„Was?!“ rief ich mit offenem Munde.

„Wem gilt das ‚Was?‘“ lachte Strobel. „Meinem Vorhaben oder meiner Meinung?“

„Sie glauben“ …

„Ich glaube, daß die Erde jung ist, alter Freund! Wir brauchen frisches Blut und wollen nicht meinen, daß, weil man uns nur Geschichte der Vergangenheit lehrt, es keine der Zukunft geben werde. Wir leben uns gar zu gern in alles ein: in unseren Rock, in unseren Körper, in unsere Familie, in unser Volk; wir freuen uns, wenn ein kleiner verwandter Mitbürger das Licht der Welt erblickt; wir ärgern uns, wenn wir den Rock zerreißen oder ein Krähenauge bekommen; wir betrüben uns, wenn unser Vater, unsere Mutter stirbt; aber wir halten das alles für natürlich, — bloß weil wir es leichter übersehen können. Soll nun auf einmal in dem Krähenaugenkriegen, Geborenwerden und Sterben der großen Völkerfamilie der Erde ein Stillstand eintreten; ein deus ex machina mit Manschetten in das ewige Werden fahren und sagen: Stop! halt da; entwickelt euch in euch selbst und — entschlaft an Euthanasie? Bah!“

Der Redner blies eine gewaltige Rauchwolke aus seiner Zigarre und fuhr fort, während ich den Kopf bedachtsam schüttelte:

„Es hat den Griechen nichts geholfen, die besten Dichter, Bildhauer und Maler zu sein, die geistreichsten philosophischen Systeme aufstellen zu können: die eisernen Männer Roms klopften an, stellten die griechische Bildung sub hasta, spielten Würfel auf den Gemälden, fabrizierten korinthisches Erz aus den Metall-Statuen, und — die Weltgeschichte ging einen Schritt vorwärts. Es hat den Römern nichts geholfen, die größten Kriegs- und Verwaltungskünstler zu sein, — Zündnadelgewehre und Lancasterkanonen sind Spielzeug im Kampf gegen die eine Macht im Weltall, welche die Gestirne treibt und die Wandervögel, und welche die Völker bewegt zur rechten Zeit. Die Barbaren kümmerten sich nicht um Kommandowörter; sie stürmten die Tore Roms und — die Weltgeschichte ging einen Schritt weiter!“

Ich schüttelte wieder das Haupt und brummte: „Immer zertrümmern, zertrümmern!“

„Meine Mutter starb, indem sie mich gebar!“ sagte der Zeichner grimmig und stand still. Wir hatten den Ausgang der Sperlingsgasse erreicht; ein kleiner Handwagen, mit Kisten und Kasten beladen, versperrte uns den Weg. „Jetzt will ich Ihnen auch sagen, wo ich in der Tat hin will; nicht wohin ich gehen könnte,“ sagte Strobel. „Kommen Sie!“

Verwundert folgte ich dem in eine dunkle Kellerwohnung Hinabsteigenden.

So ist das menschliche Leben. Lange, lange Jahre hatte ich in dieser Gasse gewohnt, täglich fast war ich vor diesem Hause, vor diesen trüben Fenstern vorbeigegangen, und heute, am letzten Tage, den die arme hier wohnende Familie dahinter zubringt, steige ich zum ersten Male die feuchten Stufen hinab zu ihr. Der Zeichner stellte mich dem Hausherrn vor, dem Schuhmacher Burger, einem Manne, welchem eine ganze Passionsgeschichte vom Gesichte abzulesen war. Heute Abend führt ihn und die Seinigen die Eisenbahn der Seestadt zu, von wo sie ein Schiff nach einer neuen Heimat, nach dem jungen Amerika bringen soll; und der Zeichner — will die Familie begleiten nach Hamburg.