Der Beruf eines Kammerdieners höchster Herrschaften ist seltsam, ernst. Lutz kannte viele seiner Kollegen: die ihm auf Reisen an fremden Höfen vorgestellt waren, Rosanoff, Kroll, Bietingsfeld, Männer, in deren Händen zuzeiten Europas Geschicke lagen. Vor allen an Rosanoff mußte er denken. Welch ein Mann! Er sah aus wie ein russischer Staatsrat und trug den Medschidje-Orden. Oder Bernhuth, erster Kammerdiener Seiner Hoheit des Herzogs von Koburg. Ein Bonhomme, liebenswürdig, fein, gütig gegen Untergebene und von freiester Ungezwungenheit im Verkehr mit den Großen. Oder Legrand, den man auf eine halbe Million schätzte, oder Schäffer, dessen Glück bei Frauen – selbst denen der höchsten Kreise – einen ganzen Sagenkreis geschaffen hat.
Mitternacht. – –
In Karlburg ging man um elf Uhr schlafen, in einem behaglich durchwärmten Zimmer. Man trank einen Schluck alten Rotweins, ehe man das Licht löschte, und dehnte sich dann müde, zufrieden unter der weichen seidenen Decke. Ein geregeltes Leben erhält den Menschen gesund, früh zu Bett ist eine goldene Lebensweisheit. In diesem gottverfluchten Ort war das alles anders.
Ein Uhr. – –
Herr Lutz fuhr auf. Er war auf dem Rohrstuhl am Fenster eingenickt, jetzt schmerzte ihm der rechte Arm, der auf dem harten Fensterbrett aufgestützt gelegen hatte. Ja, zum Donnerwetter, was sollte das heißen?! Ein Uhr und noch nicht zu Hause! Wenn jemand sagt: »Ich komme um elf«, dann hat er um elf da zu sein! Ein kühler Nachtwind strich durch das geöffnete Fenster, der Herrn Lutz husten machte. Er hatte sich während des kurzen Schlummers erkältet, ganz ohne Frage.
Er ging auf und ab in den Zimmern, ruhelos auf und ab, verärgert, todmüde, – bis es drüben auf dem Kirchturm zwei Uhr schlug.
Ganz plötzlich erfaßte ihn eine Angst: es ist etwas passiert! Man hat den Prinzen ermordet! Es war eine lächerliche Idee, die er sich bald wieder ausredete, aber eine Unruhe erfaßte ihn, die sich nicht mehr vertreiben ließ. Er nahm einen der altmodischen Britannialeuchter und trat damit hinaus auf den Korridor. ›Ich werde die Wirtin wecken,‹ dachte er, ›die Person muß aufstehen und mir Gesellschaft leisten.‹ Er pochte erst mit dem Knöchel des Zeigefingers, dann mit der ganzen Faust an die Stubenthür der Frau Dörffel, aber niemand antwortete. Er drückte auf die Thürklinke, die sofort nachgab, und leuchtete in das etwas muffige Zimmer: Niemand da! Das Bett leer! Das Bett des jungen Frauenzimmers gleichfalls leer! Nachts um halb drei!
In der Ecke regte sich etwas, es war die Hauskatze, aber dieses leise Geräusch erschreckte Herrn Lutz in der unheimlichen Stille dermaßen, daß er leichenblaß wurde. Er warf die Thür hinter sich zu und stand wieder in dem weiten Korridor mit seinen grauen Ecken und Schatten. Niemand in dem nächtlichen Hause, er mutterseelenallein.
In der Ecke regte sich etwas.