Über der blutigen Morgenröte hatten sich die Wolken wieder dunkel zusammengezogen. Wieder sanken leise einzelne weiße Flocken herab. Sie mehrten sich von Augenblick zu Augenblick und deckten bald, einem Leichentuch gleich, die Körper Christophs und Annas, wie sie durch die Gassen der Stadt Wolfenbüttel, dem Zuge der Krieger und Bürger voran, dicht hinter dem Gefolge des Herzogs, welcher mit gesenktem Haupte vorausritt, der Gerichtsstätte am Schloß zugetragen wurden. Der alte Knecht Erdwin ging neben seinem jungen Herrn her; aber er wußte nichts davon — dunkel war es in ihm und um ihn! —
So starb der Junker Christoph von Denow eines adeligen Todes!
[ Ein Geheimnis
Lebensbild aus den Tagen Ludwigs XIV. ]
[I.
In der Gasse Quincampoix.]
enn man bedenkt, was für wunderliche Geschichten in dieser Welt tagtäglich geschehen, so muß man sich sehr wundern, daß es immerfort Leute gegeben hat und noch gibt, welche sich abmühten und abmühen, selbst seltsame Abenteuer zu erfinden und sie ihren leichtgläubigen Nebenmenschen durch Schrift und Wort für Wahrheit aufzubinden. Die Leute, die solches tun, verfallen denn auch meistens — wenn sie ihr leichtfertig Handwerk nicht ins Große treiben und was man nennt große Dichter werden, — der öffentlichen Mißachtung als Flausenmacher und Windbeutel, und alle Vernünftigen und Verständigen, die sich durch ein ehrlich Handwerk ernähren, als wie Prediger, Leinweber und Juristen, Bürstenbinder, Ärzte, Schneider, Schuster und dergleichen, blicken mit mitleidiger Geringschätzung auf sie herab, und das mit Recht!
So sage ich denn reu- und wehmütig confiteor, confiteor; — mea culpa, mea culpa! so beginne ich denn meine — wahre Geschichte.
Es war in dem durch die Seeschlacht von La Hogue für das Glück und den Glanz des französischen Königs und Volkes so unheilvollen Jahre 1692. Viel Not und Elend herrschte im Lande; in Guienne, Bearn, Languedoc und der Dauphinée starben die Menschen zu Tausenden vor Hunger; Bankerotte, greuliche Mordtaten, Aufstände waren an der Tagesordnung; — es war, als wolle es abwärts gehen mit dem großen Louis. Es regnete, und der Novemberwind fuhr in kurzen Stößen scharf über die Stadt Paris und durch die Gasse Quincampoix, welche letztere gar wüst, schmutzig und verwahrlost ausschauete. Und sah die Gasse Quincampoix an diesem düstern Novembernachmittag häßlich aus, so gewährten die Menschen, welche sie bevölkerten, einen noch schlimmern Anblick. War es nicht, als ob das allgemeine Unglück jedem Gesicht seinen Stempel aufgedrückt habe? — O wie verkommen erschien diese französische Nation, welche sich für die erste der Welt hielt.
Vier Uhr schlug’s, als ein junger Mensch von ungefähr achtundzwanzig Jahren, hager, bleichgelblich von Gesicht, schwarzhaarig, schwarzäugig, in luftigen, ärmlichen, schäbigen Kleidern, in der Gasse Quincampoix in die Kneipe zum Dauphinswappen trat, um seine letzten Sols an eine Mahlzeit zu wenden. Stefano Vinacche hieß dieser junge Mann; ein Neapolitaner war er von Geburt, ein Abenteurer vom reinsten Wasser. Als er in die Gargotte eintrat, herrschte in derselben ein wahrer Höllenlärm; ein Sergeant vom Regiment Villequier war mit einem Kornet vom Regiment Ruffey über dem Spiele in Streit geraten, ein Perückenmacher zankte mit einem Lakaien der Prinzessin von Conti über die Frage: ob es recht sei, daß Monsieur de Pomponne, der Staatsminister, so viel einzunehmen habe, als ein Prinz von Geblüt; — andere Gäste unterhielten sich über andere Gegenstände mit so viel Lärm als möglich. Im Hinterzimmer, welches an die Kneipstube grenzte, war ein äußerst hitziger Wortkampf ausgebrochen zwischen dem Wirt zum Dauphinswappen, Claude Bullot, und seiner hübschen galanten Tochter, — kurz, alles ging drunter und drüber, und nur Margot die Kellnerin, eine Picarde, bewahrte ihren Gleichmut, blickte vom Kamin aus mit untergeschlagenen Armen in das Getümmel und gab Achtung, daß dem Sergeanten und dem Kornet jede zerbrochene Flasche, jedes zertrümmerte Glas richtig angekreidet wurden. Margot die Picarde wußte, daß im Notfall die Marechaussée in der Gaststube alles schon ins Gleichgewicht bringen würde, und was im Hinterzimmer vorging, zwischen ihrem Herrn und der Mademoiselle, machte ihr das höchste Vergnügen. —
Am Kamin legte Margot die Picarde dem Neapolitaner das Kuvert, und der Fremde war allzu ausgehungert und allzu naß, um anfangs an etwas anderes zu denken, als den Hunger aus dem Magen und die Kälte aus den übrigen Gliedern zu verjagen. Ruhig setzte er sich auf den ihm angewiesenen Platz, aß und trank, trocknete seine Kleider, bis er allgemach wieder auflebte und fähig wurde, seine Aufmerksamkeit den Vorgängen in seiner Umgebung zuzuwenden. Der Sergeant vom Regiment Villequier erhielt richtig einen Degenstoß in die Schulter, verhaftet wurde darüber der Kornet vom Regiment Ruffey; die Bürger, Lakaien, Diebe und Tagediebe zerstreuten sich mit einbrechender Dämmerung, um sich vor der Dunkelheit zu retten, oder in der Dunkelheit ihren lichtscheuen Geschäften nachzugehen. Es wurde still in der Gargotte, nur im Hinterzimmer konnte man sich immer noch nicht beruhigen. In der Tür, welche auf die Gasse führte, stand die Kellnerin Margot und blickte in den Regen und die Nacht hinaus, das Feuer im Kamine prasselte und knatterte und warf seinen roten Schein über die Tische und Bänke des weiten Gemaches, die trübe Hängelampe qualmte an der geschwärzten Decke; niemand störte jetzt mehr den jungen Neapolitaner in seinen trüben Gedanken. Mechanisch klimperte er mit den wenigen Geldstücken in seiner Tasche; — was sollte er beginnen, um nicht Hungers zu sterben, um nicht in den Gassen dieses schmutzigen, kalten, stinkenden Paris zu erfrieren? „O Neapel, Neapel!“ seufzte Stefano Vinacche.