Daß in Corvey die Mauern noch heil und die Türen nicht ausgehoben oder eingeschlagen waren, wissen wir jetzt; in der Beziehung hatte das Stift es besser als die Stadt; sonst aber ließen die Zustände nach dem Abzug der hohen Bundesgenossen auch bei den guten Benediktinern vieles zu wünschen übrig.

Der Pater Adelhardus gab nunmehr dem Bruder Henricus ausführlichen Bericht darüber.

„Ich rate dir, mein Sohn,“ sprach er, „halte dich an die Knochen; ich habe einen harten Kampf gefochten, ehe ich sie hier im Klosett in Sicherheit hatte. O gula, gula hominum! Ach, über der Menschen Freßgierigkeit! es war nicht einer, nicht ein einziger unter der Brüderschaft, der mir die schmalen Bissen gönnte. Aber sie sollen es verspüren beim nächsten Bräu; Cellarius sum, ich bin der Kellermeister! Halte du dich an mich und nimm vorlieb mit dem Schinkenbein; an den Puterhahn hab’ ich mich gehalten; doch nur weil seine Besitzergreifung mir die größesten Ängste und Nöte verursacht hat. Wahrlich, sie bliesen alle selber die Kämme auf und waren hinter mir drein mit kalekutischem Gekoller, sed palmam reportavi, ich habe obgesieget!“

„So schlimm steht es hier bei Euch, Vater Adelhard?“

„Woui, mon fils. Ehe sie uns nicht neues Schlachtvieh aus den obern Dörfern zutreiben, ist freilich Hunger der beste Koch zu Corvey. An den Geflügelhof mag ich gar nicht gedenken. Halte dich an den Schinken, Sohn Heinrich: Buchweizen heißt es morgen, und Buchweizen wird es auch übermorgen heißen. Buchweizen, Buchweizen, eine gesunde Zukost; aber ich liebe dich, Henrice, und bin nicht wie die anderen: ich gönne dir den Schinken und sehe zur Seite, während du speisest.“

Er sah wirklich weg, wenngleich tief seufzend.

Und es blieb freilich von dem Schinken wenig für den andern Tag übrig. Seit langer Zeit hatte kein Corveyscher Mönch sich mit so gutem Rechte zu seiner „Palme“ eine Märtyrerkrone verdient, wie der Vater Adelhard von Bruch an diesem Abend.

Jetzo aber schlug der mächtige Knochen wie Holz auf den Teller; der Bruder Henricus war gesättigt, und der Humpen nahm seinen Weg zwischen den beiden braven alten Gesellen wieder auf.

„Du hättest doch zu Hause sein sollen,“ sprach der Cellarius. „Wie es bei uns herging, als der Herr von Turenne sein Hauptquartier in Höxter nahm, weißt du noch; aber wie freundlich noch zu guter Letzt der Kommandante, den Turennius uns zurückließ, der Herr von Fougerais, war, das ist dir nun leider entgangen. Hoch ging’s her, bei Tage und bei Nacht. Sie konnten nicht von uns lassen, und es wäre auch dumm von ihnen gewesen, denn wir trugen ihnen auf, daß die Tische knackten — o, du hättest die Brüder sehen sollen. Das ging so hin — unser griechischgelehrter Vater Agapetus hat es uns aus dem Homero verdeutschet — weißt du, Sohn Heinrich, wie, wie — im Schlosse des Königs Odixus; und das Stift war die Königin Penelope, und die Franzmänner waren die ambitores, die proci, die Freier! Ebibe! trink aus, mein Sohn; deposuimus eos vino, wir haben sie häufig genug zu Boden getrunken; aber sie standen immer am andern Morgen wieder auf. Seine fürstlichen Gnaden von Münster, unser Herr Administrator, können es uns nimmer vergessen, was wir alles angestellt haben, um hochdero Verbündeten den Aufenthalt bei uns kommode zu machen; ob sie uns freilich die Auslagen wieder ersetzen werden, das stehet wohl dahin. Man hat so glorreiche Alliierte eben nicht um ein Stück Haferbrot und einen Trunk aus der Schelpe, was sonst ein gar kühles und gesundes Wasser sein soll!“