Karl Heinrich saß in der Mitte des langgedeckten Tisches neben Karl Bilz, der langsam seine Befangenheit überwand und nichts zu thun hatte als zu erzählen. Der Fürst stieß zweimal mit ihm an: »Auf Ihr Wohl, lieber Bilz!« Dann, nach dem dritten Gang, erhob sich der Senior und forderte nach einer kurzen Ansprache das Corps auf, »die Gesundheit dessen zu trinken, dessen Zugehörigkeit zum Corps ›Saxonia‹ der glänzendste Markstein in der Geschichte des Corps für einst, jetzt und alle Zeiten bildet. Seine Durchlaucht beweist durch seine heutige Anwesenheit in unsrer Mitte, daß auch Seine Durchlaucht sich gern der fröhlichen Zeit erinnert, die mir und allen, die an ihr teilhatten, unvergeßlich bleiben wird.«

Ein brausendes Hoch ging durch den Saal, die Kellner stürzten um den Tisch mit Champagnerflaschen, die Gläser klangen, und nach allen Seiten grüßend, mit seinem Glase leicht das der Nachbarn berührend, stand der Fürst in der Mitte.

Die Stimmung wurde fröhlicher, und als kurz vor Ende des Diners der Fürst sein Glas erhob, um nach einigen freundlichen Worten mit dem alten Spruche das Corps zu grüßen: »Saxonia! vivat, floreat, crescat, in aeternum!« – war der Bann gebrochen. Man jubelte, man umringte ihn.

Freilich war das der Höhepunkt, der nicht überboten werden konnte. Die Wogen der Erregung ebbten rückwärts. O, Seine Durchlaucht war sehr leutselig, sehr gütig, sehr verbindlich, aber selbst der tolpatschigste Fuchs fühlte instinktiv, daß es da eine sehr deutliche Grenze gab.

Das trat bei einem Zwischenfall scharf zu Tage. Die Rede kam auf die Abreise, und als der Fürst nach der Uhr blickte und in wenig mehr als einer Stunde abfahren zu müssen erklärte, erhob sich ein allgemeines Bedauern und Bitten: Durchlaucht sollte diesen einen Abend zugeben! Einen so schönen Abend. Man würde aufs Schloß fahren oder nach Neckargemünd! Oder eine Neckarfahrt veranstalten mit Musik und Lampions!

Der Fürst lächelte zwar, aber etwas kalt und gezwungen. Schließlich wurde das gut gemeinte heftige Bitten so allgemein, daß er kurz zusagte.

Von da an saß er stumm, einsilbig, wie jemand, der zu weit gegangen ist. Und – merkwürdig – jeder einzelne erkannte das. Ueber der Tafel mit ihren Wein- und Speiseresten lag es plötzlich wie graue Alltagsstimmung, die Gespräche wurden matter, verstummten, kamen mühsam wieder in Fluß, verstummten von neuem. Die erhitzten Gesichter erschienen stumpf, und der letzte Wein in den Gläsern blieb unberührt.

Auf dem Schloß nahm man den Kaffee, und hier draußen in der freien Luft wurde der Fürst wieder unbefangener. Es war ein Tag mit ewig wechselnden Stimmungen. Ein Musikcorps spielte, während ringsumher die Heidelberger Professoren- und Bürgerfamilien saßen, deren Damen alle Blicke und Aufmerksamkeit dem jungen Fürsten zuwandten. Er kannte die meisten von Ansehen, mit der Kleinen da rechts hatte er in Jugenheim getanzt, sie wurde dunkelrot, als er sie jetzt anschaute. Und da und dort – allenthalben bekannte Gesichter.

Seine Magnificenz der Rektor mit seinen Damen kam vorbei, das Corps grüßte, Karl Heinz grüßte mit. Und der Rektor, der ihn nicht kannte, zog oberflächlich gleichgültig den Hut.

Ganz wie früher.