„So gebe Gott der Allmächtige euch allen die Gnade seines heiligen Geistes, daß ihr euer’ Sünd von Herzen erkennt und euch leid sein lasset, euch im wahren Glauben zu Christo wendet und darin bis ans Ende verharret, euer’ Seel in Geduld fasset, allen Menschen von Herzen vergebet und verzeihet, heut, diesen Tag, Gott eure Seele opfert und überantwortet und am großen Tag des Herrn mit Freuden auferstehet und mit Leib und Seele ewig lebet! Amen, Amen, Amen!“
Der Sand war verlaufen in der Uhr auf der Kanzel. Der Herzog verließ mit seinen Hofbeamten seinen Stuhl, Anneke Mey verschwand von der Seite Erdwins, ohne daß dieser es bemerkte; — unter den Klängen des alten traurigen Chorales: Wenn mein Stündlein vorhanden ist — wurde den Verurteilten das Abendmahl gereicht.
Nun war auch das geschehen; in die letzten Klänge der Orgel mischte sich grell und schneidend ein anderer Klang — der Schall des Armensünderglöckchens: Der Henker wartete an der Tür des Hauses Gottes!
Im langsamen Zug traten die Verurteilten und Gefangenen, von ihren Wächtern umgeben, hinaus aus der Schloßkirche, vor welcher sie die harrende Menge mit wildem Geschrei und Droh- und Schmähworten empfing. Der schwere Gang begann, in das goldne Morgenrot hinein, über den Schloßplatz, die Dammbrücke, durch die Heinrichsstadt dem Kaisertor zu. Alle Gassen, durch welche der Zug ging, waren mit herzoglichen Reitern und den gewaffneten Bürgern besetzt, um den Andrang des Volks zu bändigen.
Vor dem Kaisertor waren die vier Galgen gebaut, woran die vierundzwanzig Leben enden sollten. Fast eine halbe Stund verging, ehe die Verurteilten unter ihnen standen. Der Ring war geschlossen auf zwei Seiten von den Hellebardierern, auf den beiden andern Seiten von den Musketenschützen, deren Röhre auf den Gabeln lagen, deren glimmende Lunten zum augenblicklichen Gebrauch aufgeschroben waren. Dicht vor dem Gefreiten Arendt Jungbluth hielten sich Erdwin Wüstemann und der Junker Christoph von Denow.
Der Alte hatte den Arm um seinen jungen Herrn geschlungen, und dieser das Haupt an die Brust des treuen Knechts gelegt. Sie sprachen leise zueinander.
„Weiß nicht, wo sie geblieben ist! weiß nicht, wo sie bleibt!“ sagte der Alte.
„Sie hat mich nicht sterben sehen wollen; — ’s ist auch besser so! O schütze sie — halte sie, trag sie auf den Händen und im Herzen und verlaß sie nie und nimmer — ich will meiner Mutter von ihr sagen, wenn ich zu ihr komm’.“
„O Junker, Junker, und Euer Vater“ —
„Vergiß nicht, was du ihm versprochen hast.“