„Lise, Lischen, Elise!“ rufe ich, aber wer nicht hört, ist Fräulein Elise Johanne Ralff.
„Komm schnell, er ruft schon!“ sagt unten der Schlingel, sie am Arm fassend, und fort sind sie um die Ecke!
Da liegt nun das blaue Heft, auf dem Umschlag: „Gustav Berg“ und drunter die geniale Übersetzung Gustavus Mons mit Angabe von Wohnort, Datum und Jahreszahl. Ich schlage es auf, und es ist in der Tat zweifelhaft, ob der Kollaborator Besenmeier es mit roter Tinte, oder ob es Meister Gustavus Mons mit schwarzer geschrieben hat. — Hier sind die neuesten Seiten. Reizend! Ita uno tempore quatuor locibus (Schlingel!) pugnabatur etc. etc. Als Schulmeister müßte ich ausrufen: „Was soll aus dem Jungen werden?“ Als Nichtschulmeister aber halte ich mich an das — Löschblatt und rufe aus: „Was kann aus dem Jungen werden!“ — Hier „an vier Orten“ schlagen sie ebenfalls Römer, Karthager, Mazedonier, Sarden, und zwar besser als im Latein: Pferde, Menschen, Hannibal ante portas, Triarier, Veliten, Prinzipes! Ausgezeichnet! Ich werde dem Schlingel eine tüchtige Rede halten sowohl über seine „locibus“ als auch über die Unverschämtheit, ein Heft mit solch beschmiertem Löschblatt drin „abliefern“ zu wollen. Das letztere aber werde ich konfiszieren, und Zeichenstunde soll der Junge auch haben; dieser Signifer hat doch etwas zu lange Arme.
Eine halbe Stunde sitze ich nun noch arbeitend, dann schlägt es auf der Sophienkirche Sechs. Ich weiß nicht, ist es das schlechte Beispiel, welches mir da eben gegeben wurde, oder der blaue Sommerhimmel und die Sonne draußen; auf meinem Papier rücke ich nicht weiter, wohl aber unruhig auf dem Stuhle hin und her. Elise hat übrigens auch recht: „unsere“ Tinte ist wirklich abscheulich. Ich schlage meine Bücher zu, ziehe den Rock an und gehe den Tönen eines Fortepianos nach, welche von drüben herüberklingen. Wenn ich in Nr. Zwölf die Treppe hinaufgestiegen bin, so finde ich dort in dem einfach aber hübsch ausgestatteten Zimmer des ersten Stockes eine Dame vor dem Klavier sitzen, die mir freundlich zunickt, ohne sich in ihren Phantasien stören zu lassen. Ich setze mich neben die Rosen- und Resedatöpfe im Fenster, der Musik lauschend, und kann dabei zugleich einen musternden Blick über das Zimmer gleiten lassen. Hier gleich neben mir unter den Blumen steht Flämmchens Messingbauer, in welchem der kleine Vogel bereits auf der Stange sitzt, und das Köpfchen unter den Flügel gezogen hat. Müde von den Anstrengungen des Tages, ist er früh zu Bett gegangen. Im zweiten Fenster, mir gegenüber, steht ein ähnliches Nähtischchen wie das, vor welchem ich sitze; ein Stickrahmen mit angefangener Arbeit liegt darauf. Das ist Elisens Platz; auch sie hat wie Flämmchen hier eine zweite Behausung. Zwischen beiden Fenstern, gegen das Licht gezogen, macht sich ein einst rot bemalt gewesener Tisch breit; bedeckt mit Büchern, Schreibzeug, Heften, Federmessern usw. usw.; bekritzelt, zerschnitten, zerhackt, ist er der Schauplatz von Gustavs „stillen Freuden“.
Hier brütet das Genie über seinen „locibus“, den Kopf auf beide Fäuste gestützt und in den Haaren wühlend; hier füllen sich die Blätter mit Fratzen aller Art, statt mit lateinischen Phrasen; hier werden alle die Dummheiten ausgebrütet, welche die Gasse in Verwunderung und Verwirrung setzen sollen; hier werden mit dem demütigsten Gesicht, der reuevollsten Miene, die Ermahnungen und Vorwürfe, welche die Mutter von ihrem Thron herab auf das Haupt des Taugenichts der Sperlingsgasse schüttet, in Empfang genommen und richtig quittiert durch — einen tollen Streich, eine Viertelstunde nachher; hier, kurz hier — ist Gustav Bergs Schreibtisch!
Als die Tante Helene ihr Spiel beendet hat, erzähle ich ihr die Geschichte des Katzendiners, von dem sie natürlich noch nicht das mindeste weiß.
„Ich kann ihn nicht bändigen!“ ruft sie halb lachend, halb in Verzweiflung aus. „Und die Elise verdirbt er mir auch ganz! Statt zu sticken und Vokabeln aufzuschlagen, schießen sie sich mit Papierkugeln; wenn er ihr einen Käfer in den Nacken gleiten läßt, bin ich sicher, daß sie ihm einen Zopf ansteckt oder einen Eselskopf auf den Rücken malt. Ich spreche und schelte mich heiser und müde, aber es hilft nichts! ‚Tante, er hat angefangen, ich saß ganz ruhig!‘ ‚Mutter, ’s ist nicht wahr, sie hat zuerst geschossen!‘ So geht das den ganzen lieben Tag! Wo mögen sie nur jetzt wieder stecken?“
„Wenn man den Wolf an die Wand malt, so kommt er um die Ecke!“ sagt das Sprichwort, und unsere Altvordern wußten, was sie taten, als sie es aufbrachten. Mit Helenens Frage öffnet sich die Tür, oder vielmehr, sie wird aufgerissen, und herein, hochrot, stürzen — Windbeutel und Wildfang! Kaum erblickt mich aber Freund Gustav, so macht er Kehrt und sucht schleunigst die Tür wiederzugewinnen, glücklicherweise aber bin ich diesmal schneller.
„Halt, Meister! hiergeblieben!“