Und Karl Heinrich litt das! Statt zu sagen: »Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, Herr Doktor, daß Herr Lutz alle Aufträge nur durch meinen Mund empfängt«, stand Seine Durchlaucht ruhig dabei und sah zu, wie Lutz bürsten mußte.

Jetzt fehlte nur noch, daß der Schulmeister etwa sagte: »Putzen Sie mir die Stiefel.« Hätte er es nur gesagt! Es hätte eine Katastrophe gegeben!

Der Doktor setzte seinen neuen Pariser Cylinder auf, zog, obwohl es sehr warm war, aus Eitelkeit den eleganten Frühlingspaletot an und sah alles in allem wie ein höchst chic gekleideter Gentleman aus. Aber neben Karl Heinrich machte er trotzdem eine schlechte Figur. Der eine groß, schlank, jugendlich, der andre klein und viel zu gut genährt. Wer sie zusammen sah, konnte keinesfalls begreifen, was zwei so verschiedene Menschen zu einander geführt hatte.

»Also wollen wir wirklich keinen Wagen nehmen, Doktor?«

»Aber bewahre! Bei dem Wetter! Wir wollen aufs Schloß gehen.«

Karl Heinrich konnte sich auch heute noch nicht recht in dieses »Zu-Fuße-gehen« finden, es erschien ihm so sonderbar, am hellen Tage durch die Straßen zu spazieren, keinen Wagen hinter sich, keinen Diener. Es ging ihm wie den übernervösen Menschen, die sich vor den Straßen fürchten und beim Ueberschreiten der Plätze alle Sicherheit verlieren.

Gut, daß er den Doktor als Begleiter hatte.

Die Treppe hinab mußte man tasten, weil das Treppenhaus in einem mystischen Zwielicht lag, dann ging es im Hausflur durch eine Reihe Kisten, und nun standen sie vor der Thür in der Sonne.

»Ein Wetter! ein Wetter!« sagte der Doktor. »Da muß man gesund werden. Förmlich heiß. Heute fühlt man sich Mensch.« Allen Mädchen, denen sie begegneten, schaute er ins Gesicht, und im stillen dachte er: ›Wer weiß, was dieses liebe Heidelberg einem noch Gutes bringt. Vielleicht daß man sich auf seine alten Tage doch noch entschließt. Mein Gott, wenn man noch mal lieben könnte, richtig lieben! …‹