Die Sache verhielt sich in der Tat so, und meines Schriftenwechsels mit dem preußischen Kreisgericht zu Groß-Fauhlenberge erinnerte ich mich sofort auf das deutlichste. Und mein sonderbarer Begleiter (wir schritten bereits nebeneinander her) hielt sich auch gar nicht allein an das bloße Sicher- und Feststellen dieser Tatsache; nein, er vertiefte sich augenblicklich in die Einzelheiten des betreffenden Falles, legte mir jetzt mündlich alle die Bedenken vor, die er mir früher schriftlich mitgeteilt hatte, und—ich erwiderte ihm, als ob es wirklich keinem Zweifel mehr für mich unterliege, daß er der fragliche königlich preußische Beamte sei und wirklich den Namen Löhnefinke führe. Der Vollmond war währenddem in der Tat am östlichen Horizonte emporgestiegen und schien uns auf die Köpfe, ohne daß mein Begleiter sich um ihn kümmerte. Arm in Arm gegen den Badestrand von Westerland anwandelnd, vertieften wir uns immer mehr in unsere hohe Wissenschaft und ließen den Mond scheinen, wie es ihm beliebte. So hatten wir fast das Herrenbad erreicht und näherten uns jetzt der Treppe, welche von dem Strande zu der Höhe der Dünen hinaufführt, als der Kollege, der sich seiner ersten Exaltation zum Trotz mir nunmehr als ein höchst klarer Kopf und scharfer Jurist ausgewiesen hatte, plötzlich, im Sande steckenbleibend, sich umsah, aufguckte und, geisterbleich werdend, stöhnte:
„O ihr Götter, da sind wir ja mitten drin!“
Daran war kein Zweifel: wir waren mitten drin; die fixe Idee packte von neuem den Unglückseligen, wütend und angstvoll zog er sich meinen ausgespannten Schirm dicht auf den Hut herab, und ich—ich konnte nichts weiter tun, als ihn—den Kreisrichter Löhnefinke, fester am Ellbogen zu halten und dem erbost sich Windenden und Abzappelnden eindringlichst zuzureden:
„Aber Verehrtester, ich bitte Sie! Fassung! Fassung! Dieses ist doch zu toll, Kollege! Was hat Ihnen denn dieses unschädliche Beleuchtungsinstitut eigentlich zuleide getan? Oder was haben Sie gegen es verbrochen? Nehmen Sie Vernunft an, Kollege, überzeugen Sie sich doch: die harmlose Kugel macht durchaus keine Miene, uns auf den Kopf zu fallen.“
„O mein Kopf! mein Kopf!“ stöhnte der Kreisrichter, den fraglichen
Körperteil mit beiden Händen haltend.
„Kommen Sie, Kollege, niemand jagt Sie, niemand treibt Sie. Welch ein ganz verrückter Raptus! Nehmen Sie mir das nicht übel!“
„Niemand? Niemand?“ ächzte Löhnefinke.
„Niemand. Und wissen Sie, jetzt lassen Sie uns dort hinaufsteigen; im Pavillon finden wir noch Menschen—Gesellschaft, irgendein ermutigendes Getränke und unbedingt eine Petroleumampel, gegen welche Ihr Feind oder Ihre Feindin sicherlich den kürzeren zieht.“
„Petroleum!“ murmelte Löhnefinke, das Wort fassend und festhaltend wie ein Verbrecher auf dem Hochgericht den Ruf: Gnade!
„Horchen Sie nur, es ist sogar noch Musik im Pavillon. Was meinen Sie, wenn wir uns daselbst bei einem Glase Grog noch eine Weile niederließen und…“