Und er hatte ein Schicksal, er hatte »was erlebt«. Als Kind hatte er schon auf der Bühne gestanden. Als Kind schon hatte er gehungert, hatte er stehlen müssen, und oft war gerade er's gewesen, den man geschickt benutzt hatte, die vielen Gläubiger, die's an jedem Orte rasch gab, wo ihr Karren hielt, hinters Licht zu führen.

Und welches Leben hatte gerade er gehabt bei dem Vater, dem »Direktor«. Manchmal fielen ihm die hübschen Titel ein, die ihm der Vater beigelegt hatte. Dann knirschte er. Aber weinen hätt' er mögen, wenn er an all die Gemeinheiten und Liederlichkeiten dachte, die er hatte ansehen müssen. Wozu hatte die Not nur seine Mutter oft gezwungen! Er schämte sich heute noch. Eine Blutwelle stieg ihm jedesmal heiß ins Gesicht.