„ …den Untergang des Mondes abwarteten?! Jaja, das ist das rechte!“

„ Würde uns aber doch ein wenig lange da fesseln. Der Mond geht erst nach dreiviertel auf sieben Uhr morgens unter; aber ein anderer Trost steigt uns herauf. Sehen Sie, dort über der See erhebt sich dunkles Gewölk; Kollege, warten wir ab, bis eine Wolke vor den Mond gezogen ist.“

„Jaja, angenommen! Gern, nur zu gern eingeschlagen! Kollege, ich stelle mich ganz und gar unter Ihre Vormundschaft. Treten wir ein in die Bude, warten wir, bis eine Wolke vor das grinsende Scheusal gezogen ist, und trinken wir Grog derweile!“ rief der aufgeregte preußische Staatsbeamte, und so erkletterten wir die steile Treppe, langten, ohne den Hals gebrochen zu haben, auf der Höhe an, wandten uns rechts durch das Dünengras dem erleuchteten, von Musik durchschmetterten und mit Badegästen dicht gefüllten Dünenpavillon zu.

In dem Augenblick aber, als wir in die Tür des hölzernen Rundbaus traten, schwieg plötzlich die Badeblechmusik. Die Musikanten packten ihre Instrumente ein oder nahmen sie einfach unter den Arm. Sie nahmen auch noch einen Gratisschnaps am Büffet und zogen ab, und der größte Teil des Publikums folgte ihnen seltsamerweise auf dem Fuße, ohne sich erst von dem Kunstgenuß erholt zu haben. Nur einige Gruppen verständiger Männer hielten sich noch bei ihren Gläsern.

Über die Nordsee strich jetzt ein ziemlich lebendiger Wind. Die Wellen rauschten lauter und bedeckten sich mit weißern und krausern Schaumkronen. Das belebende und erwärmende Getränke, welches wir bestellten, bevor wir uns niederließen, mußte unbedingt von dem wohltätigsten Einfluß auf unsere seelische Stimmung und unser körperliches Behagen sein.

Nun saßen wir, und während am nächsten Tische eine muntere
Gesellschaft lustig durcheinanderschwatzte, sah ich mir meinen neuen
Bekannten, und zwar durchaus nicht verstohlen, genauer bei
Lampenbeleuchtung an, und meine Verwunderung stieg unter dem
Scrutinio.

Der Kreisrichter Löhnefinke aus Groß-Fauhlenberge war ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren, korpulent, wie schon bemerkt, und sonst ohne alle äußerlichen Absonderlichkeiten. Ein breites Kinn, ein kurzgehaltenes, graugesprenkeltes Haupthaar, ein preußischer Beamtenbart und zwei graue, kluge Augen, die jeden Gegenstand, auf den sie sich hefteten, scharf festhielten, gaben mir sicherlich keinen Anlaß, den Mann für einen Tollhauskandidaten zu erklären, und doch—ich hielt es nicht aus! Meine Hand auf den Arm des Kollegen legend und dicht an ihn heranrückend, sagte ich:

„Nehmen Sie es mir nicht übel, lieber Löhnefinke, aber in diesem
Moment glaube ich nicht mehr daran.“

„Woran nicht?“

„An Ihr Auftreten vorhin. An—na ja, an Ihre halsbrecherische Flucht über die Düne, an jene Rutschpartie bei Wenningstedt, an: kurz an Ihre Mondfeindschaft, Kollege.“