In Rüders Gasthaus am Neckar hatte Käthie immer nur nachmittags zu thun. Vormittags half sie der Großtante bei der Wirtschaft zu Hause, während nach Tisch alle beide über die Neckarbrücke nach Rüders Gasthaus pilgerten. Rüder war ein Schwager der Frau Dörffel und somit – im weiten Sinne des Wortes – auch mit Käthie verwandt.

Vielleicht giebt es und gab es in Heidelberg weit bessere Gasthäuser als das Joseph Rüders, aber über der alten Baracke lag ein ruhevolles Behagen. Wer in den Garten wollte, mußte von der Straße her durch das winklige Haus tappen, und der Flur war so niedrig, daß die langen preußischen Junker, die bei den »Sachsen-Preußen« aktiv waren, ihre Schädel sorgfältig in acht nahmen.

War man aber erst in den Garten gelangt, so hatte die Not ein Ende. Man saß unter den alten Lindenbäumen unmittelbar an der Ufermauer des Neckars, gegenüber lag Heidelberg mit dem Schloß, man trank Joseph Rüders guten, ehrlichen Wein und freute sich seines Lebens.

Und freute sich der hübschesten kleinen Kellnerin, die den Wein kredenzte.

Wie es mit vielen Gasthäusern geht, daß sie im Laufe der Zeiten ihren Charakter wechseln, so war des guten Joseph Gastwirtschaft ursprünglich nur eine ordinäre Schifferkneipe gewesen. Alte Damen und Honoratiorenfamilien mit jungen Töchtern entdeckten den Garten als ein stilles Asyl, in dem man fern vom Lärm nachmittags Kaffee trinken konnte, bis eines Tages die Studenten Josephs Haus aufstöberten und der Idylle ein Ende machten.

Sie kamen nachmittags und blieben bis in die Nacht. Sie vollführten den ewig gleichen Skandal und ließen ihre Doggen über die Mauer weg in den Neckar apportieren; sie tranken in einem Monat mehr, als Joseph früher in ganzen Semestern verzapft hatte; nach drei Wochen hatten sie die armen alten Damen so gründlich ausgeräuchert, daß diese nie wiederkamen.

Oft sagten Frau Rüder und Frau Dörffel und Frau Rüders zwei Schwestern – lauter bejahrte Frauen: »Früher war es stiller und gemütlicher, wenn auch nicht so viel verdient wurde.« Aber sie sprachen das mit der friedlichen Trauer, die man derartigen Schicksalsfügungen gelegentlich weiht.

Nur in einer Hinsicht waren alle vier fest überzeugt, daß der Wechsel seine außerordentlichen Nachteile habe: in Bezug auf Käthie.

Als siebzehnjähriges Ding hatte sie nett und artig den Damen im Garten den Kaffee serviert; sie war ja auch damals schon ein Durchgeher, der immer seinen eignen Willen hatte, es fiel indessen nie schwer, sie wieder in die richtige Gangart zu bringen. Seit aber die Studenten da waren, ließ sich mit dem Mädel nichts mehr anfangen. Oft nahmen die alten Frauen sie ins Gebet und verwarnten sie: