Der Fürst fuhr am Mittag in geschlossenem Wagen zum Kirchhof. Er hatte mit sich gekämpft, ob er dieser letzten Pflicht, die ihn noch an Heidelberg band, nachkommen sollte oder nicht; schließlich bezwang er sich und fuhr hin.

Der Totengräber, der ihn nicht kannte, führte ihn zu dem Grabe und sagte entschuldigend: »Es ist noch nicht wieder in Ordnung, es ist jetzt im Frühjahr immer viel zu thun, aber nächste Woche fangen wir damit an.«

»Es ist gut.«

Der Mann wollte noch mehr reden, aber der Fremde winkte ihm ab: »Es ist gut, ich danke.«

Eine kleine weiße Blattpflanze hatte das ganze Grab überwuchert, zur Seite lagen noch einige verwelkte Kränze mit grau-schmutzigen Seidenschleifen, das Gitter stand roh, unfertig, und das einzig Pompöse war das Marmorkreuz mit der Inschrift »Seinem Freunde und Lehrer in dankbarer Erinnerung Karl Heinrich, Prinz von Karlburg.«

Lange blickte Karl Heinrich auf dieses vergessene Grab, das seit dem Tage der Bestattung sicherlich niemand mehr besucht hatte. Er beugte sich und pflückte eines der silbergrauen Blätter, um es aufzubewahren, aber bald darauf nahm er es achtlos zwischen die Zähne und ließ es fallen.

Merkwürdig, wie ruhig und gleichgültig ihn diese Grabstätte seines einzigen Freundes ließ! Er hatte auf einmal das lächerliche Gefühl, daß der Tote im Leben eigentlich ein pflichtvergessener Mensch gewesen sei, der – man mochte die Sache ansehen, wie man wollte – als Erzieher sich außerordentliche Eigenmächtigkeiten erlaubt hatte.

Die ganze grenzenlose Ernüchterung des heutigen Tages, die Hoffnungslosigkeit, die eisige Kälte der letzten zwei Jahre, alles drängte in diesen Minuten wie in einem Brennspiegel zusammen.

Der Mensch da unten, das war sein einziger Freund gewesen! Welcher Hohn! Ein Trinker, ein Schwätzer, ein Mensch ohne jeden Lebensernst.

Aber immerhin: dieser Doktor hatte es mit ihm gut gemeint, aufrichtig gut.