„Sieh, sieh!“ sagte er, und die Szene war in der Tat recht kuriös zu betrachten. Die katholischen Huxarienses stürmten die lutherische Pfarrei und waren natürlich zuerst auf die Frau Pastorin gestoßen, die von der Pforte ihres Hauses aus, mit dem Besen in der Hand, den tollen Haufen fürs erste noch mit merkwürdigem Erfolg bekämpfte. Über sein Weib weg sprach der ehrwürdige Herr mit hocherhobenen Armen Vernunft und dieses ganz vergeblich; — sein Küster war’s, der im Turm von St. Kilian am Glockenseil hing und für die Augsburgische Konfession um Hülfe läutete, während von St. Nikolaus herüber das Geläut kam, das für den zehnten Klemens — Altieri — sich an die städtischen Auktoritäten, das Stift Corvey, den Bischof von Münster und den dunkeln, stürmischen Nachthimmel wandte.

Sie hatten Fackeln mitgebracht, die Tumultuanten, um ja an keinen Stein auf ihrem Wege zu stoßen. Bei dem flackernden Lichtschein beobachtete der Student alles ganz genau, hielt sich jedoch seinerseits vorsichtig so viel als möglich im Schatten.

„Coraggio, chère tante,“ jauchzte er. „Siehest du, Freund Säuberlich, das heißt man eine treffliche Quart. Pariere den! ... Hui, der saß wieder, gerade auf dem Schnabel. Siehst du, mein Sohn, da hast du dein Maul voll von dem französischen Nachlaß in den Gossen von Höxter! O papae, schlägt die Papissa eine gute Klinge oder besser einen saftigen Besen!“

Das tat sie; allein zuletzt half es doch wenig gegen den übermächtigen Andrang. Sie wich, und wäre die Päpstin Johanna an ihrer Stelle gewesen, so würde die auch gewichen sein. Der Student auf seinem Steine drückte die Faust auf die Milz:

„Was fällt er ihr denn in die Parade? Soll das Wort hie mehr helfen als die Tat der Heldin? Retro retrorsum, Domine Pastor, halten Sie sich nicht auf! Herr Onkel, — da, da!“

Es war ungefähr so. Der würdige Herr von St. Kilian hatte eingesehen, daß hier sein Wort von so schlechtem Nutzen sei als der Besen seines Ehegesponses. Er hatte den Arm der Gattin erfaßt und zog sie rückwärts die Treppenstufen hinauf in die Pforte des Hauses. Hinter ihnen drein brüllte der Haufen, hinter ihnen drein lachte der schadenfrohe Neffe:

„Holla, es ist nicht das erste Mal heute, daß Ihr sie einem vor der Nase zuschlagt und den Riegel vorschiebt! So habt Ihr es denn, wie Ihr es gewollt habt!“

Contra aegida Palladis ruere, mit dem Kopf gegen die Schürze der Weisheit stoßen, nannte er’s dann, als die Vordersten der erbosten Bande, von den Hintersten geschoben, mit den Stirnen gegen die verrammelte Pforte anrannten. Das Höxter des Jahres 1673 ließ die Knüppel fallen und griff zu den Steinen.

Es flog der erste gegen die lutherische Pfarrei, ihm folgte das erste Dutzend. Noch einen kurzen Augenblick zeigte sich Dominus Helmrich Vollbort am Fenster, dann verschwand er im Innern des Hauses. Die geistliche Frau hielt sich einen Augenblick länger; jedoch die Ochsenaugen zersplitterten um sie her. Sie verschwand gleicherweise, während, wie der Pater Adelhardus sich ausgedrückt haben würde, die infestatio cum bombardis, das Bombardieren fortdauerte. Und in dem Augenblicke, wo die Not am größesten wurde, verstummte der angstvolle Hülferuf vom Turm; eine Handvoll biederer Höxteranischer Stadtinsassen hatte die Tür des heiligen Kilianus, durch welche der Küster eingeschlüpft war, erbrochen, hatte den Küster am Werk und am Seil gefunden, und — jetzt läutete er nicht mehr, sondern aber es wurde auf ihm geläutet; er bekam Prügel, entsetzliche Prügel.

Zerreißen, um an zwei Orten zugleich sein zu können, konnten wir uns leider nicht, aber daß die Katzenmusik, welche die lutherischen Huxarienser zu Ehren des französischen Abmarsches den Minoriten bei St. Niklas besorgten, nicht geringer ausfiel als die bei St. Kilian, das können wir auf unser Wort und unsere Ehre versichern! Die katholische Pfarrei litt nicht weniger von den Freunden unseres Freunds Lambert Tewes als die lutherische; das Schauspiel war das nämliche dort wie hier. Es fiel in Wort und Werk nichts daneben, und der einzige Trost für die Herren bei St. Niklas am Klaustor lag einzig und allein in dieser bösen Nacht darin, daß es den „Herren von der andern Seite“ gerade so ergehe: ein leidiger Trost ist eben auch ein Trost.