Und die vier Frauen in der Küche sahen alle diese kleinen Scenen mit einer Mischung von Bedauern und Mißbilligung, mit dem leisen Neid des Alters und mit der moralischen Strenge des Alters.
Sollte man das immer wieder und jeden Tag von neuem anschauen? Wie diese Käthie, die der Frau Dörffel ihre Großnichte und der Frau Rüder ihres Mannes Tante-Enkelin war, so unter die Studenten kam – gewissermaßen moralisch hinabgezogen wurde?!
Man konnte eine andre Kellnerin engagieren, natürlich, aber du lieber Gott, das ist leichter gesagt als gethan. Es giebt Kellnerinnen, die erstens nicht so fleißig sind, zweitens nicht so ordentlich, drittens nicht so flink, viertens nicht so ehrlich und fünftens – ja dieses »Fünftens«! – nicht so hübsch.
War Käthie wirklich denn eigentlich hübsch? Oft fragten die vier das einander und schüttelten die dünnen Zöpfchen. »Entschieden nicht!« Der Teint zu braun, viel zu braun, die Arme zu dünn, die ganze Figur ohne rechte Formen. Sie waren alle vier in ihrer Jugendzeit schöner gewesen.
Aber die Studenten fanden Fräulein Käthie reizend, so reizend, daß sie an Käthies Geburtstag Berge von Blumen schickten, und daß sie ganz ohne Frage mehr ihretwegen hierherkamen als wegen Rüders Weinen und Frau Rüders Kalbsnierenbraten.
Käthie that einen guten Schluck aus des Studenten Glas.
Verschiedene Male erwogen die vier, ob sie nicht die heilige Pflicht hätten, dem fernen österreichischen Vetter Franzel mitzuteilen, wie sündhaft gut sich seine Verlobte hier amüsiere, aber dann würde dieser Franzel aller Wahrscheinlichkeit nach wie ein Donnerwetter dazwischenfahren und Käthie für immer mit nach Wien nehmen.
Und schließlich beruhigten sich die vier in der tröstlichen Erwägung, daß Käthie zwar mit ihnen verwandt, aber doch nur entfernt verwandt sei. Es war traurig, daß sie ein so leichtes Ding wurde, aber was war dagegen zu thun? Nichts. Das Geschäft blühte, und das war denn doch schließlich die Hauptsache.
Am 3. Mai nachmittags vier Uhr gab es in Rüders Garten Corpskonzert. Die Corpsdiener, deren Senior Herr Kellermann war, erschienen schon vor drei, um die Tische zu arrangieren: in der Mitte die »Vandalen« als präsidierendes Corps, rechts vorn am Neckar die »Sachsen«, daneben die »Rhenanen«, daneben die »Sachsen-Preußen«, dann an der Kegelbahn die »Schwaben« und diesen gegenüber die »Westfalen«.