Den Ersten nennen wir bei der Fahne den Weckauf, der geht auf sein Wohl bergunter, Meister Müller. Den Zweiten nennen wir den Nebeldrücker; diesen bringe ich Ihr zu, Frau Meisterin, und verhoffe, daß Ihr kein Nebel in diesem Jahre den Dampf antue. Den Dritten nennen wir den Lerchentriller, und den trinke ich zum Schluß auf dein Wohl, Musketier Bodenhagen. Von den Lerchen ist freilich gegenwärtig noch nicht viel zu sehen und zu hören in der Luft — es sieht mir vielmehr nach einem ordentlichen Schneefall aus. Aber einerlei, ein Soldat marschiert mit gleichem Mut durch jedes Wetter; also habt allesamt Dank für eure kompläsante Aufnahme und fürs gute Quartier; und Ihm, Meister Müller, wünsche ich noch ganz apart beiseite, daß Er recht behalte, und daß das, was Er da eben so grausamlich vollführet hat, Ihn und sein Hauswesen vor allen Halunken von Geistern und Gespenstern schütze und nicht bloß vor denen, die in Seinem Mühlwasser ihr heimtückisch Wesen treiben.“
Also sprach am anderen Morgen gegen neun Uhr der Korporal Jochen Brand, und der Meister Christian entgegnete ihm:
„Seinen Wunsch will ich annehmen und gelten lassen, obgleich Er ihn wohl ein wenig feiner hätte vorbringen können. Sonst aber hat Er mir ganz wohl gefallen, Korporal, und es freut mich, daß mein Junge unter Seinen Stock unterm Volk geraten ist. Das Quartier war gern gegeben, und wenn Ihn Sein Weg schon nochmals hier vorbeiführen wird, so erinnere Er sich, daß ein Teller für Ihn ohne Maulverziehen mit Satisfaktion auf den Tisch gestellt wird.“
„Das ist ein Wort, Herr Vater, und ich bin der Mann zu dem Teller, Meister Müller. Aber nun adjes, Frau Mutter und Kamerad Albrecht! Bleibt gesund und munter. Beiläufig, es ist doch ein Gaudium, so frank und frei auf jeder Landstraße marschieren zu dürfen, ohne vor dem Colignon und seinen Leuten Bange zu haben. Da sieht man, wozu eine französische Kanonenkugel am richtigen Fleck nutze ist. Bon jour!“
Sie standen während dieser Reden alle auf dem Mühlenstege, der über die Innerste auf den Feld- und Wiesenweg nach Groß-Förste führte, und der Meister Christian Bodenhagen hielt im Arm die dickbäuchige Branntweinflasche, aus welcher er dem muntern Gast und braven Invaliden Seiner Majestät in Preußen zum fröhlichen Abschied den Weckauf, den Nebeldrücker und Lerchentriller eingeschenkt hatte. Aber auf diesem nämlichen Stege hatte er, der Alte, im Augenblick vorher ein anderes nach seinem Vornehmen ins Werk gerichtet, was auch des Erzählens wert ist.
Wenn das Wasser, die Innerste, geschrien hat, so will sie ihren Willen haben, und wehe! wenn sie den nicht kriegt. Ein lebendiges Landtier fordert sie für ihren gierigen Hunger, und am liebsten ist ihr ein schwarzes Huhn; weshalb, das weiß man nicht. Bekommt sie ihren Willen nicht in Zeit von vierundzwanzig Stunden, wird ihr das Huhn nicht mit gebundenen Füßen und Flügeln in den Rachen geworfen, so hilft sie sich selber. Sie versteht es, sich selber zu helfen, und holt sich einen Menschen — ohne Gnade und Gegenwehr einen Menschen! — und zwar noch in dem nämlichen Jahre. Manchmal wartet sie heimtückisch boshaft bis in die letzte Stunde; aber sie erhascht ihr Opfer und sollte es auch erst in der letzten Minute des letzten Dezembertages geschehen.
Diesmal jedenfalls hatte sie ihren Willen gehabt; der alte Müller an der Innerste, Meister Christian Bodenhagen, hatte die ganze Nacht hindurch ein zu seinem Unglück schwarzgefiedert Huhn, das ruhig und ahnungslos auf seinem Balken schlief, nicht aus seinen Gedanken und Träumen gelassen, und nun — hatte es die Innerste bereits wie der Colignon den Rekruten, auf welchen er’s abgesehen hatte. Die Zuschauer hatten mit geheimem Schauder das elende Tier in der Mühlrinne zappeln sehen und kreischen gehört — die Innerste hatte ihre Beute verschlungen, und selbst der Korporal Brand hatte es nicht gewagt, den Meister Christian auszulachen. Der Korporal hatte sogar dem jungen Müller leise den Ellbogen in die Seite gestoßen und ihm hinter dem Rücken der Hand zugeflüstert:
„Du! Der König Fritze würde zwar über dieses auf Französisch gelacht haben, doch mir ist’s augenblicklich gar nicht lächerlich mehr. Nun ist mir doch wahrhaftig selber, als hätte ich gestern abend ein Geschrei gehört! Alle Wetter, Musketier Bodenhagen, gib mir acht, daß du für dein Teil auch immer ein schwarz Huhn zur Hand hast, wenn du hier allein Herr und Meister sein wirst. Selbst wenn mir jetzo die Sonne auf den Weg scheinen täte, was sie nicht tut, so würde sie mir diese Narrheit nicht aus dem Kopfe scheinen. Was ich gestern abend gesagt habe, behält eben doch seinen Sinn. Merk dir’s, Kamerad.“
Darauf hatte der junge Müller seinerseits dem Korporal den Ellenbogen in die Seite gesetzt, aber nur stumm dazu geseufzt. Der einarmige Invalide verschwand auf dem Wege nach Groß-Förste im Morgennebel, und der Meister Christian sagte:
„Ja, ja, Albrecht; wärst du mir so wie der nach Hause gekommen, so hätt’s mir auch besser gefallen. Das ist wenigstens ein Kerl und kein Windsack. Marsch an die Arbeit! was steht Er da und gafft, Junge?“