Die Sonne stand hoch am Himmel, heiß, blendend. Der Fürst ließ die blauen Vorhänge am Fenster nieder und schloß die Augen. Er war müde. Seit dreißig Stunden hatte er nicht geschlafen, nun trat langsam an Stelle der leidenschaftlichen Erregung eine dumpfe Abgespanntheit.

Was bezweckte denn diese Reise? Nichts! Was wollte er überhaupt in Heidelberg? Jetzt zerbrachen sie sich daheim in Karlburg die Köpfe, und jeder einzelne Mensch, vom Minister bis zum letzten Stallknecht, würde diese Reise einen Tollhausstreich nennen. Eine Dummheit, wie sie sich nur ein junger Student erlauben darf.

Er preßte nervös den Kopf in die Hände: umkehren, das wäre das beste. Diese Donquichotterie nicht zu Ende führen.

Aber dann würde man erst recht staunen und die Köpfe noch mehr schütteln. Jeder Mensch in der ganzen Welt konnte sich solche Extravaganzen herausnehmen, nur der nicht, auf den Hunderttausende schauen, und dessen geringste Handlungen jeder Philister kritisiert.

Es war erstickend heiß, er riß die Vorhänge wieder zurück und beugte sich so weit vor, daß die Staubwolke, die der Zug aufwirbelte, ihm wie ein Sturm um den Kopf flog.

»Alles einerlei!« Mochten die Aufpasser daheim lachen, spotten, die Fäuste ballen – heute war Karl Heinrich frei!

Vorwärts! Wie der Zug jagte! Immer weiter! Keiner holte ihn ein! Die kläffende Meute blieb immer weiter zurück, und er war frei. Er schloß die Augen und ließ den Sturm voll in sein Gesicht brausen. Das that gut, es war wie ein Kampf.

War das nicht eine gleiche Empfindung wie damals, als der lange Vandale ihm immer wieder die Parade durchschlug und Hieb auf Hieb in Karl Heinrichs Gesicht fegte?! Famos! Auf die Mensur! Klatsch!

Kampf! Du Schönstes auf Gottes Welt! Nichts entsetzlicher als dieses kampflose Hindämmern, Einschlafen, dieses Verhätscheltwerden und Bevormundetwerden und Eingelulltwerden und Vermodern.

Alle seine Muskeln spannten sich. Vorwärts, vorwärts! Und heute abend in Heidelberg! Noch hatten sie in Karlburg ihn nicht besiegt, noch hatte er den Mut gehabt zu dieser tollen, unglaublichen Reise! Bravo! Und lustig soll es werden! Nur zwei Tage, aber zwei lustige Tage!