Da aber Mademoiselle Bullot und Stefano Vinacche mit ziemlich vergnügten Mienen ihr Schicksal trugen, so mochten Papa und Nachbarschaft nach Belieben sich wundern, nach Belieben Glossen machen. Sämtliche Dienerschaft des Herzogs von Chaulnes verherrlichte die Hochzeit durch ihre Gegenwart; Flöten und Geigen erklangen in der Gargotte zum Wappen des Dauphins. Man sang, jubelte, trank auf das Wohl der Neuvermählten bis tief in die Nacht. Zuletzt artete das Gelage nach der Sitte der Zeit in eine wahre Orgie aus; blutige Köpfe gab’s, und zum Schluß mußte der Polizeileutnant einschreiten und die ausgelassene Gesellschaft auseinander treiben. Am folgenden Tage machte das junge Paar sich auf den Weg zum Gouverneur von Anjou, dem Herzog von Brissac, einem „armen Heiligen, dessen Name nicht im Kalender steht“.
Ein tüchtiges Schneegestöber wirbelte herab, als der Wagen der Neuvermählten hervorfuhr aus der Gasse Quincampoix. Auf der Schwelle seiner Tür stand der Vater Bullot mit der Kellnerin Margot, und beide blickten dem Fuhrwerk nach, so lange sie es sehen konnten. Dann zog der Wirt zum Dauphinswappen die Schultern so hoch als möglich in die Höhe und trat mit der Picarde zurück in die Schenkstube, welche noch deutlich die Spuren der Hochzeitsnacht an sich trug.
„Alles in allem genommen, ist’s doch ein Trost und ein Glück, daß ich sie los bin,“ brummte der zärtliche Papa. „Es hätte noch ein Unglück gegeben; das war ja immer, als brenne der Scheuerlappen zwischen uns. Vorwärts, Margot! einen Kuß und an die Arbeit, mein Liebchen, auf daß das Haus rein werde.“
Liebe Freunde, wer das Leben Stefano Vinacches beschreibt, der muß recht acht geben, daß er seinen Weg im Nebel nicht verliere. Schattenhaft gleitet die Gestalt des Abenteurers vor dem Erzähler her, bald zu einem Zwerg sich zusammenziehend, bald riesenhaft anwachsend, gleich jener seltsamen Naturerscheinung, die den Wanderer im Gebirge unter dem Namen des Nebelgespenstes erschreckt. Bald klarer, bald unbestimmter tritt Stefano Vinacche aus den Berichten seiner Zeitgenossen uns entgegen. Wir wissen nicht, was ihn mit seiner Frau so schnell aus Anjou nach Paris zurücktrieb; wir wissen nur, daß am neunten April 1693, an dem Tage, an welchem Roger von Rabutin, Graf von Bussy, sein wechselvolles Leben beschloß, der Papa Bullot in höchster Verblüffung die Hände über dem Kopfe zusammenschlug, als er Tochter und Schwiegersohn zu Fuß, kotbespritzt, mit höchst winziger Bagage, durch die Gasse Quincampoix auf das Dauphinswappen zuschreiten sah. Der gute Alte traute seinen Augen nicht und überzeugte sich nicht eher von der Wirklichkeit dessen, was er erblickte, bis ihm Madame Vinacche schluchzend um den Hals fiel, und Stefano ihn herzzerbrechend anflehte, ihn und sein Weib für eine Zeit wieder unter sein Dach zu nehmen.
„Wir wollen auch recht artige Kinder sein!“ bat Madame Vinacche.
„Und wir werden nicht lange Euch zur Last sein!“ rief Stefano.
„Diable! diable!“ ächzte Meister Claude Bullot, und Margot, die Picarde, gab ihm verstohlen einen Rippenstoß, daß er fest bleibe und sich nicht beschwatzen lasse.
Wer hätte aber den beredten Worten Stefano Vinacches widerstehen können? Das Ende vom Liede war, daß das junge Ehepaar mit seinen armen Habseligkeiten einzog in die Kneipe zum Dauphinswappen, und daß Meister Bullot und Margot, die Kellnerin, nachdem Madame Vinacche die Schwelle überschritten hatte, seufzend sich in das Unvermeidliche fügten.
„Ach, Margot, Margot, nun sind die schönen Tage wieder vorüber!“ seufzte Meister Claude, und während die Heimgekehrten im oberen Stockwerk des Hauses ihre Einrichtungen trafen, saßen am Kamin in der leeren Schenkstube der Wirt und seine Kellnerin trübselig einander gegenüber und konnten sich nur durch das weise Wort, daß man das Leben nehmen müsse, wie es komme, — trösten. Dann schlossen die beiden Parteien einen Kompromiß, in welchem festgestellt wurde, daß weder Monsieur Etienne noch Madame in die Angelegenheiten des Papas und der Kellnerin Margot sich mischen sollten, und daß sie durch ihnen passend scheinende Mittel für ihrer Leiber Nahrung und Kleidung selbst zu sorgen hätten. Wohnung, Licht und Feuerung versprachen Meister Bullot und Margot die Picarde zu liefern.
Feierlich wurde dieser Vertrag von einem Stammgast der Gargotte, dem Sieur Le Poudrier, einem Winkeladvokaten, verbrieft und besiegelt, und man lebte fortan miteinander, wie man konnte.