„Warte Er nur, Freund, bis ich meines Weges gegangen bin und Ihn der Meister Hämmerling auf dem Galgenberg von der Leiter gestoßen hat. Es wird schon eine Zeit sein, wo die ganze wilde Jagd hübsch warm beisammen ist. Wer die richtige Geduld hat, wird manche kuriose Dinge in der Welt zuletzt in ein Bündel knoten. Was bringt Er mir mit nach der Buschmühle, Jochen?“

Da beugte sich der Einarm näher zu dem Mädchen und sah ihr ernst, fast grimmig ins Gesicht und antwortete:

„Dein Narr bin ich und bleibe ich; aber den Gang geh’ ich doch nicht wieder für dich; und wenn du wirklich ein Weiberherz in der Brust trügest, so ließest auch du das Vergangene auf sich beruhen, zumal solch einem armen Tropf gegenüber, der, wenn er dich gekränket hat, dazu gekommen ist, wie zu allem andern in seinem Leben, ohne wie ein rechter Mann davon zu wissen. Doris, wäre er ein richtiger Kerl, so möchtest du deinen Groll büßen, so wild du wolltest, und sein jung Weib müßte seine Schuld mit auf sich nehmen. Aber er ist ein Tropf, ein Schwachherz, und wenn du da die Unhuldin spielen willst, ist’s nicht aus eigenem Herzensjammer, sondern aus Bosheit und Lust am Schaden. Ich bin wieder in der Sarstedter Mühle eingekehrt, und ich sage dir, du sollst die Leute in Frieden ihr Leben leben lassen. Hier hast du dein Leben, wie du es verlangst, und kannst kein anderes gebrauchen! Da unten sitzen sie wie die Kinder im Winkel, und du hast nichts hinter ihrem Ofen zu suchen. Was du zu sehen nötig hattest, hast du im Sommer selber gesehen; — sie haben Vater und Mutter begraben und haben in Sarstedt mit dem Meister Tischler einer Wiege halber gesprochen. Sie haben mich zu oberst an den Tisch gesetzt, und du — sitzest hier oben wie eine wilde Königin — keine zahme hat’s mehr nach ihrem Wunsche.“

„So?!“ sagte oder fragte die Jungfer Radebrecker, und der Korporal Brand, mit der gesunden Hand auf den Tisch schlagend, rief:

„Ja! so! — Doris, Doris, ist es denn nicht so? Ich bin nicht dabei gewesen, als der arme Flederwisch, der wilde Bodenhagen, zuerst hier in der Buschmühle das Handwerk grüßen wollte; aber aus eigener Experienz weiß ich, was er gefunden hat —“

„So?!“

„Ja, und weil ich das weiß, und obendrein auch noch, daß ihn der Colignon nur zu seinem Besten abgeholt hat, sage ich zum dritten und letzten Mal, Jungfer Radebrecker, habe Sie ein Einsehen und Erbarmen und führe Sie nicht Krieg, wo es nicht vonnöten ist. Ich komme auch aus dem Kriege und weiß, was es damit ist. Der Albrecht ist doch nichts weiter als ein groß Kind, und wollte Sie sich eine Haselrute da aus dem Busch an der Innerste holen und ihn über die Bank ziehen, so wollte ich mich Ihr wahrhaftig nicht in den Weg stellen; ich habe ihn ja selber mehr als einmal unter dem Prinzen Ferdinand über ein Bund Stroh gelegt. Weil aber sein Herr Vater und andere Leute dieses schon nach besten Kräften besorgt haben, so lasse Sie nun seinem Leben den Lauf und schreie Sie ihm nicht hinein, denn Sie treibt nicht ihn allein ins Elend, und das kommt Ihr nicht zu, denn das ist nur ein Recht, wie es das Wasser, der Bach, die Innerste sich nimmt, wenn’s hier in den Bergen sich allerlei hat gefallen lassen müssen und nun hervorbricht und den armen Bauern im Hildesheimschen die Äcker und die Wiesen ruiniert. Ich bin auch Korporal in einem Freibataillon gewesen und habe manches mitgemacht, was gen Himmel gestunken hat; bei Minden auf dem Feld liegt mein rechter Arm, und — so spreche ich heute in der Buschmühle. Ich weiß wohl, daß wir nicht in einer Welt leben, wo alles glatt ab- und hingeht wie auf einer Potsdamer Parade vor Seiner Majestät. Aber der König Fritz kümmert sich heute auch wenig um Puder und Zopf; er marschiert in Schlesien durch Blut und Brand, und in seiner Residenzstadt Berlin sind anjetzo die Russen und die Österreicher, der Tottleben und der Lascy; — wer sich da als ein ehrlicher braver Kerl und als ein lieb, gut Weib zurechtfindet in der Welt, der hat Ehre davon. Ich überlegte es mir doch noch einmal in meinem Leben, Jungfer Radebrecker.“

Die Tochter des Buschmüllers war bei dieser Rede des Korporals Jochen Brand aufgesprungen und wild in der rauchschwarzen, wüsten Stube hin- und hergegangen. Ihr Messer hielt sie wie einen Dolch, und nun trat sie dicht an den Invaliden heran, legte ihm die Faust mit dem Messer auf die Schulter und nahm ihn mit der anderen Hand an dem gesunden Arm.

„Er ist ein guter Kamerad, Jochen,“ sagte sie, „und Er hat ein gutes Wort gesprochen; aber was weiß Er denn von mir und vom Albrecht Bodenhagen? Meinen Vater kennst du, und meine Mutter hättest du kennen mögen, um das Teufelskleeblatt beisammen zu haben. Du hast’s eben noch selber gesagt. Hier in der Buschmühle bin ich geboren und auferzogen worden, und jetzt bin ich, wie ich bin, und wenn ich wie das wilde Wasser, die Innerste da vorm Fenster, bin, so kann ich’s nicht ändern —“

„Dann laß deine Tollheit an uns aus, Doris,“ brummte der Korporal, „du weißt, daß wir zu Dutzenden über jeden Stock springen, den du uns vorhältst. Zum Exempel, mit mir kannst du machen, was du willst, aber das Kindervolk da unten im Lande sollst du mir jetzt in seinem Spiel ungeschoren lassen!“