Da stieß die Doris Radebrecker einen Schrei aus, der auch ein Geschluchz war.
„Was habe ich denn mit euch? Was habe ich mit dir, Jochen Brand? Mit dem armen Tropf, dem Weichmaul, dem blöden Schäfer, der den tollen Bodenhagen spielte, hab’ ich’s. Was weißt du von mir und ihm? — Er hat mehr gekriegt als ihr anderen alle, und es war eine Zeit, da hätte er mich wohl zu einem lieben, guten Weibe machen können! und jetzo soll er die Rechnung zahlen, der Müller von Sarstedt, und ihr — ihr sollt mich nicht umsonst die Innerste nennen!“
Der Korporal Brand sah die Jungfer Radebrecker mit einem grenzenlosen Erstaunen — mit offenem Munde an; aber draußen bellten von neuem die Hunde, und allerlei Stimmen ließen sich vernehmen. Es kamen allerlei Gäste des Buschmüllers.
Zehntes Kapitel.
Im Oktober gehen die Tage bald zu Ende, und aus dem Wind wird schnell Sturm. Dann muß man in den wilden Bergen wohnen und im Zwielicht vor die Tür treten und den Wind, den Wald und das Wasser reden hören. Dann ist es auch gut, Bescheid zu wissen in den alten Sagen seines Volkes, den Liedern, die die Großmutter sang, und der Weisheit des Urgroßvaters. Und wenn noch gar der Krieg von ferne donnert, dann läßt es sich gut zurücktreten von der Schwelle, die Tür verriegeln und am Herde am warmen Ofen niedersitzen. Ängstlich, aber auch heimelig und lieblich ist’s dann, beim Lampenschein liebe Gesichter — junge und alte — um sich zu sehen und bekannte junge und alte Stimmen zu hören; — mit sonderbar heimlichen und unheimlichen Fingern zupfen Vergangenheit und Zukunft dann an der Behaglichkeit der Gegenwart. Die Augen soll man ja nicht schließen, wenn das fröhliche Gespräch zu einem Flüstern herabsinkt; es ist, als spreche die Zukunft, in dem Sturme draußen; — den Verständigsten, den Nüchternsten kann eine Angst überkommen, daß er die guten Gesichter nicht mehr im Kreise um sich her finden werde, wenn er wieder die Lider aufschlägt und umhersieht.
Es gibt aber vielerlei Gesichter und Stimmen in der Welt. Das merkt man recht, wenn man bedenkt, was alles sich um so einen winterlichen oder herbstlichen Herd niedersetzen und über seine Lust und sein Leid, seine Pläne, Sorgen, Taten und Gedanken verhandeln kann. In der Buschmühle nun lachten und jauchzten keine fröhlichen Kinder, erzählte nicht der brave Vetter Michel, wie es ihm den Tag über ergangen war, kam nicht die Base und die Nachbarin mit dem Spinnrad und saßen nicht Großvater und Großmutter von ihren Enkeln umgeben. Der Ofen glühte, als es Abend geworden war, der Tisch war zurechtgerückt und die Gäste vorhanden. Die Innerste saß an der einen Seite des Ofens, der Einarm an der anderen, der Meister Radebrecker aber oben am Tisch. Das alles in den richtigen Farben zu schildern, hätte einem kuriosen Maler zu schaffen gegeben; und für ein Ohr, das nicht zu fein gebaut war, mocht’s auch ein seltsames Gaudium sein, das zu belauschen, was da hinüber und herüber geredet, geschrien und geflucht wurde. Aus der Bibel wurde nicht vorgelesen. Es gab zwar eine Bibel in der alten Sägemühle, aber sie war in einer Bodenkammer als Ersatz für einen fehlenden Fuß einem wackelnden Schrank untergeschoben. Eine Zeitung kam im Jahre 1760 nicht in die Bergstädte Grund, Lautenthal und Wildemann, und also in die Buschmühle gar nicht.
Die großen Welthändel wurden damals von Mund zu Munde umgetragen, und vielleicht stand sich die Welt dabei nicht schlechter als heute. Die Wahrheit kam jedenfalls eben so selten zu kurz wie heutzutage.
Der Invalide von Minden war nicht der einzige gewesen in diesem Kreise, der den Krieg gesehen, und die Jungfer Radebrecker nicht die einzige, welche ihr Brot mit einem blutigen Messer geschnitten hatte. Wanne, die Innerste, hatte kein zu feines Ohr, sie konnte alles anhören und über alles mitlachen, und ihre eigenen Worte legte sie gleichfalls nicht auf die Goldwage! Ihre helle, klare Stimme überklang oft das wüsteste Gelärm dieser nächtlichen Mühlgäste, und als sich einmal zwei derselben über den Tisch in die Haare gerieten, fiel sie dazwischen und zwar auch mit einem Fluch, der die ganze Gesellschaft zum Lachen brachte und den Meister Radebrecker zu einem abermaligen zärtlichen Lob seiner Tochter.
Sie kamen aber nicht allein wegen der Küche und des Kellers des Buschmüllers zu dieser Stunde zusammen. Sie hatten nicht bloß zu bramarbasieren und sich ihrer selbst zu rühmen. Es wurde auch verständig geredet, und von Zeit zu Zeit nahm der Alte einen beiseite und flüsterte mit ihm, oder führte ihn wohl gar vor die Stubentür, um dorten weiter mit ihm zu flüstern.