„Halt’ endlich deinen Mund, Sixtus!“ rufe ich auch noch einmal, aber gutmütig gerade nicht, und:
„Wer spricht denn eigentlich mit euch?“ klingt es unverschämt zurück. „Nicht einmal träumen darf man wohl mehr von euch verrücktem Volk? Natürlich, der Herr Vetter darf ruhig am hellen lichten Tage nachtwandeln gehen, ohne daß es einem anderen auffällt als höchstens der Jungfer Jule. Schön also — und noch einmal gute Nacht!“
Er trifft mit seinen nichtsnutzigen Redensarten dann und wann sonderbarerweise den Nagel auf den Kopf, der gute Freund unter dem Stachelbeerbusch. Wir betrachten uns alle von neuem den Vetter Just Everstein unter seinem Kirschbaum und sehen ihn uns auf das Wort von dem Nachtwandeln hin an.
Er läßt die Knie fahren, reibt sich die langen Beine eine Weile sehr nachdenklich, windet sich sozusagen an sich selber langsam und mühselig in die Höhe, hat mich dabei, ohne daß ich den geringsten Widerstand zu leisten imstande bin, mit emporgezogen und sagt:
„Komm’ du mal mit, Fritz. Ihr anderen könnt uns rufen, wenn der Kaffee fertig ist.“
Er hält mich mit eisernem Griffe am Oberarm, tritt über den Kameraden unter dem Stachelbeerbusche weitbeinig hinweg und nimmt mich mit sich, und ich weiß schon wohin; denn es ist nicht das erste Mal, daß er mich in dieser oder doch einer ganz ähnlichen Weise abseits führt. Und ich weiß auch schon wozu; denn es ist nicht das erste Mal, daß er sich an mich hält, wenn die anderen und die Welt ihm und er selber sich zuviel werden. Damals lachte ich ebenfalls; heute sehe ich sehr ernsthaft aus, wenn Leute Vertrauen in mich setzen, Rat von mir haben wollen und sich auf mich mehr als auf andere verlassen zu dürfen glauben. Ich habe im Laufe der Zeiten allzuviel von meinem Grundvermögen an Selbstvertrauen ausgegeben und eingebüßt, um das Ding jetzt noch bequem, leicht und vergnüglich nehmen zu können: — ach, armer Vetter Just, und wie fest und angsthaft verließest du dich an jenem Sommertage auf meine Schülerweisheit und wolltest Licht daraus für deinen ganzen tapferen, guten, großen Lebensweg! Mein bester Trost ist da heute, daß dir damals noch viel weniger damit geholfen gewesen wäre, wenn ich dir mit der vollen Summe meiner jetzigen Weisheit hätte aufwarten und zu Hülfe springen können!
Es befindet sich in einem Erker im Dache des Wohngebäudes auf dem Steinhofe ein einfenstriges Gemach, von dem aus man eine weite Aussicht hat über Wälder und Felder, ferne und nahe Hügel und Berge, eine Aussicht, so gut sie eben ein Blick dem Lande Westfalen zu liefern mag. Die Wände sind vor fünfzig Jahren vielleicht zum letzten Mal geweißt worden. Der Gipsfußboden ist in den kuriosesten Mustern nach allen Richtungen hin gesprungen und senkt sich ziemlich schräg von dem Fenster der Tür zu. Urväterhausrat ist der Ofen, der Tisch und die zwei Stühle. Urväterhausrat ist der Schrank, der des Großvaters Bücherei enthält. Ein gut Drittel alles Raumes nimmt des Vetter Justs Bettsponde ein, in welcher der Vetter, ganz entgegen der landesüblichen Gewohnheit, auf Stroh schläft und auch nicht unter dem gewohnten Federgebirge und kugelartigen Deckbett.
„Er ist ein Monster in allem, was er tut und läßt!“ stöhnt Jule Grote jedesmal, wenn sie den Schlüssel in der Tür steckend findet oder ihn sich mit Gewalt erobert.
Der Vetter, der meinen Arm auch auf der Treppe nicht losgelassen hat, befördert mich mit einem plötzlichen Schub und Stoß in die Mitte seines Heiligtums. Hastig verschließt und verriegelt er die Pforte von innen, dann wendet er mir ein von verschämtem, aber glückseligstem Lächeln verklärtes Gesicht zu und seufzt aus tiefster Brust:
„So! Nun laß sie kommen!… Willst du eine Zigarre, Fritz?“