Einige Minuten stand Anneke dicht an die Mauer gedrückt. Sie vermochte kaum Atem zu holen. Wie sollte sie in dieser Hölle den finden, welchen sie suchte?
Plötzlich ward es hell in ihr: anfangs leise, dann lauter begann sie das alte Lied vom Falkensteiner zu singen:
„Sie ging den Turm wohl um und um:
Feinslieb bist du darinnen?
Und wenn ich dich nicht sehen kann,
So komm’ ich von meinen Sinnen.
Sie ging den Turm wohl um und um,
Den Turm wollt’ sie aufschließen:
Und wenn die Nacht ein Jahr läng wär’,
Keine Stunde tät’ mich verdrießen!“
Von ihrem Lager richteten sich die Schläfer auf, stärker klirrten die Ketten an ihren Armen und Beinen.
„Ei, dürft’ ich scharfe Messer tragen,
Wie unsers Herrn sein’ Knechte,
Ich tät’ mit dem Herrn vom Falkenstein,
Um meinen Herzliebsten fechten!“
„Was ist das? Wer ist das? Wer singet hier?“ tönte es wild durcheinander. „Anneke, Anneke, Anneke Mey,“ rief die Stimme Christoph von Denows dazwischen, und Erdwin Wüstemann hielt das junge Mädchen in den Armen: „Hier, hier halt’ ich sie, hier ist sie, wie ein Engel vom Himmel mit ihrer Lerchenstimme! O Kind, Kind, was willst hier in dieser Wüstenei? Junker, Junker, wo seid Ihr?“
„O Anneke! Anneke!“ rief Christoph von Denow.
„Vivat Anneke, Anneke Mey!“ riefen alle andern Gefangenen. „Das ist ein wackeres Mädel! Vivat des Regiments Schenkin!“
Es fiel keine schnöde, böse Rede: im Gegenteil, es war, als ob durch das Erscheinen des Kindes jedes trotzige wilde Herz milder geworden wäre. Man hätte sie gern auf den Händen getragen, da sie das aber nicht leiden wollte, suchte man ihr den bequemsten Platz aus und breitete Mäntel unter ihre Füße, um sie vor der feuchten Kälte der Steinplatten zu schützen. Eine Bank wurde zerschlagen, um das erlöschende Feuer im Kamin damit zu nähren.