Da der Herzog von Chaulnes seine Verpflichtungen gegen das junge Ehepaar glänzend abgetragen zu haben glaubte, so floß die Quelle seiner Gnaden immer spärlicher und versiegte zuletzt ganz. Die Haushaltung im zweiten Stockwerk des Dauphinswappens mußte für Eröffnung anderer Geldquellen sorgen, zumal da noch im Laufe des Sommers ein kleiner Vinacchetto das Licht der Gasse Quincampoix erblickte. Die Not und der Zug der Zeit machten Stefano zu einem Charlatan; aber jedenfalls zu einem genialen Charlatan.

Anima mia, laß den Mut nicht sinken, wir fahren doch noch vierspännig!“ sagte er zu seiner hungernden Frau und fing an, den Nachbarn und Nachbarinnen, sowie den Gästen, welche die Gargotte seines Schwiegervaters besuchten, Mittel gegen das Fieber und andere unangenehme Übel zu verkaufen.

Allmählich verwandelte sich das Wohngemach der kleinen Familie in ein schwarzangeräuchertes chemisches Laboratorium; mit wahrer Leidenschaft warf sich Stefano Vinacche, obgleich er bis an sein Ende weder lesen noch schreiben lernte, auf das Studium der Simpla und der Mineralien.

Eine gewaltige Veränderung ging mit dem seltsamen Menschen vor; — nicht mehr war er der vagabondierende Abenteurer, der das Glück seines Lebens auf den Landstraßen, in den Gassen suchte. Tag und Nacht schritt er grübelnd einher, das Haupt zur Brust gesenkt, die Arme über der Brust gekreuzt. Wer konnte sagen, was er suchte?

Eine fast ebenso überraschende Veränderung kam über das junge Weib Vinacches. Die frühere Mätresse des Herzogs von Chaulnes verehrte den ihr aufgedrungenen Mann auf den Knien, sie war die treuste, liebendste Gattin geworden, und ist es über den Tod Stefanos hinaus geblieben.

Sie konnte lesen, sie konnte schreiben: —wie viele alte vergilbte Bouquins hat sie dem suchenden Forscher, in stillen Nächten, während sie ihr Kind wiegte, vorgelesen!

Der Vater Bullot hatte nicht mehr Ursache, sich über das wilde, unbändige Gebaren seiner Tochter zu beklagen. Die eigentümliche Gewalt, welche Stefano Vinacche späterhin über die schärfsten, klarsten Geister hatte, trat auch jetzt in der engeren Sphäre schon bedeutend hervor. Papa Claude, Margot die Picarde, Gratien Le Poudrier der Rabulist, alle Nachbaren und alle Nachbarinnen beugten sich dem schwarzen, funkelnden Auge Stefanos. Der Stein war ins Wasser gefallen, und die Wellenringe liefen in immer weitern Kreisen fort; — weit, weit über die Gasse Quincampoix hinaus verbreitete sich der Ruf Stefano Vinacches!

Unterdessen schlug man sich in Deutschland, Flandern, Spanien, Italien und auf der See. In Deutschland verbrannte Melac Heidelberg, und der Feldmarschallleutnant von Hettersdorf, der „die poltronnerie seines Herzens mit großen Peruquen und bebremten Kleidern zu bedecken pflegte“, — Hettersdorf, der elende Kommandant der unglücklichen Stadt, wurde auf einem Schinderkarren durch die Armee des Prinzen Ludwig von Baden geführt, nachdem ihm der Degen vom Henker zerbrochen worden war. Aus Flandern schickte der Marschall von Luxemburg durch d’Artagnan die Nachricht vom Sieg bei Neerwinden. Roses in Katalonien wurde erobert. Zu Versailles, zu Paris in der Kirche unserer lieben Frau sang man Te Deum laudamus; aber im Bischoftum Limoges starben gegen zehntausend Menschen Hungers. Zu Lyon wie zu Rouen fiel das Volk in den Gassen wie Fliegen, und ihrer viel fand man, welche den Mund voll Gras hatten, ihr elendes Leben damit zu fristen.

Stefano Vinacche, nach einer Reise in die Bretagne, verließ die Gasse Quincampoix und das Haus seines Schwiegervaters und zog in die Gasse Bourg l’Abbé. Strahlend brach die Glückssonne Stefanos durch die Wolken. Fünf Monate war er in der Bretagne gewesen, und niemand hat jemals erfahren, was er dort getrieben, — gesucht, — gefunden hat! Zu Fuß zog er aus, in einer zweispännigen Karosse kehrte er zurück. Zwei Lakaien und ein Kammerdiener bedienten ihn in der Straße Bourg l’Abbé, wohin er aus der Gasse Quincampoix zog. Von neuem errichtete er in seiner jetzigen Wohnung seine chemischen Feuerherde, von neuem braute er seine Rezepte, und das Gerücht ging aus, Monsieur Etienne Vinacche suche den Stein der Weisen, und es sei Hoffnung vorhanden, daß er denselben binnen kurzem finden werde; und wieder tritt dem Erzähler der alte Gönner des unbegreiflichen Mannes, der Herzog von Chaulnes, entgegen, welcher ihm zum Ankauf von Kohlen, Retorten und dergleichen Apparaten zweitausend Taler gibt.

Im Jahr der Gnade Eintausendsiebenhundert war das große Geheimnis gefunden; — Stefano Vinacche hatte das Projektionspulver hergestellt, Etienne Vinacche machte —